Gnade und Überblick

Gelegentlich sehe ich mir Filmaufnahmen an, die die Praxis in Zen-Klöstern zeigen. Zunehmend fällt mir bei diesen Bildern auf, dass die penibel strenge ritualisierte Ordnung der alltäglichsten Verrichtungen, die dort herrscht, das buddhistische „Gesetz von Ursache und Wirkung“ ausdrückt, der christlichen Ausrichtung auf die göttliche Gnade aber entgegengesetzt ist. Deshalb wurden solche Formen in christliche Ordensregeln nicht aus Laxheit, sondern mit gutem Grund nie eingeführt.

Wenn man sagt: Weil das menschliche Dasein unübersichtlich ist, erkennen wir seine Kontingenz, und weil wir seine Kontingenz erkennen, erkennen wir es als auf göttliche Gnade angewiesen – so sagt man einerseits etwas Richtiges, und macht andererseits doch einen „unchristlichen“ Fehler; denn weitaus richtiger wäre zu formulieren: Weil alles, was existiert, einzig und allein von der Gnade Gottes und nichts anderem als seiner Quelle ausgeht, ist alles kontingent, und weil es kontingent ist, ist es notwendig unübersichtlich. Damit erscheint die Unübersichtlichkeit des Lebens als Gnade.

Eine der wichtigsten Grundregeln zur praktischen Bewältigung der Unübersichtlichkeit unserer kontingenten Existenz lautet: Projekte statt Routinen. Das Leben im Zen-Kloster besteht aus Routinen. Das Leben in einem christlichen Kloster scheint nur für den Außenstehende aus Routinen zu bestehen; in Wahrheit besteht es ausschließlich aus Projekten: dem Projekt der Erlösung; dem Projekt des Heilig-Werdens. Diese Projekte sind mit jeglicher Vorstellung von Routine absolut inkompatibel.

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