Mal wieder ein poetischer Text

– freilich ein teilweise äußerst scharf-ironischer: für Leser mit leicht verletzlichen kirchlichen Empfindungen vermutlich nicht geeignet bzw. nur auf eigene Gefahr! Bitte immer die Vorrechte poetischer Freiheit beachten, der nicht dieselben Maßstäbe gebühren wie sachlicheren Texten! Und immer bedenken: Nicht ich bin zynisch – Rom ist zynisch! Der Text ist bis auf wenige Ergänzungen bereits vor einigen Jahren entstanden. Ich veröffentliche ihn hier, weil ich aus heutiger Sicht der Meinung bin, dass er in keinem Buch erscheinen wird.

Eine Romreise

Eine biblische Flaschenpost, ein gläsernes Weidenkörbchen, eingeschlossen in ein hermetisches, starres, zerbrechliches, durchsichtiges fremdes Selbst, durch eine Unendlichkeit gleitenden Wandels treibend, die uns mal als reißender Wildbach, mal als träger, horizontloser Ozean umgibt; das Schleusenbecken unter dir hoch gefüllt bis zum Rand – fast schlagen die Fluten über die Tore -, während im Unter-, ja sogar im Oberlauf deines Weges der Wind den Staub übers ausgedörrte Flussbett wirbelt: so steigst du in Termini oder Fiumicino aus, so kommst du an.

Römisches Wetter, römischer Himmel, römisches Klima! Der intelligente Designer tupft nahtlose Kacheln zu einem Operationssaal in den Wolken.

Der Petersdom! Himmlische Heerscharen von Liturgen litaneien unentwegt in ihre Kaseln: „Asperger me, Domine, Asperger uralt in aeternum“ (darum heißt das vatikanische Staatsgefängnis, mitsamt seinen internationalen Außenstellen, auch „Festung Hohenasperger“). Die Beichtväter verabschieden ihre Beichtkinder mit den Worten: „Grüßen Sie Ihre Witwe.“ Sie bekommen hier Beichtstuhlzulage. Man spielt ein Tedeum von Schopernikus. Im inneren Kuppelfries steht in mannshohen goldenen Lettern: „Alle Macht geht dem Volke aus.“ Die Kohle der Kirche verschwindet in einem Rauchfass ohne Boden. Aber jeder Hartzkrümel, den der Staat sich an einem Christen spart, ist eine himmlische Herdprämie für die, die nach Jesu Geburt in Rom zu Hause bleiben.

Ich bekam einen Ferienjob als Gedenktage-Erfinder beim Osservatore Romano. Mir wurde dafür von Gammarelli eigens eine Kluft als päpstlicher Kaminkehrer geschneidert. Immer zum Angelus machen wir blau und sehen alle geistliche Welt durch den Damasus-Hof wallen: Athos-Mönche, Porthos-Mönche, Aramis-Mönche. Oh, der Klerus, dieser Himmelreichs-Heimatverein, diese Himmelreichs-Heimwehr! Manchmal falle ich dann auf die Knie und bete: Kreuz, unsägliches Sperrholz! Ja, hier herrscht noch Heiliges Römisches Recht Deutscher Nation; hier regiert die sakrosankte Zuckerpeitsche.

Zum Abendmahl in der blättrigen Herberge gibt es Hirtenstäbchen, gefüllt mit Mitrakäse. Als Süddeutscher werde ich mehrmals gefragt, ob ich mir dazu noch Tebarzdn draufschmieren möchte.

Ich kam pünktlich zum Konklave. Die den obersten Priester wählen, ersticken an ihren eigenen Gebräuchen: Den Ofen verstehen ihre Hände nicht zu bedienen, der ihre Stimmen verbrennen soll zur Eintracht. Selbst den Rauch zu leiten sind sie zu ungeschickt. Des Ofens Qualm füllt ihre feierliche Stätte; er bewölkt ihren Blick auf das Jüngste Gericht, wenn sie ihn heben zum versteinerten Himmel über ihnen, und verrußt dort, was erst jüngst gereinigt wurde mit Mühe nach Jahrhunderten: das Werk eines weisen Meisters.

Nun aber tritt der Neuerwählte auf die Loggia. Es ist Papst Matthäus Petrus, der sich im Konklave qualifiziert hat mit seiner Apostolischen Konstitution „Oderint dum metuant“, seiner Liturgischen Konstitution „In Vino Veritas“, seiner Enzyklika „Do ut des“, seinem Motu Proprio „In Dubio Pro Deo“ und seiner Barcarole „Discorso della luna“. Ein Star ist geboren.

Inkognito unter den tobenden Massen rüttle ich an den Gittern vor den Kunst-Verliesen der Vatikanischen Museen und schreie: „Gebt uns die Heilige Vorhaut heraus!“ Der Papst tritt hoch droben ans Fenster seiner Amtswohnung, und da es Ostern ist und die Gewohnheit besteht, dass er zu diesem Termin dem Volk einen Gefallen tut, sagt er: „Wollt Ihr, dass ich euch Barabbas ausliefere?“ Und er zerrt Kardinal Barabbas zu sich ins Fenster, den Präfekten der Glaubenskongregation. Die Menge auf dem Petersplatz aber brüllt: „Nein, nicht diesen, sondern die Heilige Vorhaut!“ Nicht Theologie wollen wir, sondern Frömmigkeit!

Denn wir waren wie Hirten, die keine Schafe haben.

Gott guckt katastrophalles Kirchenkino, auf seinen Knien eine kathedralle Tüte; wie Popcorn urknalln Kosmen auf aus kryptischen Körnern, asketischen Kernen: Röstknall-Romkorn-Gottpop-Apokalypse.

Derweil drüben im bodenlosen Colosseum Weltzirkus-Getier vieler Arten hervor jagt aus unterschiedlichen rollenden Käfigen, nur umstandshalber gleicher Dressur als Schicksalsfamilie in der Arena ihres Augenblicks mit einem einzigen Sprung durch einen Reifring hitzelos brennender, folgenlos flammender Ereignis-, Daten- und Zufallsatome, der als scheinbar bedeutungsvoller Malstrom inmitten der Haltlosigkeit von Raum und Zeit um seine eigene leere Achse kreist, springend in ein allschwarzes Dorthin, das die einschmeichelnde Sprache der geisterhaften Dompteure ihnen stets mit einer Stimme der Transparenz als „die andere Seite“ bezeichnet hat in jenem warmen Käfigwagen ihres Heranwachsens, auf dessen ins Nichts hinaus ragendem Trittbrett unser letzter kurzer Blick zurück vor dem Absprung schon die Nächsten nachkommen sieht. Und doch ist es nicht kalt und nicht windig auf den Rängen, solange man kein Philosoph ist.

Wahrheit ist, worüber man die Schultern hängen lassen kann. Wahrheit ist, worauf die gespitzten Lippen eine Melodie mit Synkopen finden. Wahrheit ist, was man sogar in der Kirche findet: Seht, wenn die Wahrheit sogar in Rom sein kann, dann muss sie wirklich stimmen.

Heimkehr! Heimkehr! Im oberen Maintal unter einem alten Baum zwischen Flussufer und Eisenbahntrasse, zu Füßen des Klosters Banz, sitzt in tiefer Versenkung der goldene Buddha von Vierzehnheiligen, die Hanns-Seidel-Stiftung auf Kloster Banz im Rücken, den Blick hinter den geschlossenen Lidern nach Osten auf die Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen geheftet voll Ruhe, und die Pilgerströme, die das Maintal durchqueren von Banz nach Vierzehnheiligen und zurück, ziehen am goldenen Buddha von Vierzehnheiligen in einiger Entfernung vorüber – die Meisten ohne ihn zu bemerken. Ich aber bin vom Pilgerpfad abgewichen. Oh goldener Buddha von Vierzehnheiligen! Du lehrtest mich katholischer als alle päpstlichen Hausprälaten. Der goldene Buddha von Vierzehnheiligen hat geholfen! Tatata!

Fazit: Man muss nicht zwingend verneinen, dass einen, wenn man nach Jerusalem will, der Weg nach Rom weiterbringt. Es ist Ansichtssache. Ich kam an, als ich über Rom reiste; andere sagten, sie hätten auf dieser Route das Ziel verfehlt. Ich habe die Reise einmal über Rom gemacht; beim nächsten Mal nehme ich einen anderen Transit und kümmere mich nicht um das Keifen der Römer, die meinen, sie hätten immer einen Anspruch auf Streckenmaut für diese Verbindung. Ohne dass ich deswegen undankbar bin für die Lektionen, die sie mir erteilt haben.

Und ohne mir deswegen eine Fahrkarte nach Wittenberg zu kaufen.

Kommentare sind geschlossen.