Ich bin Christ heißt: Ich bin Teilsatz in Gottes Botschaft

Es ist überaus bedeutungsvoll, „das Christentum“, „die Kirche“, „den Glauben“ und „die Theologie“ als ein Gebäude wie eine gotische Kathedrale zu betrachten, dessen Bausteine Aussagen darstellen.

Ich sage „betrachten„, denn hier kann es nicht darum gehen, was sie „absolut“ gesehen „sind„: In Sprache kann ich nicht sagen, was Dinge jenseits der Sprache sind oder sein können; hier kann ich nur sagen, was sie in der Wirklichkeit der Sprache sind.

Aussagen werden in Sprache getätigt. Deshalb ist das Christentum eine „Religion des Wortes“. Sie ist allerdings keine „Religion des Buches„, denn ihre Heilige Schrift ist nur ein Abbild dieses Gebäudes – ein hervorragendes, grandioses zwar, aber dennoch nur ein Abbild, und als solches vollständig auch nur im impliziten Hinweis auf die Gesamtheit alles zur Nachfolge Christi Gehörigen, nicht in der expliziten verbalen Ausführung der Totalität dieses ihres Gegenstandes.

Der Terminus „Aussage“ wird manchen in der hier gegebenen Definition von „Kirche“ vielleicht stärker irritieren als in seinem Bezug auf die Begriffe „Christentum“, „Glaube“ und „Theologie“: Ist die Kirche nicht der mystische Leib Jesu Christi, dessen Glieder Personen sind, nicht „Aussagen“? Der Ansatz des Einwandes ist zutreffend, seine Folgerung nicht. Jesus Christus ist das „Wort Gottes“, der göttliche „Logos„. Also sind alle einzelnen Glieder seines Leibes wesentlich „Teilsätze“ seiner Wahrheit. Was heißt denn übrigens „persona“ anderes als „das Hindurchklingende“ (gemeint ist ursprünglich: durch die Maske des antiken Schauspielers)? Als Glieder im Leib Christi haben wir Aussagen über seine Wahrheit zu sein. Das letzte Wort dieser Feststellung bildet dabei deren springenden Punkt: Wir haben göttliche Aussagen zu sein – nicht welche machen zu wollen.

In lediglich etwas anderer Gestalt ist jeder Christ als Person ebenso ein lebender Teilsatz in der Mitteilung der Wahrheit Gottes wie ein Bibelzitat, eine liturgische Formel, eine dogmatische Lektion oder ein Vers aus der inspirierten Poesie der großen Mystikerinnen und Mystiker der christlichen Tradition.

So also müssen wir unseren Glauben vor allem anschauen – wenn wir ihn „anschauen„; worin er sich ja nicht erschöpft, sondern hauptsächlich haben wir ihn natürlich zu „leben„.

Wann immer wir ihn aber „anschauen“, ihn „betrachten“, ihn „meditieren“ – „Kontemplation“ findet im Glauben, diesen „undistanziert“ lebend, „Meditation“ hingegen über den Glauben statt (das ist der sinnvolle Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen) -, macht sich landläufig die irrige Tendenz bemerkbar, einzelne Teilsätze in der Wahrheitsmitteilung Gottes so aufzufassen, als stünden diese jeweils „für sich allein“. Möglicherweise stammt diese Tendenz aus dem Bewusstseinszustand der Kontemplation. Aber wenn ich den Glauben meditiere, ihn „betrachte“, ist ein aus der Haltung der Kontemplation abgeleitetes geistiges Instrumentarium dazu eben nicht angemessen. Dem kontemplativen Geisteszustand bildet sich das große Ganze im kleinen Einzelnen vollständig ab. Aber diesen Zustand kann man nur erleben, nicht denken. „Meditation“ ist vergleichsweise gedanklicher – und daher auch sprachlicher – als „Kontemplation“. Sie beruht auf Unterscheidung – und Unterscheidung beruht auf Distanz. Durch diese Distanz werden die Einzelheiten einer Sache überschaubarer. Sie verhütet, dass man „den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht“. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass mit der Distanz auch noch etwas außer dem „Wald“ in den Blick kommt – das, was ihn umgibt, was um ihn herum existiert. Nur weil der Blick „kritisch“ wird, muss er noch nicht „umfassend“ werden. Oder: Ein „Panorama“ ist noch kein „Horizont“.

Was ich damit sagen will, wird an dieser Stelle vielleicht gerade anhand der Vorstellung klarer, dass auch die Person des Christen stets vor allem eine „Aussage“ im mystischen Christusleib oder Gebäude der Kirche ist: Wir tendieren sehr stark dazu, jede Person „für sich“, „für sich allein“ zu „nehmen“ oder zu „sehen“. Aber aus echt christlicher Sicht ist das gar nicht unbedingt richtig. Die Person des Christen ist ein Glied im Leib Christi. Kein Glied hat universale Funktionen oder Kompetenzen. Es muss nicht, es kann nicht, ja es darf nicht „das Ganze repräsentieren“ wollen. Das Ganze seines Leibes repräsentiert nur Christus selbst und allein. Kein Christ kann folglich ein „perfekter Christ“ sein. Ja, „perfekter Christ“ ist geradezu ein Oxymoron.

Worauf ich hinaus will: Genau dieselbe problematische Tendenz zeigen wir gewöhnlich im Hinblick auf jene anderen gliedhaften Teile der göttlichen Wahrheitsaussage, die sprachlicher Beschaffenheit sind. Wir nehmen jeden einzelnen Satz der christlichen Verkündigungs- und Lehrtradition grundsätzlich zunächst einmal „für sich“, „für sich allein“. Beziehungsweise, wir bringen ihn mit allem möglichen in Zusammenhang – mit Moral, mit Politik, mit empirischer Wissenschaft, mit Psychologie, mit kritischer Historie, und so fort -; wir stellen ihn nur nicht in den einen Zusammenhang, in den er wirklich gehört: in die Verbindung mit „seinesgleichen“.

Ich komme auf mein anfängliches Bild einer gotischen Kathedrale zurück. In einer gotischen Kathedrale mag der einzelne Stein meisterhaft behauen sein; aber darauf kommt es dennoch nicht an. Selbst der bestbehauene unter ihren Steinen macht nicht das Wesentliche einer gotischen Kathedrale aus; er bildet es nicht einmal „im Kleinen“ ab. Worauf es bei einer gotischen Kathedrale einzig ankommt, ist sie selbst – als Abbild der göttlichen Weltordnung. Gewiss besteht sie aus sehr reellen einzelnen Steinen; gewiss besteht sie nicht, wenn nicht jeder einzelne ihrer Steine zweckmäßig und kunstvoll zugerichtet ist; und dennoch: Wer den einzelnen Stein betrachtet, hat im selben Moment das Eigentliche an der Kathedrale – „sie selbst“ – aus dem Blick verloren.

Es ist seltsam, wie ungewohnt es uns ist, nach eben diesem Paradigma auch in unserem geistigen Umgang mit den katholischen Dogmen zu verfahren.

Seltsam, weil solches Verfahren eigentlich so zwingend erscheint, wenn man sich einmal der Absurdität von „Akribie“ in der „Dogmatik“ bewusst geworden ist.

Die größten Häretiker waren zu ihrer Zeit ausgezeichnete Dogmatiker. Sie haben vor lauter Kompetenz im Blick auf sämtliche Einzelheiten des Dogmas das wahre Ganze des Glaubens tragisch aus dem Blick verloren.

Heute spricht man häufig lieber von „systematischer Theologie“ anstatt von „Dogmatik“. Als ob das irgendetwas bessern würde. Wer nach dem „System“ hinter den theologischen Dingen eifert, entdeckt vielleicht nie, welche Bedeutung in ihnen gerade das „Diastem“ als dessen genaues Gegenteil hat. Der Ausdruck „Diastem“ kann in verschiedenen fachlichen Kontexten kongenitale Zahnlücken, geologische Ablagerungspausen oder melodische Tonabstände bezeichnen. Anhand dieser Assoziationen möge jeder Leser selbst erspüren, was ich hier damit meine: Gerade in den „Zwischenräumen“ zwischen den „Dingen“ erschließt sich deren Eigentlichstes. Zwischen den Worten liegt ihre eigentliche Botschaft.

Die Wahrheit von Jungfrauengeburt liegt nicht im Wort „Jungfrauengeburt“. Die Wahrheit von „Gottessohn“ liegt nicht im Wort „Gottessohn“. Die Wahrheit der Auferstehung liegt nicht im Wort „Auferstehung“. Und so fort.

„Der Satan ist firm in Dogmatik.“ Deswegen insistiert Ignatius so auf dem „sentire cum ecclesia„: der Fähigkeit zum tiefen geistlichen „Empfinden im Einklang mit der ganzen Gemeinschaft der Kirche“.

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