Missbrauch – nach B16 hätt ich dann aber auch noch meinen Senf dazuzugeben

Die laute breit-öffentliche Empörung über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche konzentriert sich immer mehr auf den Aspekt, dass viele Bischöfe ihre Täter-Priester geschützt haben und weiter schützen, und dass die römische Amtskirche inzwischen zwar den massenhaften Missbrauch bekennt, aber weiterhin nicht dessen nahezu systematische obrigkeitliche Vertuschung.

Die Debatte darüber wird aber nicht tiefgreifend genug geführt – nicht nur im jüngsten umstrittenen Beitrag von Ex-Papst Benedikt XVI. nicht.

Wo Menschen sich in einem hohen Grad in Institutionen organisieren, genießen sie die Vorteile und nehmen die Nachteile in Kauf; und wo Menschen entweder noch nicht an dem Punkt angekommen sind oder aber kritisch darauf verzichten, sich stark in Institutionen zu organisieren, genießen sie ebenfalls gewisse Vorteile daraus und nehmen andererseits gewisse Nachteile dafür in Kauf.

Es liegt im Wesen von Institutionen, dass sie Obrigkeitsstrukturen bilden, zu deren Grundaufgaben es gehört, alle Mitglieder der Institution in deren Auftreten und Tätigsein als solche zu schützen. Also schützt ein Bischof seine Priester und geht auch nicht zu Unrecht zunächst davon aus, dass ein der Sache nach grundsätzlich schwer beweisbarer Vorwurf wie sexueller Missbrauch womöglich dazu dienen könnte, den Beschuldigten und mit ihm die Institution zu diskreditieren. Es lässt sich kaum theoretisch verallgemeinernd festlegen, anhand welcher Kriterien ein Bischof an welchem Punkt anfangen sollte, den Schutz eines beschuldigten Priesters zurückzunehmen und stattdessen verstärkt dessen Disziplinierung in die Wege zu leiten.

Vermutlich werden tatsächliche und böswillig unterstellte Fälle sich immer korrespondierend häufen: Je mehr Vorfälle tatsächlich passieren, desto eher werden weitere fälschlich unterstellt; und je mehr Vorfälle zu Unrecht unterstellt werden, desto eher werden sich tatsächliche entsprechende Täter hinter der letzteren Argumentation verstecken. Es wäre lächerlich zu behaupten, dass grundsätzlich niemand dem Ruf einer weltanschaulichen Organisation Böses will; aber es ist genauso lächerlich, ignorieren zu wollen, dass die durch die faktische Erfahrung erheblicher Verleumdungsattacken verursachte Neigung zu starken institutionellen Schutzreflexen sehr wahrscheinlich wirklich ein Brutmilieu für Täternetzwerke begünstigt.

Der Verdacht, der katholisch-priesterliche Pflichtzölibat könnte in besonderer Weise psychosexuell unreife männliche Persönlichkeiten anziehen und im Sinne einer fortgesetzten entsprechenden „verordneten“ Entwicklungsstagnation auch „hervorbringen“, scheint mir zwar nicht von der Hand zu weisen, andererseits aber in diesem Zusammenhang auch nicht von vorrangiger Relevanz zu sein; denn Missbrauchsphänomene häufen sich nachweislich in allen in irgendeiner Weise und aus irgendeinem Grund besonders gegen die Gesamtgesellschaft hin abgeschlossenen sozialen Systemen – nicht nur in Kirchen, sondern beispielsweise auch in Internatsschulen, in Gefängnissen oder im Militär. Es ist unzulässig, die letztere Anmerkung eo ipso schon als „Abwiegelung“ oder gar „Problemleugnung“ abzutun – im Gegenteil, es ist sehr wichtig, das Problem in seinem weitesten Kontext zu betrachten, um es wirklich angemessen ernst zu nehmen und profund genug darauf zu reagieren.

Das diesbezügliche eigentliche Kernproblem ist also immer eine starke strukturelle soziale Separation bestimmter organisierter, institutionalisierter Gruppierungen. Die bestmögliche Antwort auf dieses Problem lautet, die Vorzüge der Vernetzung anzustreben, ohne dabei in die Schattenseiten des Institutionalismus zu verfallen. Das kann freilich immer nur ein lebendiger Balanceakt sein.

Zunächst einmal ist der Respekt vor dieser allgemein menschlichen Grundsituation wichtig. Die römisch-katholische Kirche ist schon seit langem schicksalhaft in traditions-archivalischem Institutionalismus erstarrt, und nicht jeder heutige Bischof dieser Kirche, dessen Amtshandeln sich nicht aus den Eigengesetzmäßigkeiten der überkommenen Bedingungen seiner Institution hinreichend zu befreien vermag, ist deshalb ein in letztem, bösem Sinne mutwilliger Missbrauchsvertuscher. Nur diese „barmherzige“ Perspektive birgt echtes Lösungspotenzial für das riesige aktuelle Problem, vor dem eigentlich alle Kirchen stehen, nicht nur die römisch-katholische Kirche allein.

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