Konkrete Gedanken zur priesterlosen Eucharistiefeier

Die liturgische Praxis der Eucharistefeier gründet sich auf Lk 22,19 und 1Kor 11,24-25: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Dieses Schriftwort wird verletzt, wenn die Handlung, zu der Christen im Evangelium unmissverständlich aufgefordert werden, aufgrund einer kirchlich-theologischen Selbstblockade, wie wir sie heute erleben, nicht mehr ausgeführt werden kann. Die Amtskirche vertritt die Position, angesichts des Priestermangels hätten die Gläubigen auf Eucharistiefeiern zu verzichten. Nachdem das gesamte Neue Testament aber keine näheren Ausführungsbestimmungen zu Lk 22,19 und 1Kor 11,24-25 enthält, hat die Amtskirche fraglos kein Recht, ihre nachschriftlichen Traditionen über ein eindeutiges Schriftwort zu stellen.

Jede akzeptable Argumentation in dieser Sache muss sich also auf den Priestermangel beziehen. Solange genügend Priester vorhanden sind, haben die Traditionen der Kirche – zumindest solange keine eindeutige Mehrheit aller Gläubigen sich eindeutig gegen sie ausspricht – durchaus mehr Gewicht als aktuelle Reformwünsche einer kirchlichen Teilgruppe.

Wenn jedoch amtskirchliches Agieren unverkennbar einem biblischen Auftrag widerspricht, so ist dagegen auch die kleinste Minderheit im Recht.

Übrigens ergibt es kategorisch keinen Sinn, zwei unterschiedliche Arten der Gedächtnisfeier gemäß Lk 22,19 und 1Kor 11,24-25 konstituieren zu wollen, eine priesterliche und eine nichtpriesterliche. Dies würde das Gedächtnis ja gerade trüben, weil verundeutlichen, und wäre somit kontraintentional.

Tatsächlich MÜSSEN bei Priestermangel sogenannte kirchliche „Laien“ Eucharistiefeiern vorstehen, da die Gemeinden andernfalls ein biblisches Gebot verletzen. Aus dem Beispiel des gesamten Lebens der Kirche schon seit der ersten Zeit ergibt sich zwingend die Norm, dass in jeder christlichen Gemeinde an jedem ersten Tag der Woche eine Eucharistiefeier stattzufinden hat. Wo diese Norm nicht eingehalten wird, machen alle einzelnen Gemeindemitglieder sich einer Verletzung fundamentaler Maßgaben ihrer Religion schuldig.

Über die moralische Schwere der Schuld kirchlicher Amtsträger, die einen solchen Missstand politisch systematisch verursachen, wage ich hier nicht zu spekulieren. Aber jede einzelne Christin und jeder einzelne Christ ist unbedingt dafür verantwortlich, dass einem solchen seelsorglichen Missstand tatkräftig abgeholfen wird.

Hierzu sind meines Erachtens drei Punkte praktisch zu beachten.

Der erste und wichtigste ist, dass die Laien, die einer Eucharistiefeier vorstehen, nicht nur keine Priester sind, sondern auch keine Priester sein SOLLEN, das heißt keine Priester ersetzen sollen: Die theologische Grundlage dieses Schritts darf keinesfalls der Anspruch sein, „contra legem neue, eigene Priester zu weihen“. Der Laie, der einer Eucharistiefeier vorsteht, muss seine Rolle vielmehr ganz im Gegenteil bewusst als Kontrastprogramm zu allen „klerikalen“ Konzepten auffassen und darstellen. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens wäre ein „Priester contra legem“ ein ebenso eindeutiger wie unnötiger Verstoß gegen das Kirchenrecht, während im Gegensatz dazu ein priesterloser Vorsitz der Eucharistiefeier bei Priestermangel umso gerechtfertigter ist, je dezidierter und deklarierter er durch Personen erfolgt, die beanspruchen, nicht Priester, also, im amtskirchlichen Sprachgebrauch, Laien zu sein. Zweitens ist das „klerikale“ Konzept ganz einfach wahrscheinlich überhaupt kein zukunftsfähiges Modell für Kirche mehr, und es wäre ein schwerer kirchenpolitischer Fehler, eine Gelegenheit wirklich zukunftsweisender kirchlicher Reformen zu versäumen, indem man wegen eines unreflektierten Bedürfnisses nach inkonsistenten Pseudo-Rechtfertigungen für unausweichlich gewordene Modifikationen der Tradition unnötig auf überholte Denkweisen rekurriert.

Der zweite Punkt ist, dass diese pointierte, akzentuierte Nicht-Priesterlichkeit des Eucharistievorsitzes sich grundsätzlich durch eine profilscharf konturierte konstitutive Verteilung der liturgischen Funktionen auf mehrere Personen ausdrücken sollte. Das heißt, die laiengeleitete Eucharistiefeier sollte sich grundsätzlich für nicht durch eine einzelne Person allein vollziehbar erklären. Diese freiwillige Selbstbestimmung, die in der Praxis auf die einfache Regel hinauslaufen wird, dass bestimmte Teile der Feier nicht von derselben Person zelebriert werden dürfen wie bestimmte andere, verdeutlicht insbesondere, dass derjenige, der die Wandlungsworte spricht, dabei nicht in einem grundsätzlichen, sondern nur in einem sehr bedingten, funktionalen und punktuellen Sinne die Stelle Christi vertritt, und nicht aufgrund eines „character indelebilis“ von „Weihegnade“. Dabei ist diese Eucharistiefeier in demselben Sinne sakramental gültig wie eine Nottaufe oder auch wie das Ehesakrament, das die Eheleute sich nach lateinischer Theologie gegenseitig spenden.

Der dritte Punkt schließlich ist, dass die Gemeinden ihre Rechtfertigung des Schritts zur priesterlosen Eucharistiefeier dadurch unterstützen müssen, dass sie sich um eine gründliche liturgische Unterweisung aller ihrer für eine entsprechende Vorsitzfunktion geeignet erscheinenden Kandidaten durch kooperative gültig geweihte Priester ernsthaft bemühen müssen. Bietet beispielsweise ein den innerkirchlichen Reformkreisen wohlwollend gesonnener Pfarrer den betreffenden Laien in seiner Gemeinde ein einschlägiges liturgisches Training an, so würde es deren Berechtigung zum Eucharistievorsitz entscheidend entkräften, wenn sie dieses Angebot ausschlagen würden.

Dem bleibt nur noch hinzuzufügen:

Ist eine von Priestermangel betroffene Gemeinde der Ansicht, dass einige Frauen aus ihrem Kreis für die Funktion des Eucharistievorsitzes besonders geeignet sind, so genießt diese Berufung mehr Gewicht als alle kirchenrechtlichen Einwände hiergegen, da priesterlicher Maskulinismus ausschließlich aus sekundär-indirekten biblischen Indizien abgeleitet ist. Es obliegt allein dem mehrheitlichen Wunsch und Willen der einzelnen betroffenen Gemeinde, ob sie weiterhin nur Männer oder auch Frauen zum Eucharistievorsitz zulassen will. Um des Friedens willen sollte formal hierfür eine möglichst klare Entscheidung angestrebt werden, also nicht bloß eine absolute, sondern besser beispielsweise eine Zweidrittelmehrheit. Zudem wäre gegebenenfalls zu vereinbaren, dass denjenigen Gemeindemitgliedern, die sich mit einem Eucharistievorsitz durch Frauen vorläufig noch unüberbrückbar schwer tun, hinreichend die Möglichkeit angeboten wird, an von Männern geleiteten Eucharistiefeiern teilzunehmen. Jedes andere, „rigorosere“ Reformvorgehen in dieser Hinsicht würde nicht praktikabel sein und eine unverantwortliche Gefährdung des Gemeindefriedens darstellen.

Wohingegen auf innergemeindliche Widersprüche gegen priesterlose Eucharistiefeiern überhaupt aus den genannten Gründen im Falle des Fehlens von Priestern keine Rücksicht genommen werden DARF – wie viele und schwere Konflikte dies auch verursachen mag. Denn die Verantwortung jedes einzelnen Christen für das Stattfinden eines genuin christlichen religiösen Lebens wiegt zu schwer – nicht zuletzt im Hinblick auf eine lebendige religiöse Bildung nachkommender Generationen.

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