GroKo-Bischof

Der evangelisch-lutherische bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm schreibt auf Facebook: „Ich begrüße es ausdrücklich, dass die Koalitionsverhandlungen zu einem Ergebnis geführt haben, auf das sich alle beteiligten Parteien einigen konnten. Alle, die nun über Annahme oder Ablehnung dieses Ergebnisses zu entscheiden haben, müssen gründlich abwägen, wie sie ihrer Verantwortung am besten gerecht werden können. Denn Verantwortung ist jetzt gefragt. Es geht nicht darum, wie man sich persönlich besser fühlt, sondern es geht darum, wie den Menschen, um die es geht, insbesondere den Schwächsten und Verletzlichsten, am besten geholfen ist. Es kann jetzt auch nicht zuerst um Parteiinteressen gehen sondern es geht um Verantwortung für das ganze Land, für Europa und, gerade im Hinblick auf die uns so wichtigen globalen Gerechtigkeitsfragen, auch für die Welt. Wer jetzt eine verantwortliche Entscheidung zu treffen hat, muss sich genau Rechenschaft darüber ablegen, was die realistischen Alternativen zur Bildung dieser Koalition sind und bei welcher der Alternativen die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass Schritte in die richtige Richtung getan werden. Jetzt wünsche ich denen, die die Nacht durchverhandelt haben, aber vor allem eine dicke Portion Schlaf!“ Ich selber bin nicht bei Facebook, aber mir wird gesagt, Bedford-Strohm nutze seinen betreffenden Account ganz offiziell in seiner Rolle als Bischof.

„Alle, die nun über Annahme oder Ablehnung dieses Ergebnisses zu entscheiden haben“: Gemeint sein können damit nur die SPD-Mitglieder, die in Kürze über den Koalitionsvertrag abstimmen werden. Im allgemeinverbindlichen pastoralen Tonfall des Bischofs unternimmt Bedford-Strohm damit einen sehr spezifischen parteipolitischen Beeinflussungsversuch, bei dem er die Große Koalition als alternativlos erscheinen lässt.

Ich schließe mich der theologischen Position an, dass es unmöglich ist, als echter und glaubwürdiger Christ unpolitisch zu sein, dass Christsein bis in die „Niederungen“ des äußerst Konkreten hinein notwendig politisch ist, und dass es daher völlig unsinnig wäre, von Christen parteipolitische Neutralität zu fordern.

Trotzdem stellt sich mir in diesem Fall eine mehrfache bedenkliche Schieflage dar:

1.) in den politischen Äußerungen von Christen sind etwaige kirchliche Hierarchiebezüge ungültig bzw. inexistent. Auch ein Bischof kann grundsätzlich in eigenem besonnenem Ermessen konkret parteilich Stellung beziehen. Aber er kann es nicht als Bischof tun; dies kann er nur aus derselben gesellschaftlichen Position heraus tun wie jeder andere Christ als solcher auch. Diese Bedingung wird hier gefährlich verunklart, sowohl durch die grundlegende Widmung des Accounts als auch durch den amtsgeistlichen Äußerungsstil. Dadurch wird suggeriert, die Kirche und ihre Theologie wären legitimiert, das politische Gewissen ihrer einzelnen Gläubigen vom Amts wegen zu beeinflussen. Das jedoch ist völlig inakzeptabel und unzulässig. Keine politische Partei kann als solche beanspruchen, den Willen von Christen als solchen besser zu repräsentieren als eine andere.

2.) Die tatsächliche Unmittelbarkeit der parteipolitischen Zielrichtung und Bezüge der Äußerung wird tendenziell verschleiert, sie will sich bedeckt halten, will sich nicht als das bekennen, was sie ist: eine Wahlkampftrommel. Das ist sehr ungut. Wenn Bedford-Strohm geschrieben hätte: „Hey, ihr SPD-ler, ich will, dass ihr für die GroKo stimmt“, wäre das weitaus besser, weil offener und ehrlicher gewesen. Darüber hätten die Meisten wohl nur geschmunzelt. Aber so hat es leider das Zeug zu einem kleinen Skandal.

3.) Christen, egal ob sie kirchliche Amtsträger sind oder nicht, sollten ihre politische Meinung grundsätzlich mit einer gewissen Behutsamkeit und Zurückhaltung in die öffentlichen Debatten einbringen, damit ihre Stimme und das Gehör, das diese erhält, sich nicht abnützt, sich nicht unnötig verbraucht. Das halte ich für eines des Grundgesetze des christlichen Politischseins. Es ist in dem Sinne auszulegen, dass beispielsweise ein echter christlicher Politiker nicht dauernd betont als Christ auftreten sollte, sondern durchaus weit überwiegend „einfach“ als Politiker, und speziell als Christ nur dann, wenn dies zur Begründung seines Handelns wirklich erforderlich und entscheidend ist. Gerade für einen amtierenden Bischof sollte umgekehrt gelten, dass die Auswahl der Themen, für die er sich parteipolitisch einsetzt, einer wirklich sehr anspruchsvollen Auslese folgen sollte. Vor diesem Maßstab ist die Frage „GroKo ja oder nein“ für meinen Geschmack ganz klar nicht bedeutsam genug. Ein Christ hat sich als solcher für oder gegen bestimmte politische Effekte einzusetzen. Eine Große Koalition ist aber selbst kein politischer Effekt, sondern bestenfalls ein halbwegs kausales Mittel zu einem solchen politischen Effekt – ein Mittel, dessen Effektivität aber wahrlich nicht völlig zweifelsfrei zu erscheinen vermag. Wenn ein Bischof sich medienöffentlich in das Schmieden politischer Allianzen einmischt, verpulvert er damit das geistliche Arsenal seiner politischen Munition. Ein solcher Zug hat sich kein Kompliment verdient. Er wird gerade nicht jener großen Verantwortung gerecht, die Bedford-Strohm in seinem Facebook-Post so gravitätisch beschwört.

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