Mein Beitrag zur Synode: Nachdenken über Rituskirchen

Am 27. Januar hat die Deutsche Bischofskonferenz endlich zu einer breiten inhaltlichen Beteiligung der Kirchenbasis am Fortgang der „Familien“-Synode aufgerufen. Dabei setzt sie den 13. März als Termin, zu dem die Beiträge in die Wege geleitet sein müssen. Dieser Rahmen von 6 Wochen lässt kaum Spielraum für Eigeninitiativen, die über die Beantwortung des abermaligen vorbereiteten Fragebogens hinausgehen. Bei allem Respekt vor der Notwendigkeit, einen so umfangreichen Diskussionsprozess effizient zu steuern, ist dies doch leider wieder mal eher eine Gängelung als eine faire Lenkung.

Folgenden Grundsatzgedanken habe ich zur Synode beizutragen:

Der Artikel über die römisch-katholische Kirche bei Wikipedia beginnt wie folgt: „Die römisch-katholische Kirche (…) ist die größte Kirche innerhalb des Christentums. Sie umfasst 23 Teilkirchen eigenen Rechts mit eigenem Ritus, darunter die nach Mitgliederzahl größte lateinische Kirche und die katholischen Ostkirchen.“ Liest man unter „Rituskirchen“ weiter, so erfährt man als erstes: „Als Rituskirche (CIC: ecclesia ritualis [sui iuris]) oder Teilkirche eigenen Rechts (CCEO: ecclesia sui iuris) werden 24 eigenständige Teilkirchen bezeichnet, die zusammen die eine römisch-katholische Kirche bilden. Dazu gehören die weitaus größte Lateinische Kirche (Westkirche) und die 23 Katholischen Ostkirchen, jede mit eigenem Ritus.“

Interessant: Eine der allerersten und grundlegendsten Informationen über die römisch-katholische Kirche schafft es für gewöhnlich kaum in unser alltägliches katholisches Bewusstsein.

Der Begriff „Rituskirche“ macht die Unterschiede zwar zunächst an der Liturgie fest; aber er umfasst auch eine Menge außerliturgischer Bestimmungen zur Kirchenordnung. Ein Beispiel aus dem Wikipedia-Artikel „Zölibat“: „Während das zölibatäre Leben in der lateinischen Teilkirche der römisch-katholischen Kirche für die Priester verpflichtend ist, gilt dies in den katholischen Ostkirchen sowie in den orthodoxen Kirchen nur für Bischöfe und Mönche sowie für Priester, die zum Zeitpunkt der Weihe unverheiratet sind.“

Es sind also durchaus und sehr wohl weitreichende Unterschiede möglich innerhalb der einen katholischen Kirche.

Gerade die Tendenz, diese Unterschiede abbauen zu wollen, wird zu einer Vergrößerung der Gefahr führen, die Einheit der Kirche dadurch zu sprengen und zu zerstören. Machtkleriker, die das nicht einsehen wollen, sind die größten Schädiger der katholischen Kirche.

Die katholische Kirche muss ihre heutige „postmoderne“ Lebenswelt zur Kenntnis nehmen und daraus reelle Konsequenzen ziehen. Jesus Christus selbst ist es, dessen Geist sie kategorisch zu dieser Haltung zwingt. Der postmoderne, „poststrukturelle“ „Turbo-Pluralismus“ wird meines Erachtens eine Öffnung der lateinischen Kirche für unterschiedliche Varianten ihrer Praxis unvermeidlich machen, wenn sie nicht leidvoll und kontra-intentional „zerbrechen“ soll.

Die einzige Alternative dazu wäre, abzuwarten, ob eine „natürliche“ Dynamik der Kirchengeschichte dazu führt, dass die Kirche in, sagen wir, hundert Jahren entweder nur noch aus „progressiven“ oder nur noch aus „neokonservativen“ Katholiken besteht und die Anderen verschwunden sind. Dass dies die bessere Lösung ist, darf schwer bezweifelt werden.

Zur Antwort auf die Frage, was wirklich die bessere Lösung ist, kann insbesondere das 7. Kapitel von Hubert Wolfs neuem Buch „Krypta“ empfohlen werden: „Die Gemeinden – Primat der kleineren Einheit“. „Subsidiarität“ ist ein spezifischer Schlüsselbegriff der katholischen Soziallehre, und viele der vergessenen und verborgenen katholischen Traditionen, die Wolf in seinem Buch beschreibt, zeigen deutlich, wie man die größte Religionsgemeinschaft der Welt wird – und wie man sie bleibt.

Wer den folgenden Vorschlag etwas ironisch „divide et impera“ nennen möchte – warum nicht. Der Kirche droht ohnehin – machen wir uns nichts vor – eine kapitale Zerreißprobe. Da sind Spötteleien unwichtig.

Es geht um die existenzielle Frage, wie es nach menschlichem Ermessen noch gelingen kann, dass unter dem Vorzeichen der extremen postmodernen Divergenz sowohl katholische „Traditionalisten“ und „Fundamentalisten“ als auch die sogenannten „Progressiven“ sich weiterhin in der einen, römisch-katholischen Kirche wiederfinden und zuhause fühlen können.

Dies ist ausschließlich möglich durch die Freiheit der einzelnen örtlichen Gemeinde, über ihren „Stil“ – wenn man so will, über ihren „Ritus“ – zu entscheiden.

Das betrifft sehr viele Fragen heutiger Kirchendisziplin, deshalb ist es ein grundsätzlicher Gedanke. An dieser Stelle habe ich ihn nun aber exemplarisch auf die konkreten, praktischen Fragen der aktuellen Familiensynode einzuengen:

Die einzelne Gemeinde muss beispielsweise entscheiden dürfen, ob sie wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zulassen will oder nicht. Diese Entscheidung hat in freier, gleicher und geheimer Wahl getroffen zu werden – am besten im Sonntagsgottesdienst, um vor allem diejenigen zu erreichen, denen ihre Kirche wirklich wichtig ist. Ein Priester, der die Entscheidung seiner Gemeinde nicht mittragen kann, muss um seine Versetzung in eine andere Gemeinde bitten.

Ich bin mir sämtlicher Implikationen dieses Vorschlags völlig klar bewusst. Aber eine solche Neuerung ist nichts gegen die strukturelle Katastrophe, die der katholischen Kirche nach menschlichem Ermessen andernfalls droht.

Und diese Veränderung ist anhand des Konzepts der Rituskirche nach dem katholischen Kirchenrecht möglich bzw. stimmig in dieses einführbar.

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