Erster!

Im Verhältnis zwischen dem, was wir heute verkürzt „das Judentum“ nennen, und dem, was wir Christentum nennen, hat sich vermutlich in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine Entwicklung abgespielt, die in wesentlichen geistig grundlegenden Punkten vergleichbar war mit jener, als die wir aus heutiger Sicht das Verhältniswachstum von katholischer und evangelischer Kirche interpretieren müssen, weil es sich bei beiden Entwicklungen um Beispiele desselben kulturellen Wiederholungsmusters handelt. Natürlich haben „das (sogenannte) Judentum“ und das frühe Christentum sich nicht so bekriegt wie Katholiken und Protestanten im 16. und 17. Jahrhundert. Es geht bei dem dieser Vergleichbarkeitsbehauptung zugrundeliegenden Muster um etwas viel Tieferes und Konstanteres als jene äußerliche historische Dynamik, die von vielen – teilweise auch irrationalen und zufälligen – Faktoren abhängt.

Es geht um die grundsätzliche Frage, was passiert, wenn eine weltanschauliche Bewegung sich spaltet. Jede solche Bewegung tut dies irgendwann im Laufe ihrer Geschichte so selbstverständlich und natürlich, wie in der biologischen Evolution aus jeder Art irgendwann zwei neue Arten entstehen.

Für eine Spaltung gibt es grundsätzlich immer zwei strukturelle Möglichkeiten: die einvernehmliche und die nicht einvernehmliche Trennung. Damit ist nicht die Zustimmung zur oder Ablehnung der Spaltung an sich gemeint, sondern der Umgang mit den davon betroffenen Identifikationsgütern, also Ideen, Symbole, Worte, oder was auch immer.

Im Fall einer nicht einvernehmlichen Trennung beanspruchen beide neu entstehenden Parteien dieselben Identifikationsgüter jeweils „für sich“. Spaltungsrichtung A erklärt also: „Das Identifikationsgut x gehört uns„, und Spaltungsrichtung B erklärt genau dasselbe. Diese Situation zieht unvermeidlich die Notwendigkeit nach sich, der jeweils „gegnerischen“ Spaltungsrichtung propagandistisch-polemisch ihre gesamte Legitimität abzusprechen. Dieses Vorgehen führt kulturhistorisch aber regelmäßig dazu, dass so argumentierende neu entstandene „Glaubens“-Richtungen nicht von langer Lebensdauer sind. Denn religiöse Bewegungen sind wesenhaft traditionsbezogen. Deswegen teilen sie auch nach Spaltungen immer noch ein Übergewicht an Gemeinsamkeiten mit ihren nunmehr getrennten „Schwester“-Bewegungen. Unter diesem Umstand bedeutet ein Bestreiten aller Legitimität der „Anderen“ eo ipso eine Schwächung der eigenen. Die Legitimität der ihr Entfremdeten grundsätzlich in Abrede zu stellen, verstrickt also jede religiöse Bewegung, die sich in der Situation frischen Hervorgegangenseins aus einer Spaltung befindet, in eine fatale Plausibilitätskrise.

Somit bleibt ihr praktisch nur die Alternative der einvernehmlichen Trennung übrig. Dabei teilen die miteinander konkurrierenden Spaltungsrichtungen wesentliche Identifikationsgüter „einvernehmlich“ untereinander auf, nach dem Prinzip, dass Spaltungsrichtung B sagt: „Wenn Spaltungsrichtung A sich Identifikationsgut x ‚aneignet‘, identifizieren ‚wir‘ uns im Kontrast dazu umso akzentuierter mit Identifikationsgut y“ – beziehungsweise am besten mit „non-x“, also dem genauen Gegenteil von x. Dieser Zuordnungsvorgang geschieht in komplexester systemischer Interaktion, die funktioniert, indem beide neuen Richtungen einer sich in Spaltung befindenden Religion immer äußerst stark und lebendig aufeinander bezogen sind und in intensivster, multidimensionaler Kommunikation miteinander stehen – direkt und indirekt, explizit und implizit, „low context“ und „high context“, bewusst und unbewusst.

Solchem geistlichem „divide et impera“ ist außerdem freilich logisch zwingend vorausgesetzt, dass die betroffenen Identifikationsgüter neuartig interpretiert und mit neuen Bedeutungen und Wertungen konnotiert werden. Andernfalls wäre es nicht möglich, dass bei unleugbarer weitreichender gemeinsamer Herkommens-Grundlage auf der einen Seite der Spaltung das Identifikationsgut x, auf der anderen Seite das Identifikationsgut „non-x“ positiv dargestellt und instrumentalisiert wird.

Daraus ist zu folgern, dass zwei religiöse Spaltungsrichtungen, die sich nicht-einvernehmlich trennen, sich über die Bedeutungen, Interpretationen und Wertungen ihrer gemeinsamen und eben genau deswegen strittigen Identifikationsgüter einig sind, während zwei religiöse Spaltungsrichtungen, die sich „einvernehmlich“ trennen, über die Bedeutungen, Interpretationen und Wertungen ihrer unterschiedlichen bzw. gegensätzlichen Identifikationsgüter fundamental unterschiedlicher Ansicht sind.

Da sich nur der zweiten Trennungsvariante kulturgeschichtlich überhaupt eine realistische Chance bietet, sich längerfristig als hinreichend plausibel zu behaupten, findet bei Religionsspaltungen regelmäßig beiderseits des frischen „Grabens“ eine große theologische Anstrengung zur offiziellen „Umwertung aller Werte“ statt.

Eine besondere Rolle spielt dabei die „einvernehmliche“ Zuordnung der Bezeichnungen „alt“ und „neu“. Die eine Spaltungsrichtung bezeichnet sich als die Bewahrerin des „Alten“, die andere als die Heraufführerin des „Neuen“, und zwar im „Konsens“, und beide Optionen werden von „ihren“ Parteien jeweils positiv inszeniert und mit allen Mitteln symbolisch unterstrichen und verstärkt. „Meta-harmonischstes agree to disagree“ also, wenn man so will.

Die Gründe für die Entscheidung, „wer welche Rolle übernimmt“, sind stets klar nachvollziehbar, wo uns die konkreten historischen Detail-Umstände der Spaltung nur einigermaßen deutlich werden; dabei können diese Gründe dennoch letztlich durchaus „zufällig“ sein.

Häufig übernimmt zwar gewiss diejenige Partei die Rolle der „Neuerer“, die sich einem charismatischen Reformer anschließt, und dessen Opponenten konsolidieren sich daraufhin reaktiv – „reaktionär“ – unter der Fahne des „Althergebrachten“. Aber ein solcher Hergang ist keineswegs zwingend. Denn gerade wo es um Religion geht kann ein faktischer „Neuerer“ manchmal ebenso gut als Wiederbeleber eines durch Depravation verloren gegangenen „Altehrwürdigen“ auftreten, während die entsprechende „Reaktion“ dann das jüngere geschichtliche Wachstum der Formen ihrer Religion rechtfertigt und verteidigt.

Wir wissen nur: Das „einvernehmliche“ Bild der Zuordnung von „alt“ und „neu“ wird von beiden Seiten der Spaltung so lange hartnäckig verteidigt, bis nach ein-, zweihundert Jahren jedermann gänzlich davon überzeugt ist, es sei unstrittig, dass diese oder jene bestimmte Gegend der geistigen Welt in ein „Altes“ und ein „Neues“ zerfalle, und die dabei vorgenommene Zuordnung von „alt“ und „neu“ für „selbstverständlich“ hält.

Was mit diesem Stand der kollektiven geistigen Entwicklung nicht mehr vorkommt, ist der Gedanke, dass auch das sogenannte „Alte“ sich vom Punkt der Trennung an weiter entwickelt und seine Form verändert hat, dass die Trennung dazu den Anlass gab, dass diese Entwicklung in genauer, konkreter Abgrenzung von der als „die Neuen“ bezeichneten, konkurrierenden Spaltungsrichtung und mit dieser korrespondierend sich vollzog und dass die anfängliche Dynamik dieser Entwicklung möglicherweise sogar schon unter den mitverursachenden Gründen der Trennung war.

Wir sollten uns daran gewöhnen, dass den Protestantismus als die „jüngere“ Konfession des Christentums im Vergleich mit dem Katholizismus zu bezeichnen nur eine letztlich willkürliche Konvention darstellt, die selbst dann von zweifelhafter Stimmigkeit ist, wenn die Protestanten selbst ihr mehrheitlich zustimmen.

Gleichzeitig lässt sich freilich mit ebenso viel Recht einwenden, dass die Berufung auf das Evangelium unmöglich die älteste Variante des Christentums darstellen kann, da Einigkeit über den Inhalt des „Neuen Testaments“ erst unter konstantinischem Einfluss, dreihundert Jahre nach der Kreuzigung Christi, hergestellt wurde.

Wir müssen unsere fixierten Perspektiven auf die Anciennität von weltanschaulichen Positionen aus unseren Köpfen herausbringen, so trügerisch vertraut sie uns auch geworden sein mögen, da sie nur unsolide ideologische Konstruktionen sind.

Wie es vor Luther noch keinen „tridentinischen“ Katholizismus gab und ohne Luthers Erben auch keinen „zweit-vatikanischen“ geben könnte, genau so – dies meine Quintessenz – gab es vor Jesus kein rabbinisches Judentum und hätte sich ein rabbinisches Judentum ohne „die Christen“ nie entwickeln können.

Was wir heute „das Judentum“ nennen, meint das rabbinische Judentum. Dieses ist allerdings genauso ein Produkt des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung wie das Christentum. In jenem bewegten, faszinierenden Jahrhundert der finalen und zugleich hochproduktiven Krise des hellenistischen Judentums teilte eine Spaltung desselben in zwei neue jüdische Bewegungen zwei Merkmale des vorangegangenen hellenistischen Judentums unter sich auf: Aus der hellenistisch-jüdischen Kombination von Gesetzes- und Missionsbezug entnahm das Christentum weitgehend nur den Missionsbezug und verstärkte diesen noch, das rabbinische Judentum hingegen nur den Gesetzesbezug und verstärkte diesen noch.

Insofern freilich das rabbinische Judentum das – damals längst sehr erfolgreiche – Missionsinteresse des älteren hellenistischen Judentums vergleichsweise gründlicher und radikaler ablegte als das Christentum dessen Gesetzesbezug – man denke hierbei nicht nur an die Zehn Gebote, sondern vor allem an die Judenchristen der Anfangszeit -, ließe sich durchaus eine Argumentation vertreten, die dem frühen Christentum eine größere Kontinuität zum hellenistischen Judentum attestiert als dem rabbinischen Judentum, und von daher die Möglichkeit, die Position zu vertreten, in Wirklichkeit sei das Christentum das „ältere“ Judentum und das rabbinische das „jüngere“.

So weit möchte ich persönlich meine Überlegungen an dieser Stelle gar nicht treiben. Mir genügt es schon, wenn es mir gelingt, die Illusion von der Ausgemachtheit des „Alten“ und des „Neuen“ in der Religion auch nur ein klein wenig effektiv zu relativieren. Wenn es möglich wird, den „verrückten“ Gedanken zu denken: „Erst kamen die evangelischen Juden, dann die rabbinischen, dann die katholischen (nur die Orthodoxen sind schon seit Abraham da)“, ist schon viel Gutes gewonnen.

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