Ein Katholik bedankt sich für Schmeicheleien

In der „WELT“ artikuliert Ulf Poschardt, der stellvertretende Chefredakteur
der „WELT-Gruppe“, seine Meinung: „Wir Deutschen sind zu protestantisch“, beginnend mit einem Vergleich unserer deutschen kulturellen Gegenwartssituation mit den französischen 70er-Jahren, worin er letztere wie folgt charakterisiert:

„Die einstige revolutionäre Avantgarde flüchtete in ekstatischen Sex, kaputte Fantasien und amoralische Lebenskonzepte. (…) Ein bizarres Kaleidoskop zerstörter Hoffnungen, die noch antithetisch von den großen Hoffnungen der späten Sechzigerjahre erzählen. Es war die katholische Variante, mit dem Scheitern linker Politik umzugehen. In Deutschland ging das Ganze protestantischer vonstatten. Weitgehend ohne Humor, Selbstironie oder gar Demut wurde zuerst die Ökologie als Mittel zur Zersetzung des vermeintlich reaktionären bürgerlichen Status quo eingesetzt, dann die Moral. Das wiedervereinigte Deutschland ist spürbar protestantischer als die Bonner Republik.“

Diese These führt er dann poetisch und langatmig, aber dennoch lesenswert, weil wenn schon nicht mit echten Variationen, so doch mit geistreichen Mäandern ihrer Zusammenhänge weiter aus: Die allgemeine Empörung über Helmut Kohls „katholische Ehrenwort-Romantik“. Die Post-Schröder/Fischer-Katerstimmung. Das nervtötende Klima in Medien-, Kirchentags- und Theaterlandschaft. All die – möchte ich von meiner Seite aus noch hinzufügen – Demonstrationen und Preisverleihungen zur Ermahnung der Menschheit. Die im Gange befindliche gesellschaftliche Umwuchtung vom Parlamentarismus der gewählten Volksvertreter zum Paternalismus der selbsternannten Minderheitenvertreter. Die Sykophanten-Apps des trendigen moralterroristischen Online-Denunziantentums.

„Besonders schlimm gilt den Sittenwächtern der Verrat. Gemeint sind jene vermeintlichen Meinungsmacher in Medien und Parteien, die gemeinhin dem Reich des Guten zugeordnet werden. Der Kolumnist des ‚Zeit‘-Magazins, der sich eher heiter der Phänomenologie des Gutmenschlichen widmet, ist ebenso suspekt wie der ‚Spiegel‘-Autor, der den Vorgaben der Moralkommission nicht folgt, ganz zu schweigen von jenen, die sich von den Moraljedis zur dunklen Seite der Macht gewandt haben (Katholizismus, Axel Springer, FDP). (…) Ihre Aggression kommt gehemmt und verdruckst daher.“

Ich verspüre einerseits große Lust, Poschardt spontan zuzustimmen. Allerdings widersteht etwas in mir andererseits auch entschieden bis wild widerstrebend der Versuchung, dieser Lust nachzugeben.

Denn mit keinem Wort erörtert der Kolumnist Sinn und Wert von Moral. Dieses ästhetisch tabu- und logisch veto-würdige Manko macht leider seinen ganzen Kommentar sinnlos und wertlos. Als dessen Quintessenz lässt sich nichts anderes resümieren als die Lächerlichkeit alles Moralischen. Derartigen Nonsens intendiert der Autor zwar wohl nicht; aber er wirkt ihm auch in keiner Weise tatsächlich entgegen, überlässt ihm also kampflos das Feld. Sein potenzialreiches Sujet strandet dadurch in der armseligen bis erbärmlichen Reduktion auf das Clevere des Geistesblitzes und das Amüsante der Formulierung. Das ist zu wenig, viel zu wenig. Ein verschenkter großer Stoff.

Das wahre Problem, dessen Verkennung Poschardts rhetorisch brillante Argumentation inhaltlich kümmerlich stagnieren lässt, ist nicht die Moral, sondern deren Fundierung.

Der Moralismus, den Poschardt mit erheblicher Berechtigung – wenn auch defizitärer Begründung – angreift, meint sich irgendwie aus sich selbst zu legitimieren. Die Antwort auf die philosophische Frage, wie das gehen soll, bleibt dieser Moralismus schuldig. Er kommt in seiner kleingeistigen Biederkeit nicht einmal darauf, sie zu stellen. Anstatt dieses Thema hier weiter zu vertiefen, empfehle ich die Lektüre von Hermann Lübbes konzisem Bändchen „Politischer Moralismus. Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“ (1987). Damit wird deutlich, dass die Fragestellung, zu der Poschardt und andere aktuell via schweifender Selbstfindung unterwegs sind, bereits vor dreißig Jahren kompakt und in einer bis auf den heutigen Tag restlos zeitgemäßen Weise beantwortet wurde.

Der sich irgendwie zirkulär aus sich selbst begründende Moralismus ist das ganz typische Sinn-Surrogat einer Gesellschaft religiöser Verarmung und Austrocknung. Moral ist immer nur die Konservendose der Religion, die schwierige Etappen unserer individuellen und kollektiven Lebensreise verproviantiert. Es passt zu einer Epoche, in der immer größere Kohorten von Jüngeren ohne jede Erfahrung mit frischem Obst und Gemüse aufwachsen, dass sie auch im Bereich ihrer Wertorientierung nur noch die künstlich haltbar gemachten Aggregatzustände von Sinn kennen und überhaupt nicht mehr jene vitalen Ausgangsphänomene, die den Convenience-Produkten zugrundeliegen. Wem, überspitzt ausgedrückt, keine unmittelbare, überwältigende Gotteserfahrung mehr sagt, wie er sich in seinem Erdenleben zu verhalten und seine Ziele zu stecken hat, dem bleibt freilich keine andere biographische Navigation übrig als diejenige, die in der Gegenwart von sterilen Computerstimmen repräsentiert und symbolisiert wird, die uns mit höflicher Penetranz in semantischem Tiefflug exakt anweisen, was wir im nächsten Kreisverkehr zu tun und zu lassen haben.

Der Moralismus, zu dem alle Moral durch die tragikomische Hybris ihrer Begründung aus sich selbst wird, ist gleichsam nichts anderes als eine solche Computerstimme im Kopf, die uns nie an ein anderes Ziel bringen kann und wird als an das unserer ewigen Fernsteuerung.

Poschardt reißt den Bordcomputer aus der Konsole und schleudert ihn zum Fahrerfenster hinaus. Aber um anstatt dessen womit zu steuern? Mit dem Stammhirn?

Vielen Dank für Ihr sympathisches Porträt des Katholizismus, Herr Poschardt. Loben statt Begriffenhaben ist nie verkehrt. Man eröffnet dadurch dem klassischen Mechanismus die Tür, dass oftmals „außen nach innen wirkt“. Denn selbst wenn jemand auf Ihren aktuellen Artikel hin nur deshalb Katholik wird, weil er so weit und sicher wie möglich aus der Fallout-Zone implodierender Alt-68er flüchten möchte, kann das schon ein vielversprechender Anfang seiner weiteren menschlichen Entwicklung sein.

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