Ein bisschen Öl ins Feuer interreligiöser Rangstreitigkeiten – in der Hoffnung auf mehr Licht

Eine Sichtweise auf die Religionsgeschichte, die John Dominic Crossan (1991, Epilog) skizziert, finde ich sehr bedenkenswert:

Judentum und Christentum haben sich traditionell stillschweigend auf die Sichtweise geeinigt, das heutige Judentum sei die genuine Fortführung einer inzwischen 3800 Jahre alten göttlichen Geschichte und Stiftung, das Christentum hingegen eine aus dem Judentum erwachsene völlig neue Religion.

Diese Sichtweise muss aber in Zweifel gezogen werden. Nicht nur erschien, wie wir eindeutig und zuverlässig wissen, das Christentum bis um das Jahr 200 sowohl im Fremd- als auch im Selbstbild weit überwiegend als Spielart des Judentums; sondern auch das heutige rabbinische Judentum stellte gegenüber der Vorgeschichte der jüdischen Religion eine erhebliche Neuerung dar, die ihr Profil während genau desselben Zeitraums herausbildete.

Das hellenistische Judentum, in dem Jesus wie auch die ersten Rabbinen auftraten, war sowohl gesetzesbezogen als auch inklusiv und missionarisch – dabei übrigens im römischen Imperium bereits von beachtlichem Erfolg, wie das historisch sicherlich durchaus reale Milieu der „Gottesfürchtigen“ (oder wie immer man sie nennen will) zeigt. (Missionsinteresse und Inklusionsbereitschaft bedingen sich letztendlich immer gegenseitig.) Von dieser einerseits dynamischen, andererseits dennoch unbefriedigenden geistesgeschichtlichen Situation ausgehend bewahrte das rabbinische Judentum die streng gesetzliche Seite und stärkte sich durch Exklusion und Absage an den Missionsgedanken, während das Christentum sich forciert aufgeschlossen und ausgreifend konstituierte und dabei den prophetisch-gesetzeskritischen Traditionszweig des Tenach unterstrich. Im so beleuchteten Zusammenhang erklärt sich die in den Evangelien zum Vorschein kommende Schärfe des Dualismus zwischen Jesus und den Pharisäern viel besser.

Vielleicht fand eine vergleichbare Fixierung von Perspektiven, die im Grunde sehr interpretativ sind, später innerhalb des Christentums noch einmal zwischen „Orthodoxen“ („Rechtkultlern“) und „Katholiken“ („Allgemeinlern“) statt. Katholiken akzeptieren für gewöhnlich widerstandslos das landläufige orthodoxe Postulat, im Vergleich mit der Orthodoxie, die sich niemals verändert habe, sei der Katholizismus wesentlich stärker ein Produkt historischer Entwicklungen. Als einzige Tatsache, die sich durch genaueres Hinsehen bestätigt, finde ich jedoch nur die orthodoxe Überzeugung, Jesus selbst habe die kirchlichen Formen ein für allemal festgelegt, und die katholische Bereitschaft zu der Einsicht, dass diese Behauptung historisch-kritischer Untersuchung definitiv nicht im Ansatz standhält, woraus ein anderer Umgang mit institutioneller Entwicklungsdynamik resultiert. Kaum ein gebildeter Katholik leugnet, die orthodoxe sei die ursprünglichste Kirchenform. Aber warum eigentlich? Zu den ursprünglichsten Dokumenten der Kirche gehört schließlich die Aussage Jesu, der Sabbat sei für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat (Mk 2,27). Kaum eine christliche Konfession beherzigt diese authentische Lehre Jesu meines Erachtens vorbildlicher als die der wahren Freunde des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Mit anderen Worten: Stellungskämpfe zwischen Positionen, die sich „Das Alte“ und „Das Neue“ nennen, gehen an der Wirklichkeit und Wahrheit regelmäßig vorbei – und zwar strukturell: Wo immer jemals etwas sogenanntes „Neues“ entstanden ist, ist daneben auch das sogenannte „Alte“ niemals wirklich „das Alte“ geblieben. Das ist eine Illusion.

Wichtig ist nicht, wie alt die Religion eines Menschen ist, sondern ob sie lebt.

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