Mauerfälle

9. November. Wenn Deutschland den Fall der Berliner Mauer feiert – dieses Jahr zum 25. Mal -, feiert die römisch-katholische Kirche – dieses Jahr zudem an einem Sonntag – die Weihe der Lateranbasilika als der ältesten Papstkirche und damit traditionsgemäß als der „Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises“.

Mein Pfarrer hat das politische Fest heute geradezu ostentativ mit keiner Silbe erwähnt. In Ordnung. Aber eine kleine Revanche hat das doch verdient, indem ich ihm zeige, dass auch die Kirche zum heutigen Datum eigentlich angemessener Weise einen Mauerfall zu feiern hätte.

Evangelium des 9. November ist die sogenannte „Tempelreinigung“ Jesu in der Version des Johannes. Darin gibt Jesus als Begründung für seinen Furor die Erklärung ab: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ (Joh 2,16)

Was immer dazu gepredigt wird, ist absehbar. Auch ich selbst könnte angesichts der katechetischen Rahmenbedingungen einer Sonntagshomilie kaum etwas anderes dazu sagen. Außer das weiter unten Folgende. Aber zunächst einmal hätte ich gegen mein massives Widerstreben anzukämpfen, nicht sagen zu können, was dazu eigentlich zu allererst gesagt werden muss, was aber den Rahmen einer Predigt zu sprengen droht.

Es muss nämlich zuallererst darauf hingewiesen werden, dass die sogenannte „Tempelreinigung“-Szene in allen vier kanonischen Evangelien vorkommt; dass aber die anderen drei, die älteren, die „synoptischen“, dabei an einer entscheidenden Stelle ein anderes Wort verwenden als Johannes. Sie lassen Jesus nämlich nicht „Markthalle“ sagen, sondern „Räuberhöhle“. Damit wird der Zitat-Charakter dieses Ausspruchs Jesu deutlich: Er spielt auf Jeremia 7,11 an. Dort heißt es nämlich im Rahmen der „Tempelrede“ des Jeremia: „Ist denn in euren Augen dieses Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, eine Räuberhöhle geworden? Gut, dann betrachte auch ich es so – Spruch des Herrn.“

Diese Stelle ist ein gutes Beispiel für die Neigung des Menschen, scheinbare Bedeutungen allzu rasch zu erfassen und diese dann nicht mehr zu hinterfragen, sondern hartnäckig immer weiter auf ihren Irrtum bzw. auf ihr Missverständnis aufzubauen. Denn eine Räuberhöhle ist nicht der Ort, an dem Räuber rauben. Sondern an dem sie sich und ihre Beute verstecken, die sie anderswo, die sie „draußen“ gemacht haben. Was Jeremia damit sagen will – man lese den Kontext Jer 7,1-15 -: Wenn die „Gläubigen“ sich in ritualisierter Frömmigkeit an ihren Kultort „flüchten“, anstatt „draußen“ Gerechtigkeit zu üben, wird Gott darüber so erzürnt sein, dass er seinen eigenen Tempel zerstört. Im Altertum schützte die Nähe eines Altars allgemein vor Kapitalstrafen. Das ist der Grund, weshalb manche Übeltäter im Heiligtum, in das sie sich vor der Justiz geflüchtet hatten, lebendig eingemauert wurden – wie berüchtigterweise etwa der große Grieche Pausanias. Diesem Schutzbrauch, kündigt Jeremia an, wird der jüdische Gott selbst ein Ende setzen, wenn sein Volk Frömmigkeit mit Lippenbekenntnissen und Opferrauch verwechselt, während im ganzen Land vor den Tempeltoren schreiendes Unrecht zum Himmel schallt.

Hierauf bezieht sich Jesus leidenschaftlich. Das bedeutet aber auch, dass von einer „Tempelreinigung“ eigentlich gar keine Rede sein kann. Die Tatsache, dass der zentrale Tempel unvermeidlich auch ein großer Wirtschaftsbetrieb sein musste, interessierte Jesus überhaupt nicht. Ihm ging es um etwas viel Wichtigeres. Was bedeutete schon der Jerusalemer Devotionalien- und Devisen-Handel mit einer eigenen Tempel-Währung (in der die Opfergaben gekauft werden mussten, damit sie „rein“ waren) angesichts des furchtbaren Elends so vieler Menschen im ganzen Land?

An diesem Punkt stehen wir vor der unbehaglichen Frage, ob die Johannes-Perikope des 9. November also nichts als ein bedauerlicher Irrtum ist? „Setzen, Sechs, Herr Evangelist – Thema verfehlt. Nehmen Sie Nachhilfe in Philologie und historisch-kritischer Bibelkunde!“?

Wohl kaum. Der Johannes-Evangelist war ein brillanter Theologe und äußerte nichts unbedacht, unbewusst oder gar versehentlich. Oft scheint er über allgemeine historische Details der Jesus-Zeit mehr und genaueres zu wissen als die älteren Synoptiker. Er hatte offenkundig gründlichst recherchiert.

Nein, „Johannes“ hat sich an dieser Stelle ganz bewusst entschlossen, uns ein rascher einleuchtendes und leichter „verdauliches“ Thema zu „verkaufen“ als seine „Vorgänger“. Er gehorchte gesellschaftlichen Gegebenheiten, Bedingungen und Umständen: Von echter analytischer Exegese, die Raffinessen eines Textverständnisses erschließen kann, durfte er in seinem kulturellen Kontext nahezu nie und nirgendwo ausgehen. Also entschied er sich resolut für „Markthalle“ und legte damit eine plakative und jedermann unmittelbar eingängige „Message“ fest: „Tempelreinigung“.

Aber muss man es als heutiger kritischer und intellektuell anspruchsvoller Christ darum notwendig „schade“ finden, dass damit ein viel subtilere Botschaft verloren ging und – wenn sie uns auch in den Synoptikern glücklicherweise erhalten blieb – jedenfalls auch weiterhin an keinem 9. November der Christenheit verkündet werden wird, so weit wir irgend in die Kirchengeschichte vorausschauen können?

Nein, denn auch die Johannes-Version von Jesu Tempel-Showdown enthält eine ganz eigene theologische Finesse und Tiefe, auf die wir uns unbedingt eingehend besinnen sollten.

In der am 9. November gelesenen Perikope heißt es wenige Verse später, nachdem Jesus gefragt wurde, welche Vollmacht er habe, und behauptet, den Tempel wieder aufbauen zu können: „Er aber meinte den Tempel seines Leibes.“ (Joh 2,21) Und nicht zufällig enthält die Lesung des 9. November auch 1Kor 3,16-17: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.“

In Abgrenzung vom Leib-Seele-Dualismus der griechischen Philosophie, die dem umgebenden mediterranen Hellenismus mehrheitlich zugrunde lag, profilierte sich das Judentum stets mit seiner traditionellen Auffassung der untrennbaren Einheit von Leib und Person. Ob nun also ausdrücklich vom „Leib“ die Rede ist oder nicht: Immer ist, ob bei Paulus oder Johannes, die menschliche Person als Tempel Gottes gemeint.

Diese Einsicht hat aber gravierende Konsequenzen für unsere ganze Theologie der „Tempelreinigung“. Letztendlich lehrt uns Joh 2,16 damit nämlich nichts weniger Spektakuläres, als dass wir unsere ganze Person nicht zu einer Markthalle machen sollen. Das bedeutet mithin nichts geringeres als die Feststellung, dass die „persönlichsten“ Angelegenheiten im menschlichen Dasein grundsätzlich nicht ökonomisierbar sind. Die Folgen dieser Lektion sind, wenn man sie wirklich ernst nimmt, ungeheuer. Sie beinhalten unter anderem beispielsweise, dass wir es vielleicht aufgeben sollten, die Betätigungen, mit denen wir uns am liebsten beschäftigen, zu unserem Beruf machen zu wollen, mit dem wir unser Geld verdienen, weil gerade sie vor dem Maßstab des Wohls unserer Seele möglicherweise kategorisch nicht dazu geeignet sind, den Charakter von „Arbeit“ anzunehmen, jedenfalls nicht so, wie wir „Arbeit“ heute zu verstehen pflegen. Oder wir sollten die Phase, während derer wir unsere Kinder nach dem Prinzip von Lohn und Strafe, von „Zuckerbrot und Peitsche“ erziehen, auf das wirklich entwicklungsbiographisch Nötigste beschränken und so bald wie möglich versuchen, von diesem im Grunde äußerst misslichen Paradigma pädagogisch wieder los zu kommen, damit unsere Kinder lernen, dass die bedeutsamsten Werte im menschlichen Leben eben kein Fall für „Kuhhandel“ sind. Und so weiter. Es ließen sich noch viele weitere Beispiele finden, in denen es um unsere ubiquitäre Tendenz zur Total-Ökonomisierung unseres ganzen Lebens geht, von der wir uns nach dem Willen christlicher Theologie zu verabschieden haben.

Der wahre, letzte Tempel ist nirgendwo außer uns selbst – weder in Jerusalem noch um die nächste Ecke. Auch die Kirche vis-a-vis auf der anderen Straßenseite ist dem jeweiligen Standort unseres Leibes, das heißt unserer Person, als dem primären Ort unserer Heiligung klar nachgeordnet.

Aber das bedeutet zugleich notwendig auch, dass unsere wichtigste Kirche eben nicht in Rom steht. Es ist christlich-theologisch völlig verfehlt, den Jerusalemer jüdischen Tempel-Zentralismus, gegen den die Evangelisten so polemisieren, bloß durch einen römischen Kirchen-Zentralismus auszutauschen. Hierfür gibt es keine sinnvolle theologische Rechtfertigung.

Diese Erkenntnis ist ihr ganz eigener „Mauerfall“, den die Kirche am 9. November eigentlich tunlichst zu feiern hätte.

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