Historisch-kritische Betrachtungen zur Eucharistie

Eine wichtige Quelle für die Entwicklung der Eucharistie ist die 1873 wiederentdeckte „Didache“, die „Zwölfapostellehre“, die früheste uns bekannte Kirchenordnung, die Gegebenheiten des ersten Jahrhunderts abbildet. Die Stelle, an der dieser nicht allzu umfangreiche Text über die Eucharistie spricht, ist eindeutig zu identifizieren, und alle fundamentalistischen Versuche, dies zu leugnen – weil die Stelle fundamentalistische Ansichten kompromittiert – sind völlig zwecklos:

„Zur Danksagung (eucharistía), sagt Dank so: Zuerst wegen des Kelchs: Wir sagen Dir Dank, unser Vater, für den heiligen Weinstock Deines Kindes/Knechts (pais) David, (den Du uns offenbart hast durch Dein Kind / Deinen Knecht Jesus); Dir sei Ruhm in Ewigkeit. Zum gebrochenen Brot: Wir sagen Dir Dank, unser Vater, für das Leben und die Erkenntnis, die Du uns offenbart hast durch Dein Kind / Deinen Knecht Jesus; Dir sei Ruhm in Ewigkeit. Wie dieses gebrochene Brot zerstreut war auf den Bergen und gesammelt eins wurde, so werde Deine Kirche versammelt von den Enden der Erde in Dein Reich. Denn Dein ist die Herrlichkeit und die Kraft durch Jesus Christus in Ewigkeit. Aber keiner soll essen und trinken von eurer Eucharistie außer denen, die getauft sind auf den Namen des Herrn; diesbezüglich sagt der Herr: Gebt das Heilige nicht den Hunden.“ (Didache 9)

Der folgende Abschnitt wird in der Didache als Schlussgebet dargestellt. John Dominic Crossan und andere haben aber überzeugend dargelegt, dass es sich dabei ursprünglich um ein komplettes alternatives Modell der Eucharistie handelt, und zwar vermutlich um ein noch älteres:

„Nach dem Sattessen (ἐμπλησθῆναι, wörtlich „voll werden“) sagt Dank so: Wir sagen Dir Dank, heiliger Vater, für Deinen heiligen Namen, dem Du in unseren Herzen eine Wohnstätte bereitet hast, und für Erkenntnis, Glauben und Unsterblichkeit, die Du uns zu wissen gegeben hast durch Deinen Knecht / Dein Kind Jesus. Dein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit. Du, allmächtiger Herrscher, hast alles geschaffen um Deines Namens willen. Speise und Trank hast du den Menschen gegeben zum Genuss, damit sie Dir Dank sagen; uns aber hast du geistliche Speise und Trank und ewiges Leben gewährt durch Deinen Knecht / Dein Kind. Für alles sagen wir dir Dank, weil du mächtig bist; Dein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit. Gedenke, Herr, Deiner Kirche, dass sie bewahrt werde in Deiner Liebe und versammelt aus den vier Winden, die geheiligte, in Dein Reich, das Du ihr bereitet hast; denn Dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Es komme die Gnade, und es vergehe diese Welt. Hosanna dem Gott Davids. Wenn einer heilig ist, komme er; wenn er es nicht ist, tue er Buße. Maran-atha; Amen. Den Propheten aber gestattet, Dank zu sagen, wie sie wollen.“ (Didache 10)

Zunächst fällt auf, dass hier zuerst der Kelch gesegnet wird. Dies entspricht einer vorherrschenden jüdischen und überhaupt antik-mediterranen Tradition des rituellen Mahls. Vermutlich wurde die christliche Reihenfolge später im Zuge von Abgrenzungsbemühungen gezielt umgekehrt. Das lukanische Abendmahl findet in der gleichen Reihenfolge statt wie in der Didache; bei Markus und Matthäus hingegen ist sie so, wie wir sie heute kennen.

Das wesentlichste Merkmal der Didache-Eucharistie besteht jedoch darin, dass sie keinen Bezug auf ein besonderes Opfer Jesu enthält. Die Vorstellungen der Didache sind anscheinend weit davon entfernt, in Brot und Wein „Leib und Blut Christi“ zu sehen. Sie rekapituliert „lediglich“ die authentische jesuanische Tischgemeinschafts-Praxis. Das heißt auch: Sie erkennt kein spezifisches „Letztes Abendmahl“, das es nachzubilden gälte.

Allerdings kann man deswegen nicht behaupten, die Eucharistie der Didache sei noch nicht ritualisiert. Zwar scheint sie noch ein echtes, sättigendes Mahl zu sein; aber die Teilnahme an ihr ist bereits mit scharfen Klauseln konfessioneller Exklusivität belegt, die der ursprünglichen sozial radikal offenen Intention Jesu stark widersprechen.

Irgendeines der symbolischen Gastmähler Jesu mit seinen Freunden und Anhängern war faktisch sein letztes. Aber erst in den Quellen, aus denen Markus schöpft, gewinnt dieser Termin seine einzigartige Bedeutung dadurch, dass die Darstellung von einem besonderen Vorwissen Jesu um die Finalität dieses Ereignisses ausgeht, und mehr noch in der Annahme, Jesus habe gerade diese eine Zusammenkunft deswegen in einer hervorgehobenen Weise bewusst symbolisch intensiver ausgestaltet, als es sonst seine Gewohnheit war.

Dieses „Letzte Abendmahl“ wird in allen synoptischen Evangelien in einer Vorbereitungs-Szene ausdrücklich als Pessachmahl bezeichnet. Durch diese Erinnerung an den Auszug aus Ägypten wird der Abschied Jesu in eine Parallele zu Mose gesetzt: Das neuartige, kühn auf ihn selbst bezogene Pessach-Ritual, das Jesus am Abend vor seiner Passion angeblich einführt, weist ihn als neuen Moses aus – und stellt ihn noch viel größer als Moses dar. Dieses Motiv baut insbesondere Matthäus in seinem Evangelium noch an weiteren Stellen aus.

Die Aufforderung „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ kommt in den Evangelien nur bei Lukas vor. Mit ihr hat es eine sehr viel wesentlichere Bewandtnis, als es auf den ersten Blick scheint. Von Markus ausgehend enthalten nämlich alle drei Synoptiker eine Version des Satzes: „Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes.“ (Mk 14,25) Damit wollen Markus und Matthäus tatsächlich sagen, dass die Eucharistie der Gemeinden als Fortsetzung der Kommensalitäts-Praxis Jesu gedacht sein soll, aber NICHT als Wiederholung seines besonderen „Letzten Abendmahls“.

Es gibt auch Theologen, die in der Aussage Jesu, einer derer, die mit ihm aus derselben Schüssel äßen, würde ihn verraten, und der anschließenden markinischen Darstellung der Szene, die ausdrücklich alle Jünger Speise und Trank mit Jesus teilend zeigt, einen unterschwelligen Verratsvorwurf der Gemeinde des Evangelisten erkennen wollen an jene konkurrierenden christlichen Gruppen, die die Eucharistie schon damals so „letztabendmahlig“ deuteten, wie wir es heute ganz offiziell tun. Entsprechend taucht das potenziell kompromittierende Schüssel-Detail der Szene bei Lukas nicht auf. Bei ihm heißt es nur nach dem Mahl: „Der Mann, der mich verrät und ausliefert, sitzt mit mir am Tisch.“ Und anlässlich der Überraschung der Jünger schiebt Lukas daraufhin etwas unpassend die Debatte ein, wer unter ihnen der Größte sei: Er will die Verrats-Thematik auf Fragen der Moral bezogen wissen, auf das Gebot der Demut, nicht auf liturgische Streitigkeiten. Diese eifrige Beflissenheit des Lukas verrät uns aber nur umso deutlicher, dass die Unterschiedlichkeit ihres Liturgieverständnisses genau das war, was die frühen Gemeinden heftig entzweite.

Bei Markus oder schon in dessen prophetisch-schriftdeutend-apologetischen Quellen (vergleiche etwa den Barnabasbrief) entstand die Theologie des Letzten Abendmahls aus der Moses-Assoziation des Pessachfestes als auffälliges Todesdatum Jesu. So bezeichnet Markus und mit ihm Matthäus den Wein als „Blut des Bundes“, was Jesus freilich zunächst nur als symbolische Aktualisierung der jüdischen Tradition porträtiert, während bei Lukas der Kelch ausdrücklich „der neue Bund“ genannt wird, was noch einen Schritt weiter geht. Im Zuge dieser Entwicklung symbolisieren bei den Synoptikern Brot und Wein also zwar im Unterschied zur Gemeinde der Didache Leib und Blut des geopferten Jesus; aber über die Frage, wie ausdrücklich diese Symbolik sich in jeder gemeindlichen Eucharistie fortsetzen sollte, sind sie durchaus noch uneins. Ein Gedanke wie „Transsubstantiation“ lag für sie jedenfalls eindeutig in weitester Ferne.

Das heutige kirchliche Eucharistieverständnis ist Paulus entnommen: „Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ (1Kor 11,23-26)

Hier ist alles enthalten, was für den vorherrschenden Mainstream der Kirche seitdem gültig ist: Die Reihenfolge Brot-Wein, der explizite Bezug auf „DAS Letzte Abendmahl“ mit voll entwickelter Herrenopfer-Symbolik, und die ausdrückliche Aufforderung, genau dieses eucharistisch zu rekapitulieren und nicht nur irgendeine typische Tischgemeinschaft, wie Jesus sie zu seinen Lebzeiten immer wieder abgehalten hat. Dieses „erfolgreiche“ Eucharistie-Konzept ist keine paulinische Erfindung, aber das Wirken des Paulus war wohl maßgeblich für dessen Durchsetzung als kirchlicher Standard. Dabei ist zu beachten, dass das, was wir „verschiedene Entwicklungsstufen“ der Eucharistie nennen, zum großen Teil nicht erst nachzeitig, sondern gleichzeitig existiert hat. Immerhin gehören die authentischen Paulusbriefe zu den ältesten Schriften des Neuen Testaments.

Das Konzept „Leib und Blut“ ist eine eigenartige, bemerkenswerte Synthese aus dem philosophischen Schema „Leib und Seele“ und der materiellen Anschauung „Fleisch und Blut“. Als derartige begriffliche Synthese zwischen Geistigem und Körperlichem ist diese Formulierung bezeichnend für die theologische Deutung von Märtyrern – konkret jüdisch-historisch: der makkabäischen Märtyrer. Dies nimmt abermals unverkennbar eine unabtrennbare politische Komponente der Mission Jesu in die theologische Sprache der frühen christlichen Gemeinden auf.

Johannes schildert das letzte Mahl Jesu allerdings ganz anders: „Es war vor dem Pessachfest. Jesus wusste… (…) Es fand ein Mahl statt. (…) Jesus… stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen.“ (Joh 13,1-5) Nach der Fußwaschung beginnt Jesus eine große Rede an seine Jünger, die sich über fünf Kapitel erstreckt und das Mahl auf diese Weise deutlich von der Passionserzählung separiert. Einziges weiteres aktives Moment der Szene ist der Bissen Brot, den Jesus mit seinem Verräter teilt. Aber bei Johannes reicht er ihn gezielt und einzig dem Judas Iskariot (Joh 13,26). Johannes betont also radikal den kommensalen, egalitären Nächstenliebe-Charakter seines Eucharistieverständnisses; sein Verschweigen und damit Verweigern jeder besonderen rituellen Symbolik von Kelch und Brot ist theologisch geradezu militant: Die rechtgläubige Gemeinde soll sich hüten, zu meinen, sie empfänge jeden Sonntag ihre geistliche Speise aus der Hand Christi selbst – dem einen, der so aß, bekam es schlecht. Denn: „Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn.“ (Joh 13,27)

Es ist nicht die einzige Stelle seines Evangeliums, an der ausgerechnet der späte und hochtheologische Evangelist Johannes gegenüber den Synoptikern ein bei aller Polemik merkwürdig geschärftes Bewusstsein für den historischen Jesus verrät – eine Beobachtung, dies es empfehlenswert erscheinen lässt, Johannes‘ Werk aus der Debatte um den historischen Jesus nicht von vornherein auszuschließen.

Ihre Eucharistie aber ist und bleibt eine Schöpfung eigenen Rechts der Kirche, welcher der historische Jesus ihre Legitimität nicht abspricht. Im Gegenteil: Die Frage nach dem historischen Jesus eröffnet dem Verständnis der kirchlichen Eucharistie für mein Empfinden größere Tiefe.

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