Novelliertes kirchliches Arbeitsrecht

Den Gewerkschaften gehen die neuesten Liberalisierungen im kirchlichen Arbeitsrecht nicht weit genug, dessen Novellierung durch die deutsche Bischofskonferenz auch auf jüngeren Gerichtsurteilen beruht.

Unabhängig von der Frage, welche „verbrieften“ Freiheiten ich persönlich mir auch für kirchliche Arbeitnehmer wünsche, deren Familienverhältnisse beispielsweise nicht den Idealen der katholischen Morallehre entsprechen – ich finde ganz entschieden, hier sollte die Kirche noch wesentlich „entspannter“ werden -, muss ich doch ebenso deutlich folgendes feststellen:

Eine Gesellschaft ohne „Tendenzschutz“ ist eine Gesellschaft ohne Kultur.

Wer so wie etwa „ver.di“ den „Tendenzschutz“ prinzipiell bekämpft, ist selbst eine hoch tendenziöse gesellschaftliche Kraft.

Überdies sind die Gewerkschaften durchaus ideologieverdächtig. Sie glorifizieren die geldentlohnte Erwerbstätigkeit zum alleinigen Goldstandard gesellschaftlicher Teilhabe. Für Menschen ohne sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sehen sie sich in keiner anderen Form zuständig als in der, ihnen eine solche Beschäftigung zu verschaffen. Das ist hochgradiger sozialtheoretischer Tunnelblick. Und mit christlichem Weltzugang grundsätzlich nicht leicht vereinbar.

Warum muss eine tendenzgeschützte Organisation einer anderen, weltanschaulich in eine heterogene Richtung tendierenden Struktur, wie einer gewerkschaftlich angebundenen Mitarbeitervertretung, prinzipiell einen geregelten Anteil an ihrer Selbstbestimmung gewähren? Selbsterklärend ist diese merkwürdige Forderung tatsächlich in keiner Weise.

Es sei denn, diese Forderung würde automatisch den Umkehrschluss implizieren, dass künftig jede Gewerkschaft auch einen kirchlichen Aufsichtsrat mit gewissen Mitbestimmungskompetenzen in ihre Strukturen integrieren muss. Klingt merkwürdig? Eben.

Es gibt nicht nur keine echte Kultur, sondern überhaupt keine lebendige Gesellschaft ohne das Recht zur Tendenz – auch das institutionelle.

Gewisse juristisch formalisierte Ordnungsvorstellungen, die in Wirklichkeit viel subjektiver, willkürlicher und doktrinärer sind, als sie verbreitet wahrgenommen zu werden pflegen, entwickeln in der deutschen Gegenwartsgesellschaft derzeit ein Maß an ideologischer „Totalität“, das sie im westlichen Nachkriegsdeutschland bislang nie hatten.

Nichts gegen ein gutes Arbeitsrecht.

Aber neben und hinter diesem übersehen wir aktuell gerade eine bedenkliche Entwicklung, die sich langsam zu einem „blinden Fleck“ unserer kollektiven Mentalität auswächst.

Faire kirchliche Arbeitgeber? Ja, unbedingt.

Gewerkschaften, die sich wie selbstverständlich zu Sittenrichtern darüber aufspielen dürfen, wann kirchliche Arbeitgeber fair sind? Nein, keinesfalls – vollkommen unangemessen.

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