Ein Porträt der Herz-Jesu-Kirche, München

Heute morgen musste ich beim Aufwachen an die Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen denken, in der ich geistlich aufgewachsen bin und die vor fast genau zwanzig Jahren, am 26. November 1994, bis auf die Grundmauern abbrannte. Die ästhetischen Qualitäten ihrer patroziniumsgleichen Nachfolgerin sind heute ein Touristenmagnet. Sie bildet ausgerechnet zusammen mit meiner heutigen Pfarrkirche, St. Florian in Riem, das Paar der beiden jüngsten und vermutlich für lange Zeit letzten katholischen Kirchenneubauten in München. Beinahe auch in der ganzen Erzdiözese München und Freising: In Poing entsteht eine zweite Pfarrkirche wegen des starken Zuzugs in diese Umlandgemeinde, in Wolfratshausen-Waldram muss die baufällige St.-Josefs-Kirche zwingend komplett ersetzt werden – mehr hat das erzbischöfliche Bauamt in dieser Projekt-Größenordnung für unabsehbare Zeit nicht mehr auf seiner Agenda. Die hehren Epochen des Kirchenräumebauens sind endgültig vorbei.

Gott möge es verhüten, mag man einwenden, aber kann nicht wieder einmal eine Kirche so gründlich abbrennen wie 1994 an der Lachnerstraße, so dass ab und zu noch wieder von Grund auf neu gebaut wird?

Nun, der Herz-Jesu-Brand war schon besonders ungewöhnlich. Es liegt mir fern, kriminalistische Spekulationen nähren zu wollen. Darauf will ich nicht hinaus. Aber dass ein simpler Kurzschluss einer heillos überalterten Nachkriegs-Glocken-Elektrik in einem hölzernen Dachstuhl samt viele hundert Quadratmeter großer Balkendecke eine infernalische, bei ihrer Entdeckung bereits unlöschbare Feuerwalze entfacht, ist kurios. Bewohner Schwabings riefen die damals Feuerwehr zu einem Vollbrand des BMW-Hochhauses am Petuelring – so stark reflektierte sogar noch die verglaste Fassade des mehrere Kilometer entfernten „Dreizylinders“ das Geschehen. Ich selbst habe diese kleine Apokalypse übrigens nicht gesehen, denn ich begann genau an diesem Tag mein Theologiestudium mit einem „Auslandssemester“ in Erfurt (perfektes Alibi also, falls nötig).

Für mich hat der „entweihrauchige“ Vorfall im Rückblick einen gewissen Symbolwert. Denn in dieser Kirche habe ich eine katholische Sozialisation erlebt, an der das Konzil spurloser vorüber gegangen war als anderswo. Gewiss, man zelebrierte dort am Volksaltar. Man hatte die architektonische Flexibilität des nicht denkmalschutzverdächtigen Nachkriegsbaus genutzt, um ihn müheloser als anderswo „Sacrosanctum Concilium“ gefügig zu machen. Mit dem Klerus zu meiner Zeit klappte das aber nicht. Die Sonntagsmesse fand meist auf Latein statt. So relativ wohl ich mich in der alten Herz-Jesu-Gemeinde fühlte und so wenig mir als Kind und Jugendlicher ihr erheblicher, „spätbarocker“ Anachronismus bewusst war: Mir persönlich bedeutet das „Herz-Jesu-Feuer“ vom November 1994 inzwischen eine harsche Metapher dafür, dass eine liturgisch ebenso wie anderweitig rückwärtsgewandte Kirche keine Zukunft hat. Die „antiquierte Elektrik“ als Wurzel allen Übels kommt mir reichlich symbolisch vor. „Mein alter“ Stadtpfarrer, der für die restaurative kirchliche Atmosphäre verantwortlich zeichnete, die mich in meinem Leben zuerst prägte, war übrigens wenige Jahre zuvor relativ früh verstorben.

Apropos Nachkriegsbau: Die abgebrannte Hallenkirche hat nur 43 Jahre gestanden. Im Abstand von genau 50 Jahren hat sie zweimal gebrannt. 1944 kam alles Schlechte von oben – schlecht außer der damit verbundenen Erlösung vom Hitlerismus. Für eine Kirche sind 43 Jahre eine wahrlich bizarre Kurzlebigkeit. Das ist mein zweites persönliches Symbol: Die Zeit, in der ich lebe, ist von einer unerhörten Dramatik des Wandels, die es uns nicht einmal mehr erlaubt, uns angesichts dessen stur auf die Unwandelbarkeit der Kirche zu berufen.

Und noch etwas ist bemerkenswert: Zweimal wurde in Neuhausen ein Kirchengebäude aus älteren, ursprünglich „sachfremden“ Zutaten errichtet. Denn schon die erste Pfarrkirche entstand bei der Eingemeindung 1890 unter Rückgriff auf die Holzkonstruktion einer ehemaligen Festhalle des „VII. Deutschen Turnerfestes“ auf der Theresienwiese. Und dieses seltsame Muster wiederholte sich nach dem Zweiten Weltkrieg: Diesmal war es ausgerechnet Baumaterial vom abgetragenen Kino der „Führer“-Wachmannschaften auf dem Obersalzberg, das im Münchner Westen zu einem großen neuen Gotteshaus diente, das 1300 Gläubigen Platz bot.

Das jetzige gläserne architektonische Juwel (umstritten wie alle Juwelen) von Allmann-Sattler-Wappner ist deutlich kleiner. Und spiegelt auch darin den Gang der Kirchengeschichte sinnig wider.

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