Farben des Martyriums

Die keltische Kirche, entstanden mit dem Ende des römischen Reiches, dessen Teil die hibernische Insel nie gewesen war, und erst nach der Synode von Whitby 664 in der römischen Kirche aufgegangen, wurde als solche nie verfolgt. Neben ihrer clanmäßig und monastisch dominierten und nicht primär territorialen Kirchenordnung (in der es, anders als in der römischen Kirche, mehrere Bischöfe am selben Ort geben konnte und Äbte über Bischöfen standen) lag ein Charakteristikum der keltischen Christenheit darin, dass sie in der Glut ihres jungen Glaubens beschämt eine Möglichkeit zum „roten Martyrium“ vermisste. Also erfand sie in keltischer Kreativität andersfarbige Martyrien, die sie stattdessen leidenschaftlich auf sich nehmen konnte: das „grüne Martyrium“ – radikale asketische Verzichtübung und Entsagung in der abgeschiedenen Wildnis der „grünen Insel“ und deren winzigster, kargster Vorinseln – und das „weiße Martyrium“: freiwilliges Exil zum Zweck der Heidenmission, wo sie am mühsamsten ist.

Soweit die Tradition. Aber für unsere heutige Spiritualität kann es sogar noch mehr Martyrien-Typen geben als für die damalige keltische. Im folgenden einige Vorschläge:

Das „graue Martyrium“: geschärft bewusstes Ertragen der uninspirierten Langeweile und Mittelmäßigkeit einer in der heutigen Zeit normalen bürgerlichen Existenz mit durchschnittlicher Erwerbstätigkeit und Haushaltsführung, in ständiger hellster Gewärtigkeit der Gefahr, darüber geistlich einzuschlafen und von diesem schmalen Grat heilsbiographisch fatal abzustürzen. Die sogenannten „Helden des Alltags“ kann es ohne eine zutiefst religiöse Komponente ihres Bewusstseins meines Erachtens eigentlich überhaupt nicht schlüssig geben.

Das „blaue Martyrium“: religiös getragenes, entschlossenes Ringen mit den eigenen quälenden seelischen wunden Punkten, Untiefen und Neurosen, ob Traurigkeit und Trostlosigkeit, Melancholie oder Depression, Unglücklichkeit über die Familie, die man hat, oder über die Familie, die man nicht hat, überkochende Aggressionen von Zorn und Wut, Hass und Rache, Angststörung oder Suchtkrankheit, Traumatisierungen oder Schuldgefühle. Nicht immer löst die spirituelle Entwicklung all dies einfach auf. Aber immer vermag sie den Betroffenen auf eine „höhere Warte“ zu führen. Der Selige Matt Talbot etwa gilt in diesem Sinne als ein besonderes Beispiel für den frommen Kampf gegen den Alkohol.

Und für einige wenige vielleicht das „gelbe“ bzw. „goldene Martyrium“: wenn Erfolg, Glanz und Pracht, Reichtum, Amt und Würde, Wichtigkeit, Macht, Ruhm, Prominenz, öffentliche Aufmerksamkeit, medien-interferiertes Dasein, der „goldene Käfig“, sich in grausamer Klarheit als belastende Bürde erweist in mindestens zweierlei Hinsicht, nämlich sowohl im ständigen Widerstehenmüssen gegen äußerliche und innerliche Korruption des ganzen eigenen Wesens als auch im mitleidlosen Unverständnis der Vielen, dass man mit großen „Privilegien“ durchaus große Probleme haben kann, der von dieser Erkenntnis Betroffene aber dennoch den Entschluss fasst, diese „Gaben“ nicht zu verwerfen, sondern sie in besonderer Weise zum Wohl der Vielen einzusetzen, ohne selbst im geringsten jenen befriedigenden Vorteil und Genuss daraus zu ziehen, den die Allgemeinheit ihm unwissend zuschreibt. Gelegentlich gibt es so etwas. Mark Aurel vielleicht. Oder Papst Franziskus?

Auf jeden Fall: Für jeden ist etwas dabei. Jeder Christ hat eine Chance auf sein Martyrium, sein „Zeugnis“.

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