„Glaube und Werke“

Wenn Paulus etwa im Römerbrief schreibt: „Für uns ist klar (logizómetha), dass der Mensch gerecht wird durch pístis, unabhängig von Werken des Gesetzes (χωρὶς ἔργων νόμου, chorís érgon nómou)“ (Röm 3,28), dann sind bei dieser ganzen Thematik, die von den Theologen gerne mit „Glaube versus Werke“ betitelt wird, stets zwei Aspekte genau zu beachten:

Erstens meint er immer „pístis VERBUNDEN MIT (‚guten‘) Werken“ versus „Werke (‚des Gesetzes‘) ohne pístis„. Denn zum wahren Wesen von pístis, das mit „Zustimmung zu einem Gedankengebäude“ nichts zu tun hat, sondern eine alles umfassende Lebensform beschreibt, gehören ganz selbstverständlich immer äußere Handlungen und Verhaltensweisen.

Zweitens muss man beachten, dass Paulus mit dieser Antithese nicht gegen „die Juden“ polemisiert, sondern dass es ihm um seine spezielle Zielgruppe der „Gottesfürchtigen“ geht. Diese folgen einigen jüdischen Regeln, nehmen aber nicht das ganze jüdische Gesetz an (z.B. nicht die Beschneidung). Damit erscheinen sie aber wie folgt in einer problematischen „Zwischenstellung“.

Auch jeder damalige qualifizierte jüdische Theologe würde sagen, dass die Befolgung des jüdischen Gesetzes äußerer Ausdruck eines inneren Gottesverhältnisses ist und sein muss: Das Äußerliche ist notwendig, aber nicht allein hinreichend. Für einen „nichtchristlichen Juden“ sind allerdings keine Kompromisse bei der äußeren Form seiner Religion möglich, weil nur die Vollständigkeit der Befolgung des religiösen Gesetzes angemessener Ausdruck des innerlichen Gottesverhältnisses sein kann.

Wenn nun die „Gottesfürchtigen“ nur einige jüdische Gesetze befolgen, andere aber nicht, besteht aus Sicht des Paulus die dringende Gefahr, dass ihre Haltung zu „Werken ohne pístis“ degeneriert – oder im schlimmsten Fall von Anfang an nicht mehr sein kann als das. Den „richtigen“ Juden wirft er vor, dieses Problem zu ignorieren und sich so mit einer geistig inkonsistenten Missionsstrategie zu begnügen.

Die christliche Version des Judentums schafft nach Auffassung des Paulus radikale Konsequenz, wo den Synagogen solche Konsequenz fehlt: Das jüdische Gesetz wird für die „Heidenchristen“ konsequent abgeschafft.

Dieser Schritt tastet aber die Legitimität des „vollumfänglichen“ Judentums – dem Paulus selbst zeitlebens angehört – keineswegs an. Nachdem er die von ihm ursprünglich angestrebte Einheit von Juden und „Heiden“ als aussichtslos einsieht, kehrt er die von ihm anfänglich formulierte „Hierarchie“ der Offenbarung „zuerst der Jude, dann der Grieche“ (Röm 1,16) um. Aber er „bricht“ ausdrücklich nie mit „den Juden“. Die Worte, mit denen er im Römerbrief das Gegenteil unterstreicht, sind sehr stark.

Wir müssen daraus die Konsequenz eines „doppelten Bundes“ ziehen: Es gibt für Paulus nunmehr – auch wenn er selbst das so ausdrücklich nicht artikuliert – zwei Bündnisschlüsse Gottes mit den Menschen gleichberechtigt nebeneinander, den jüdischen und den christlichen.

Diese Erkenntnis wartet allerdings noch auf Vollendung ihres Eingangs in unsere Theologie.

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