Noch ein Nachtrag zum historischen Jesus

Zu den bleibenden, ganz großen Rätseln des historischen Jesus könnte man neben seinen tatsächlichen Selbsttitulierungen, seinem exakten Verhältnis zum jüdischen Gesetz und der Herkunft und Bedeutung seiner Gleichnisse als vierten Punkt vielleicht auch noch rechnen, wie prominent er zu Lebzeiten wirklich war.

Das beste Argument für die Historizität Jesu von Nazareth ist jedoch immer noch die völlige Unglaubhaftigkeit, dass es in jener vom üblichen Scharfsinn lebendiger oraler Kultur geprägten Welt, aus der sein uns überliefertes Bild stammt, möglich gewesen sein sollte, eine solche Persönlichkeit gänzlich frei zu erfinden. Ihr Bild zu manipulieren, ja, ausgiebig; aber nicht sie komplett zu fingieren, diese Annahme ist absurd. Ihre Kontur enthält tiefste Stimmigkeiten hinter oberflächlichen Unstimmigkeiten, eine Komplexität, die literarisch zu kreieren Ausdruck einer Genialität wäre, die keinem individuellen menschlichen Geist realistisch zuzutrauen ist. Die Annahme einer Ahistorizität Jesu ist daher besten Gewissens als bloße Verschwörungstheorie von der üblichen intellektuellen Minderwertigkeit aller Verschwörungstheorien einzuordnen.

Richtig ist allerdings, dass weder das sogenannte „Testimonium Flavianum“ (da es mit ziemlicher Sicherheit gefälscht ist) noch Tacitus (weil er bereits Rezipient einer Tradition ist) dieselbe Beweiskraft für eine historische Existenz Jesu haben wie dieser eine, einzige, logische strukturelle Umstand.

Mir wird aber nach und nach vor allem ein Grund immer deutlicher, weshalb es Menschen von heute oft so schwer fällt, sich den historischen Jesus lebhaft vorzustellen: Wir leben hier und heute in hohem Maße in einer Kultur des „spirituellen Individualismus“. Ich zeige nicht mit dem Finger auf irgendjemanden, sondern das gilt ganz klar auch für mich selbst.

Das ist allerdings kein „Charakterfehler“, es ist kollektives kulturelles Schicksal. Zur vergleichsweise kollektivistischen Religiosität früherer Zeiten fehlt uns inzwischen die Mindestvoraussetzung gesellschaftlicher Homogenität. Es ist zu einem wesentlichen Teil unser „Pluralismus“, der uns den historischen Jesus so „unvorstellbar“ macht. Wir können uns nicht mehr vorstellen, wie konkret sich der historische Jesus auf gesellschaftliche und damit auch auf politische Allgemeinerfahrungen seiner Zeit und Weltgegend bezog, weil dergleichen Wahrnehmungen heute selbst innerhalb ein und „derselben“ Gesellschaft weitaus unterschiedlicher sein können. Aber man MUSS natürlich gegebenenfalls ganz erheblich „spiritueller Individualist“ sein in Gesellschaften, die insgesamt des Religiösen so verlustig gegangen sind wie unsere heutigen – und wie noch nie Gesellschaften zuvor in der Menschheitsgeschichte. Unsere soziokulturelle Situation wäre umgekehrt ja auch dem historischen Jesus ganz unvorstellbar fremd gewesen.

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