Jesus und Elischa

Die augenfälligen Parallelen zwischen Jesus und dem Propheten Elischa (2Kön) sind, wie ich feststelle, immer noch – oder wieder – ein in der theologischen Debatte unterrepräsentiertes Thema.

Die unumgängliche Konsequenz daraus ist ja auch unbehaglich für die derzeit relativ gesehen nicht kleiner werdende (das heißt immer noch langsamer als die aktive Gesamtkirche schrumpfende) ultrakonservative Christen-Fraktion. Denn diese Beobachtung bestätigt stark, dass die Evangelien in weiten, wesentlichen Teilen als Pastiche des Alten Testaments entstanden sind – was zwar nicht die grundlegende Historizität Jesu aus Nazareth in Frage stellt, wohl aber die des spezifisch literarischen „Jesus der Evangelien“.

Elischa ist die erste Person der Bibel, die den Typus des religiösen Wundertäters verkörpert. Der „Wundertäter“ als „Typus“ zeichnet sich dadurch aus, dass er das Gottesheil durch Taten versinnbildlicht, die in persönliche Nöte der Menschen helfend und rettend eingreifen: Die wunderbare Ölvermehrung des Elischa in 2Kön 4,1-7 und seine wunderbare Brotvermehrung in 2Kön 4,42-44 finden ihre Resonanz in der wunderbaren Brotvermehrung Jesu in Mt 14,15-21. Zusammen mit dem Genießbarmachen von unfruchtbar machendem Brunnenwasser (2Kön 2,19-22) und giftiger Pflanzenspeise während einer Hungersnot (2Kön 4,38-41) findet die Ölvermehrung auch eine tiefensemantische Parallele im Trankwunder der Hochzeit zu Kana in Joh 2. Die Auferweckung des toten Sohnes der Schunemiterin in 2Kön 4,8-37 erhält ein Echo in der Auferweckung des Lazarus in Joh 11. Der Heilung des Aramäers Naaman von der Lepra in 2Kön 5 respondieren zahlreiche Heilungswunder Jesu. Und wie Jesus in Mt 14,22-33 auf dem Wasser wandelt, so besitzt Elischa in 2Kön 6,1-7 die Wundermacht, das vom Schaft geflogene und in den Jordan gefallene Metall einer geliehenen Axt (damals ein sehr kostbares Gerät) schwimmen und an der Wasseroberfläche treiben zu lassen.

Gewiss kommen auch vor dem zweiten Buch der Könige schon Wunder in der Bibel vor. Aber diese haben durchweg einen dezidiert „makropolitischen“ Bezug: Es geht bei ihnen unmittelbar um das Schicksal des Volkes Israel als eines Ganzen. Da das Altertum keine Trennung von Religion und Politik kennt, hat selbstverständlich auch das religiöse Rechtverhalten des Volkes und seiner Herrscher unmittelbaren Einfluss auf sein staatliches Wohl. So betrachtet ist auch die individuelle wundersame Errettung des Propheten, der beauftragt ist, sein Volk von kultischen Verirrungen abzubringen, eben keine Privatangelegenheit (vgl. etwa die Speisung des Elia durch Raben am Bach K’rit, 1Kön 17,6). Dass aber ein Prophet seinerseits in der Lebensumwelt beliebiger einfacher Leute notlindernde Wunder wirkt, um dadurch die charakteristische Barmherzigkeit, Güte und Gnade Gottes zu verkünden und zu verdeutlichen, ist ein neuartiges theologisches Vorstellungsmuster, das sich uns in Elischa biblisch erstmals vorstellt. Und genau dies ist ein zentrales Moment des Jesus der Evangelien: Er ist keineswegs „unpolitisch“ – alles andere als das! -; sondern weit eher, als dass er sich „aus dem Politischen ins Private zurückzieht“, muss man eigentlich sagen, dass er „das Politische konsequent ins Persönliche hinein ausweitet“. Denn im Persönlichsten des einzelnen Menschen beginnt jenes „Reich Gottes“, das die Reiche dieser Erde auf den Kopf stellt.

Doch nicht genug mit den Wunder-Parallelen und deren „abgekarteter“ subversiver Botschaft, diesem „theologischen Kassiber“: All diese Ähnlichkeiten im Bereich des Wunderwirkens bilden zusammen nur eine von insgesamt fünf kapitalen Gemeinsamkeiten, die Elischa als Präfiguration Jesu bemerkenswert machen.

Das Weitere beginnt mit einem Namensvergleich. „Eli-scha“ (אֱלִישָׁע) und „Jesus“, d.h. „Je(ho)-schua“ (יהושע), sind auch parallel konstruierte Namen: Die Wortwurzel „jeschah“ (יֵ֗שַׁע), bestehend aus den (wie im Hebräischen allgemein üblich) drei Konsonanten j-sch-*ayin*, bedeutet „Hilfe, Rettung“; „el(ohim)“ ist der „unspezifische“ Gottesname, d.h. im grundlegend polytheistischen Kulturkontext der Antike der Gattungsbegriff „ein Gott“, „JHWH“ hingegen der „spezifische“ Gottesname, der Eigenname des Gottes Israels. Dieser Umstand stempelt die Person Jesu aus Nazareth gewiss nicht zu einer literarischen Erfindung ab. Aber die für „Omina“ allgemein hochsensible antike Kultur wird von dieser Entsprechung denkbar fasziniert gewesen und allein hierdurch schon bei der Interpretation Jesu auf die Fährte des Elischa gelenkt worden sein.

Der dritte Hauptpunkt ist die spektakuläre Botschaft der Feindesliebe. Auch sie ist in der Elischa-Geschichte bereits bemerkenswert vorgeformt. Denn als der König von Aram (Damaskus) ein Heer schickt, um Elischa, die „Wunderwaffe“ seines Gegners, des Königs von Israel, festzunehmen, schlägt Gott die feindlichen Krieger auf Elischas Gebet hin mit Blindheit, und Elischa führt seine geblendeten (sich aber nicht blind fühlenden) Verfolger mitten in die Stadt Samaria, die Residenz des Reiches Israel. Dort werden ihnen die Augen geöffnet, aber Elischa weist seinen König an, die aramäischen Soldaten zu schonen, sie mit Brot und Wasser zu verköstigen und sie nach Hause zu schicken (2Kön 6,8-23). Das ist eine zumal im blutrünstigen Kontext der Königsbücher sensationell menschenfreundliche Verhaltensweise.

Viertens: Aus Elischas Grab geht ein Toter lebend hervor. In 2Kön 13,20-21 heißt es: „Elischa starb und man begrub ihn. In jenem Jahr fielen moabitische Räuberscharen in das Land ein. Als man einmal einen Toten begrub und eine dieser Scharen erblickte, warf man den Toten in das Grab Elischas und floh. Sobald aber der Tote die Gebeine Elischas berührte, wurde er wieder lebendig und richtete sich auf.“ Bis zu einer Auferstehung von den Toten hin also reicht – trotz aller Unterschiede im Detail – die Vergleichbarkeit zwischen Elischa und Jesus.

Der fünfte, letzte und mit Sicherheit nicht unwichtigste Punkt aber ist das Verhältnis des Elischa zu seinem Vorgänger, „Patron“, Meister und Lehrer Elia und die Wiederspiegelung dieses Verhältnisses im Verhältnis Jesu von Nazareth zu Johannes dem Täufer. Die „Kontrastfolie“ des Elia ist es, vor der die Besonderheit des „Persönlichen“ – und dabei doch nicht weniger Politischen – im wundersamen Wirken des Elischa hervorsticht. Es ist dieselbe Richtung, in die auch Jesus das Wirken des Johannes fortentwickelte.

Der „Bach K’rit“ als wesentlicher geographischer Fixpunkt in der Biographie des Elia liegt ausdrücklich „östlich des Jordan“ (1Kön 17,3). Unmittelbar bevor Elia „entrückt“ wird, durchquert er zusammen mit Elischa den Jordan von West nach Ost auf eine Weise, die an die Durchquerung des Schilfmeeres unter Moses und an die Eroberung des Gelobten Landes unter Josua erinnert; nach Elias Entrückung bewerkstelligt Elischa seinen Rückweg auf die gleiche Weise unter Verwendung des Prophetenmantels Elias, den er zusammen mit dessen Geist geerbt hat (2Kön 2,1-14). Auch Johannes der Täufer tauft, wie ich an anderer Stelle sorgfältig rekonstruiert habe, ganz bewusst am Ostufer des Jordan, von wo aus seine Täuflinge mit einem neuen Geist, der als Geist des Mose, des Josua und des Elia gedacht werden will, in das Land des Volkes Israel zurückkehren sollen. In Deuteronomium 1,1-5 ist dieser Platz genau lokalisiert. Denn es handelt sich um den symbolischen Ort „in Moab“, von dem als Basislager aus die unmittelbare Eroberung „ihres“ Landes durch die Israeliten beginnt, und an welchem Ort Moses nach dem theologischen Willen der „Deuteronomisten“ die am Sinai lediglich begonnene Gesetzgebung Israels vollendet (wenn auch die konkurrierende Theologen-Partei der „Aaroniden“ der „Priesterschrift“ dies anders sieht). 2Kön ist der Abschluss des „deuteronomistischen Geschichtswerks“.

Wie aus der Entrückungs-Szene des Elia der Prophet Elischa spektakulär hervorgeht, so auch Jesus aus seiner Taufe durch Johannes im Jordan. In beiden Beziehungen greift der Jüngere die Mission des Älteren pflichtbewusst auf, verleiht ihr aber zugleich auch deutlich einen neuartigen, anderen Akzent.

Dieser neue Akzent liegt bei Jesus wie bei Elischa im Vergleich mit ihren jeweiligen „Meistern“ und „Vorläufern“ nicht zuletzt in der vermehrten Bedeutung der („Propheten“-)“Schule“, der sie vorstehen und durch die sie ihre Sendung auf eine gewisse „automatisierte“ Weise „multiplikabel“ machen, während diese zuvor ganz an die einzelne, singuläre Person des Elia respektive des Johannes gebunden war.

Kein Zweifel: Die Jesus-„Biographien“ unserer Evangelien wurden mit hoher theologischer Priorität am Vorbild des Propheten Elischa „entlang“ verfasst.

Ob uns diese Erkenntnis vor dem Hintergrund unserer christlichen Tradition und Sehgewohnheit „passt“ oder nicht: Unsere Theologie ist heute unbedingt aufgerufen, aus dieser kritischen Tatsache konstruktiv „etwas zu machen“.

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