Mutmaßungen über Goliat

In 1Sam 17,55 scheint König Saul den jungen David nach dessen Sieg über Goliat noch nicht zu kennen, den er im Kapitel davor doch bereits als seinen Zitherspieler und Waffenträger angenommen hat.

Und 2Sam 21,19 registriert, ein gleichnamiger Goliat aus eben derselben Philisterstadt Gat sei von einem gewissen „Elhanan, Sohn Jairs“ getötet worden, einem der „Helden Davids“.

Codex Vaticanus Graecus 1209, einer der ältesten und wichtigsten Textzeugen der Septuaginta (der griechischen Version des Alten Testaments), enthält die Verse 1Sam 17,55-58 nicht. Aus diesem Umstand kann aber nicht geschlossen werden, dass der alttestamentliche Text sich zur Zeit der Konstantinischen Wende inhaltlich noch erheblich veränderte; auch ein Versehen ist möglich und recht wahrscheinlich – antike Kodizes waren wegen der Unübersichtlichkeit ihres Schriftbildes schwer zu redigieren.

2Sam 21,19 allerdings lässt in der Tat kaum einen anderen plausiblen Schluss zu als den, dass eine ältere Überlieferung erst später David angedichtet wurde.

Lassen wir den Befund der Textüberlieferung einmal getrost beiseite und stellen wir fest:

Wer immer die Samuelbücher endredaktionell komponiert hat, hat Widersprüche in sie mit aufgenommen, die keine Versehen sind. Denn praktische Lesbarkeit hin oder her – wer in der Spätantike und im Mittelalter die Heilige Schrift studierte, tat dies zwar mit weniger philologischem und historisch-kritischem Apparat als wir heute, aber mit mindestens ebenso viel scharfer Intelligenz des gesunden Menschenverstandes. Was in der Bibel steht, steht in jeder Hinsicht bis ins Detail ganz bewusst darin. Aber nach welcher Logik?

Über die Zeiten hinweg entstand eine ganze Reihe von Erklärungsmustern für solche eklatanten Widersprüche in der Bibel, manche davon höchst abstrus. Wie also sind diese Widersprüche aus heutiger Sicht zu bewerten?

Die Endredakteure der David-Erzählung wollten alle Traditionen ihres Volkes bewahren, deren sie habhaft werden konnten. Teils haben sie auf eine Harmonisierung dabei entstehender Widersprüche verzichtet, wenn sie andernfalls etwas hätten „unter den Tisch fallen lassen“ müssen, was ihre geistliche Loyalität ihnen nicht gestattete, die im Zweifelsfall stets größer war als die Verpflichtung, die sie gegenüber poetisch-narrativen literarischen Prinzipien empfanden.

Aber sie zahlten diesen Preis möglicherweise keineswegs mit dem Unbehagen einer literarischen Peinlichkeit zugunsten theologischer Redlichkeit. Man kann durchaus eine eigene Schönheit in der Annahme entdecken, dass Widersprüche in der Bibel Absicht sind und eine tiefe Bejahung seitens ihrer Verfasser genießen.

Es soll wohl nach ihrem Willen durchaus erkennbar werden, dass David weniger eine historische als eine theologisch-„funktionale“ Erzählgestalt ist. Die programmatische Fiktion darf durch die bisweilen groben Nähte des Plots hindurch scheinen. Denn ebenso wie ein perfekt geschliffenes Epos würde auch ein reine knochenhart-faktische Historie zu sein beanspruchender Text Gefahr laufen, in seiner theologischen und spirituellen Priorität verkannt zu werden.

Unsere Altvorderen hatten mutmaßlich eine erheblich besser ausgeprägte Fähigkeit als wir, einen Text auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu verstehen, ohne von den erzählhandwerklichen Spuren dieser Mehrdimensionalität kleinlich irritiert zu sein.

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