Kirchenasyl

Die Deutsche Bischofskonferenz streitet sich mit den christdemokratischen Politikern Thomas de Maizière (Bundesminister des Inneren, evangelisch) und Franz Josef Jung (ehem. Bundesminister der Verteidigung, katholisch) über die Legitimität von „Kirchenasyl“, dessen Fallzahlen seit einem Jahr in die Höhe schnellen.

In diesem Streit gibt es kein „Recht“ und „Unrecht“. Sondern das „Kirchenasyl“ ist nichts Geringeres als ein interessanter Testfall für die Existenzmöglichkeit eines konsequent säkularen Staates.

Ich persönlich stehe auf dem Standpunkt, der Staat sollte so säkular wie möglich sein – aber ein total säkularer Staat ist unmöglich: An der fundamentalsten Existenzgrundlage jedes wirklich funktionierenden Staates stehen religiöse Überzeugungen. Ohne sie geht es nicht. Alles andere ist eine Illusion.

Natürlich sind diese religiösen Überzeugungen, von denen hier die Rede ist, relativ „unspezifisch“. Deshalb genießen sie breite gesellschaftliche Zustimmungsfähigkeit. Zu den absoluten Konstituenten alles Religiösen gehört die Annahme, dass die Welt nicht letztendlich durch den Menschen regelbar ist. Dies drückt sich unter anderem im „Subsidiaritäts“-Prinzip der katholischen Soziallehre aus, das man nämlich auch wie folgt interpretieren kann: Das kategorische menschliche Regelungs-Defizit fängt „oben“ an – an der Spitze der Strukturen-Hierarchie des „Systems“. Von daher entspricht es pointiert einer Weltsicht auf religiösem Fundament, die Existenz von „Sonderfällen“ anzuerkennen und diese Anerkennung einzufordern.

Das Konzept „Kirchenasyl“ – so problematisch es ist – drückt genau diesen Umstand präzise aus.

De Maizière und Jung repräsentieren dagegen das typische, klassische Konzept der CDU als einer Partei, die „nicht ‚christlich‘ ist, sondern sich auf dem Fundament eines Konzepts von ‚christlichen Wertvorstellungen‘ sieht“, was ein bedeutsamer Unterschied ist. So schwer es vielen fällt, diesen Unterschied zu verinnerlichen – die CDU hat ihn von Anfang an programmatisch herausgearbeitet und betont. (Die andernfalls auftretenden Probleme würden ja schon damit beginnen, dass die CDU dann entweder konkret katholisch oder konkret evangelisch sein müsste.)

Die Sicht der beiden Politiker ist also rein logisch zwar ebenfalls vertretbar. Allerdings meine ich, dass sie die Erwartung an den Grad der langfristigen Möglichkeit von politischem Säkularismus zu weit treibt.

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