Könige und Chronisten: Dialektik einer Katastrophe

Was man bei Wikipedia – deutsch wie englisch – unter „Deuteronomisten“ liest, wurde von der öffentlichen peer review nicht als fragwürdig gekennzeichnet – obwohl ich das Wenigste davon für zutreffend halte, geschweige denn für gesichert. Auch ich habe mich dort freilich nicht kritisch kommentierend betätigt, weil ich meine abweichenden Ansichten ebenfalls nicht sicher genug beweisen kann. Aber ich möchte an dieser Stelle die Darlegung meiner Gründe vertiefen.

Zuvörderst: Das Kennzeichnende der Deuteronomisten sei laut Wikipedia ihr strenger Monotheismus. Als ob im Verfasserkreis jener Texte, die es bis in die Endredaktion der hebräischen Bibel geschafft haben, irgendjemand wäre, der es mit dem Monotheismus nicht so genau genommen hätte!

Ferner: „Nicht mehr der sakrale König, wie in der Königszeit Israels und Judas, und auch nicht die Priester waren Träger der Religion, sondern das Gottesvolk selbst.“ Aber in den nicht-deuteronomistischen Chronik-Büchern werden Könige und Priester genauso wenig in diesem Sinne überhöht wie in den Samuel- und Könige-Büchern.

Schließlich: Aus dem „Nebeneinander von deuteronomistischer Partei und priesterlicher Partei (…) entwickelten sich in späterer Zeit die Parteien der Pharisäer und der Sadduzäer“. Das lässt nonchalant außer acht, dass die neueste Forschung von einem Konsens über die Charakteristika der Pharisäer und Sadduzäer gar nicht weiter entfernt sein könnte.

Ziemlicher Quark also, alles in allem, dieser Artikel – unwidersprochen hingenommener Quark. Und dann fehlen in der Literaturangabe auch noch Pflicht-Namen wie z.B. Eckart Otto.

Hinter dem niedlichen „Nebeneinander von deuteronomistischer Partei und priesterlicher Partei“ scheint mir vielmehr in Wahrheit eine hoch differenzierte, von uns Heutigen bloß nicht mehr gemeisterte theologische Dialektik zu stecken, die nahezu die gesamte Geschichte der jüdischen Religiosität durchzieht – und erklärt.

Was Einzelheiten angeht, möchte ich meinen Artikel von neulich zu diesem Thema an vorliegender Stelle nur um ein einziges konkretes Beispiel ergänzen.

Während die Könige-Bücher anerkanntermaßen den Abschluss des „deuteronomistischen Geschichtswerks“ bilden, fehlt entsprechende Anerkennung für die Aussage bei weitem, dass die Chronik-Bücher in gleich konsistenter Weise ein Element jener anderen theologischen Strömung bilden, die manche unter der Bezeichnung „Priesterschrift“ auf die ersten vier Bücher der Tora beschränkt sehen. Dabei beginnt die Evidenz für die Auffassung, dass diese eingeschränkte Sicht unhaltbar ist, schon bei der simplen Tatsache, dass schlichtweg keine andere mit dieser Ansicht vergleichbare Plausibilität für die Tatsache zu gewinnen ist, dass der Bericht der Samuel- und Könige-Bücher sich in den Chronik-Büchern inhaltlich nahezu monoton wiederholt. Der Sinn ihrer Kanonisierung kann letztlich nur darin bestehen, dass sie auf die Interpretation derselben historischen „Fakten“ durch Samuel/Könige „antworten“ – und zwar ebenso präzis wie andersmeinend. Diese andere Meinung also müssen wir gezielt aufsuchen. Dadurch aber erweist sich nicht allein die umfassendere theologische Kontext-Allianz, in der die Chronik-Bücher biblisch stehen, sondern auch deren bewusstes Selbstverständnis als zielgenaue Spitze gegen die deuteronomistische Literatur – und umgekehrt.

Zur grundlegenden Orientierung über den Dualismus zwischen „aaronidisch-priesterschriftlicher“ und „deuteronomistischer“ Literatur verweise ich hier noch einmal auf meinen Artikel von vor drei Tagen. Illustrativ beginnen möchte ich an dieser Stelle mit einer hervorstechend poetischen Schlussbemerkung der Chronik, die man am besten, wie alles Poetische, in den Worten Luthers zitiert: „Das Land hatte die ganze Zeit über, da es wüste lag, Sabbat, bis es an seinen Sabbaten genug hatte, auf dass siebzig Jahre voll wurden.“ (2Chr 36,21) Das ist die exemplarische Assoziation einer religiösen Mentalität, in deren Mitte der ordnungsgemäße Kult rangiert, den sie vom Israel und Juda der Königszeit verletzt sah. Die Königsbücher erzählen an vergleichbarer Stelle stattdessen lieber einige interessante Details über soziale Vorgänge im Kontext der Vertreibung.

Ferner ist etwa der Vergleich interessant, wie David seinen Sohn Salomo in 1Chr 22 gleichsam „testamentarisch“ beauftragt, den Tempel zu bauen. Laut 1Kön 2,1-9 hingegen geht es in Davids mündlichen Vermächtnis an Salomo um Gerechtigkeit, und zwar in zugespitzter Form, nämlich – ob man das nun schön findet oder nicht – um noch offene königliche Blutrache; der Tempelbau indessen ist gemäß 1Kön 5,17-19 ein freier Entschluss Salomos, entschieden keine Pflicht aus dem Erbe seines Vaters – diesem zwar bereits verheißen, aber eben als Prophezeiung, nicht als „Familienmission“. Die Verfasser sind spürbar bemüht, dies deutlich werden zu lassen. Dieses Beispiel lässt in gleichem Sinne wie das erste tief blicken hinsichtlich der fundamentalen Unterschiede zweier Theologien, die sich hier ausdrücken.

Das Desinteresse der Chronik am Nordreich im Vergleich mit den Könige-Büchern ist notorisch. Aber die Dichte erheblicher Abweichungen im letzten Chronik-Kapitel gegenüber Könige verdient besonders aufmerksame Beachtung. Hier lauert Botschaft.

In 2Kön 24,17 heißt es, Zedekja, der letzte König von Juda, sei der Onkel des zuvor von Nebukadnezar abgesetzten Jojachin gewesen. 2Chr 36,10 zufolge aber war Zedekja Jojachins Bruder. Auch fehlt dort die Angabe, Zedekja habe vor seiner Einsetzung Mattanja geheißen. Für die Frage, welche von beiden Versionen stimmt, spielt die folgende Mitteilung eine Schlüsselrolle, Zedekja sei bei seinem Amtsantritt einundzwanzig Jahre alt gewesen (2Kön 24,18 / 2Chr 36,11). Für einen Onkel zwar gewiss seltsam (ich selbst habe freilich eine Nichte, die ein Jahr älter ist als ich); für einen Bruder des während seiner kurzen Herrschaft achtzehnjährigen Jojachin (2Kön 24,8 / 2Chr 36,9) aber bei genauerem Hinsehen noch seltsamer, weil dann die Sukzession ursprünglich den Jüngeren vorgezogen hätte, ohne dass dies eines Kommentars gewürdigt worden wäre, und nicht zuletzt weil dann der gemeinsame Vater beider bei Zedekjas Geburt (wie wir wissen bzw. aus den diesbezüglich übereinstimmenden Quellen klar errechnen können) erst fünfzehn gewesen sein müsste, was doch ein bisschen extrem ist. Wahrscheinlicher ist also tatsächlich, dass Mattanja-Zedekja ein fünfzehn Jahre jüngerer Bruder von Jojachins Vater Jojakim war, womit die Brüder nicht nur denselben Vater, sondern durchaus sogar noch dieselbe Mutter gehabt haben könnten.

Um einer tieferen Bedeutung dieses Befunds auf die Spur zu kommen, müssen wir ihn allerdings zusammen mit weiteren bemerkenswerten Unterschieden am Ende von Könige und Chronik in den Blick nehmen:

– Das Ende Zedekjas: Während es in 2Kön 25,6-7 in schrecklichen Details geschildert wird, bildet es in 2Chr 36,17 eine beredte Lücke.

– Die Ausführlichkeit, mit der insbesondere die Zerstörungen und Verluste im Tempel geschildert werden: Alles, was der Absatz 2Kön 25,13-17 hierzu berichtet, fehlt in Chronik.

– Die Gedalja-Episode vom israelitischen Kollaborateur als babylonischem Statthalter von Juda, der ermordet wird: Auch sie kommt ausschließlich in 2Kön 25,22-26 vor.

– Und schließlich die merkwürdige „Begnadigung“ und „Rehabilitation“ Jojachins in seinem babylonischen Exil unter Amêl-Marduk (biblisch Ewil-Merodach) laut 2Kön 25,27-30 – auch sie singuläres Könige-Material.

Hinzunehmen mag man zu alledem noch ein erzählerisches Element, das sich zur Abwechslung exklusiv in der Chronik findet, nämlich im Zusammenhang des Endes König Josias: „Necho aber sandte Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Was habe ich mit dir zu tun, König von Juda? Nicht gegen dich ziehe ich heute, sondern gegen das Herrscherhaus, das mit mir im Krieg steht. Gott hat mir Eile geboten; lass daher ab von Gott, der auf meiner Seite steht; sonst wird er dich verderben. Doch Joschija zog sich nicht vor Necho zurück, sondern wagte es, ihn anzugreifen. Er hörte nicht auf die Worte Nechos, die aus dem Mund Gottes kamen, sondern trat in der Ebene von Megiddo zum Kampf gegen ihn an.“ (2Chr 35,21-22) Das heißt: Josia ergreift eine strategische Abwehr-Offensive, und der Chronist tadelt solche Art von Politik am ansonsten hochgelobten Josia – der Fromme soll sich seiner Meinung nach auf rein reaktives Verhalten in den Konflikten der Welt beschränken – und bringt seinen Tod auf dem Schlachtfeld mit diesem Fehler in Zusammenhang.

Was lässt sich aus all dem folgern?

Zedekja ist Onkel seines Vorgängers Jojachin und „durchbricht damit die ordentliche dynastische Deszendenz, ohne sie zu durchbrechen“ (weil Jojachin ja noch lebt, nur in Gefangenschaft ist), was nicht zuletzt zusammen mit der Annahme eines eigenen „Herrschernamens“, die anders als beispielsweise im verfeindeten Ägypten in Juda ganz unüblich ist, einen leichten Hautgout von Illegitimität forciert; Zedekja findet ein schreckliches Ende; die Zerstörung des Tempels wird in besonders apokalyptischen Farben gemalt; der israelitische Karriere-Kollaborateur wird gemeuchelt (seine Mörder fliehen vor babylonischer Rache nach Ägypten); der deportierte Jojachin wird begnadigt als lichtvoller Ausblick am Schluss – soweit die „deuteronomistische“ Perspektive der Könige-Bücher. Sie zielt, möchte ich behaupten, deutlich darauf ab, eine Kontinuität der JHWE-königlichen Weihegnade durch das Exil hindurch herzustellen, mit der sie den späteren Neuanfang andeutungsweise ideell verknüpft. Das widerspricht vehement der Einschätzung, die deuteronomistische Theologie sehe „das Volk“ anstatt der Könige und Priester als Träger der religiösen Tradition. Hier erscheint die göttliche Wahrheit geradezu als „monarchistisch-dynastisch“ gefärbt.

Entscheidend ist vielmehr: Die deuteronomistische Theologie fokussiert auf den gottgegebenen Landbesitz, und dieser ist unvermeidlich mit politischen Institutionen und Ämtern verbunden, die sakral legitimiert sein müssen. Diese Institutionen und Amtsinhaber müssen auch „strategisch“ und können nicht immer bloß „reaktiv“ handeln.

Die (nennen wir sie einmal so) „aaronidische“ Theologie der Chronisten hingegen stellt Zedekja in die gleiche Generation mit seinem Vorgänger Jojachin. Ungeachtet der erwähnten Ungereimtheiten „unter dem Mikroskop“ suggeriert diese Fiktion eine größere Legitimität Zedekjas als Herrscher, zumal dieser hier seinen Namen nicht wechselt. Mit Zedekja geht Judas Königtum „ganz legitim unter“. Weder muss eine besondere Strafe an der Person Zedekjas hervorgehoben werden – diese wird sogar auffällig vermieden -, noch kommt es laut Chronik zu einer Begnadigung Jojachins. Bei der Zerstörung des Tempels geben sich die Chronisten bemerkenswert unpoetisch und wortkarg. Und irgendwelche israelitisch-stämmigen babylonischen Statthalter über Juda spielen hier auch keine Rolle. Das will sagen: Es ist aus und vorbei – akzeptiert es einfach. Dieser Gesichtspunkt eröffnet gerade an den „Aaroniden“ der „Priesterschrift“ einen Charakterzug jener Innovation hin zum postexilischen Judentum, der meist zu unkritisch den Deuteronomisten zugeschrieben wird. Es genügt nicht, die „Aaroniden“ als „kultbezogen“ zu beschreiben – sie sind zugleich auch Kritiker der Fixiertheit auf das „Gelobte Land“ und neigen damit nach der Katastrophe von 597 zur Betonung des Gottes Israels als in einem Zelt Wohnenden – nicht in einem prächtigen, ortsfesten Tempel, dessen Zerstörung nur beweist, dass es größere Werte gibt als prächtige, ortsfeste Tempel.

Deshalb sagte ich bereits in meinem vorigen Beitrag zu diesem Themenkreis: Es sind meines Erachtens vor allem die Propheten, also die nicht hierarchisch etablierten religiösen Kräfte, die im Südreich Juda das „aaronidisch-priesterschriftliche“, im Nordreich Israel hingegen das „deuteronomistische“ Element in die religiöse Debatte einbringen – und erst nach dem Untergang des Nordreichs lädt sich auch die südliche Prophetie zunehmend deuteronomistisch auf, nicht zuletzt wohl ganz einfach durch emigrierte Propheten des Nordens. Die etablierte religiöse Hierarchie hingegen war im Süden, in Juda mit Jerusalem, tempel-zentriert, im Nordreich hingegen von Süden aus betrachtet ohnehin „schismatisch“, „häretisch“, „apostatisch“ oder einfach religiös lau und lax, so dass die alltägliche Moralität das überzeugendste Thema der dortigen Propheten sein musste, was ihre kultkritische, zugleich aber sehr „patriotische“ deuteronomistische Tendenz durchaus gut erklärt.

Das Groteskeste an beiden Versionen der Geschichte vom Beginn des Exils ist freilich das Fehlen jeglichen Hinweises ausgerechnet auf den Verbleib der Bundeslade. Auf diese Frage hatte wohl keine der beiden theologischen Parteien eine überzeugende Antwort. Dieses Eisen war so heiß, dass ihm einfach ausgewichen werden musste.

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