Funkenmariechens eheliche Verhältnisse

In Form eigenhändiger Modifikation eines Artikels von 1972 mischt der Papa Emeritus sich in die Scheidungsdebatte ein. In der aktuellen Version seines Textes unterstützt er den Vorschlag, die Ehenichtigkeits-Option zu forcieren. (Auch ich sehe das übrigens in der Tat eher als ein „Angebot zur Güte“ denn als eine Provokation seines amtierenden Nachfolgers, wie einige meinen, und verstehe die Aufregung über diesen „Bruch seines Schweigens“ nicht.)

Theologisch zu bedenken ist dabei aber, dass es von dieser Argumentation ausgehend keine sinnvolle Möglichkeit gibt, sich gegen das Entstehen einer Praxis abzugrenzen, die besagt: „Jede Ehe, die geschieden wird, wurde eo ipso psychisch unreif (und damit kanonisch und sakramental ungültig) geschlossen, denn sonst wäre sie nicht geschieden worden.“

Ich wende diesen Gedanken natürlich nicht mit dem Unbehagen eines Traditionalisten ein, sondern im Gegenteil mit großem Behagen und Amüsement. Sie scheint mir von jener Fähigkeit zur Selbstironie zu zeugen, ohne die es meines Erachtens überhaupt kein echtes katholisches „Sünder-Sein“ geben kann: Anstatt Scheidung zu erlauben, erklärt die Kirche einfach per Definition des Begriffs „Scheidung“ alle Geschiedenen für retrograd unzurechnungsfähig. Köstlich! Eine ur-katholische Lösung!

Denn letztendlich steckt hinter diesem Problem natürlich wieder einmal das alte philosophische Fundamentaldilemma der Frage nach dem freien Willen, diatribe de libero arbitrio: Sind wir überhaupt in der Lage, irgendetwas derart „frei“, derart „souverän“ zu tun, dass „wir“ es in allerletzter Konsequenz verantworten können, ohne dass die göttliche Gnade uns unmittelbar zu Hilfe kommen muss, damit wir vor dieser Verantwortung überhaupt bestehen können?

Wenn man Joseph Benedikt Ratzinger altbayerischen Humor nicht ganz absprechen will (und Intelligenz sowieso nicht), wird man anerkennen dürfen, dass er mit seiner Stellungnahme eine wahrhaft salomonische Entscheidung getroffen hat.

Nur mit dem Datum hat er sich ein paar Tage verspätet. Der 11.11. hätte besser gepasst.

Im Ernst: Ehen sind ein durch und durch „pastorales“ Thema. Und „pastoral“ bedeutet: Etwas, worüber man einfach keine sinnvollen schematisierenden Grundsatzaussagen machen kann.

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