Humor in der Bibel? – „Jein“!

Manche Menschen meinen, es gebe viel Humor in der Bibel.

Diese Behauptung halte ich hauptsächlich und überwiegend für eine verkrampfte Möchtegern-Lässigkeit, angestrengt von Personen, die ebenso eifrig wie beschränktsichtig darum bemüht sind, die Bibel unter Betonung deren angeblicher lockerer, legerer, jugend- und modetauglicher Qualitäten alternativ-katechetisch zu „verkaufen“.

Nein – in einem so direkten, expliziten, plumpen Sinne enthält die Bibel ganz sicher keinen „Humor“.

Und zwar aus einem einfachen Grund: Die Bibel wurde in ihrer letztendlichen Gestalt von Theologen verfasst oder erstellt.

Nun können Theologen zwar persönlich durchaus Menschen von einem saftigen Esprit sein; ja, sie sind es tatsächlich häufig, bisweilen sogar in außerordentlicher Art und Güte.

Aber in heiligen Texten geht es mit jeder Zeile, mit jedem Wort direkt oder indirekt um entscheidende Fragen des Lebens und Sterbens von Mensch und Menschheit. In diesem Kontext des Blutgeruchs – drastisch gesagt – kann es nun mal keinen wie auch immer gearteten befriedigenden Sinn ergeben, Witze zu reißen. Selbst ein zynischer Nihilist mit bloß ein klein wenig formalem Geschmack wird, wenn er das versucht, schnell feststellen, dass er mit einer sich über den Ernst des Lebens nicht mehr als belustigenden Herangehensweise binnen kürzestem sich weit unter seinem eigenen Niveau wiederfindet, und dass seine entsprechenden Äußerungen deshalb nur schal, fad und verdrießlich wirken. Bei missglückten Kabarettisten kann man diesen tristen Effekt häufiger beobachten. Aber die schaffen es mit ihren ennuierenden Ergüssen normalerweise zum Glück und zurecht auch nicht in ein Buch.

Wer irgend Stil und Geschmack hat, kommt also allein schon auf dieser ganz einfachen Ebene der Betrachtung rasch dahinter, dass die Annahme einer Verbindung von „Bibel“ und „Humor“ eine begriffliche Mésalliance a priori ist.

Nun sagte ich aber schon: In ihrer Endgestalt ist die Bibel ein Produkt von Theologen. Diese Endgestalt und ihre Schlussredakteure hatten allerdings Vorlagen – manchmal zahlreiche Generationen verschiedener, sich Schritt für Schritt entwickelnder Vorlagen.

Und am Anfang der Vorlagenreihe stehen wohl in vielen Fällen spirituelle Meister, die – wie echte spirituelle Meister in allen Traditionen der Welt – sehr häufig mit einem hohen Maß an Humor arbeiten bei ihrer erzieherischen Tätigkeit. Viele der Propheten Israels werden solche ausgesprochen lustigen Lehrer gewesen sein. Und Jesus aus Nazareth ziemlich sicher auch – nach meiner persönlichen Auffassung sogar ganz sicher: So unsinnig die Annahme wäre, dass er bei seiner Kreuzigung gelacht habe, so unsinnig erscheint mir die Annahme, er habe es vorher nicht getan.

Man muss einen außerordentlichen Grad an geistlicher Reife erlangt haben, um über das Leben, so, wie es wirklich ist – und nicht bloß über eine Illusion davon, egal ob eine rosarote oder eine zynische -, authentisch lachen zu können. Wer allerdings einen erforderlichen Grad an geistlicher Reife verkörpert, der verfasst keine „heiligen Schriften“ mehr – so wenig, wie die Propheten oder Jesus dergleichen getan haben.

„Heilige Schreiber“ sind dagegen ein ganz anderer Typ Menschen. Auch ihr Werk ist wertvoll. Es verschafft den einmaligen Offenbarungs-Persönlichkeiten epochale Dauer, die ihnen ohne Schriftzeugnisse ihres Wirkens nicht vergönnt wäre. Aber auf dem erhabenen Erleuchtungsgrad, auf dem das Heilige und das Humorvolle sich versöhnen, bewegen sich die frommen Buchstabenfuchser nicht – und zwar schon von Anfang jeder Verschriftlichung an nicht.

So haben sie an vielen Stellen der Bibel – der jüdischen wie der christlichen – verwitterte Denkmale des Humors der Erleuchteten, auf deren Spuren sie wandeln, bewahrt. Ihre Archivalien stellen aber in der Konserve ihrer Texte keinen als solchen akzeptablen Humor mehr dar, sondern nur noch eine Reminiszenz an einen geistlichen, göttlichen Witz, der da einmal die Menschen bewegt haben mag, nunmehr bloß noch wie aus dem Munde eines erbärmlich schlechten Witzeerzählers dürr kolportiert.

Man erweist der Bibel einen Bärendienst, wenn man behauptet, sie sei „witzig“. Ihr vermeintlicher Witz ist, als solcher betrachtet, unsäglich lahm. Und nichts verfehl sein Ziel gravierender als das Argument, Humor sei eben sehr kulturabhängig, und zur Zeit der Entstehung der biblischen Texte hätten die Menschen über diese oder jene Stelle gewiss laut gelacht.

Nein, nicht zur Zeit der Entstehung der Texte. Sondern im Moment der Entstehung der ursprünglichen Vorlage der biblischen Texte: Im Moment eines lebendigen spirituellen Unterweisungs-Ereignisses, dem nichts ferner lag als der Gedanke, die in diesem Moment ertönenden Worte hätten das Zeug zu „heiliger Schrift“.

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