Ehe ade, Scheiden tut weh

(Achtung: Der Verfasser übernimmt keine Garantie dafür, dass der Leser aus dem folgenden Text nicht womöglich einen gewissen satirischen Unterton herauszulesen meinen wird!)

Nachdem nun auch Papa Emeritus Benedictus Decimus Sextus der Auffassung ist, katholische Ehen sollten öfter mal für ungültig erklärt werden, lohnt sich für mich an dieser Stelle ein nostalgischer Blick auf den schönen lateinischen Merkvers, mit dem ich im Studium die „trennenden Ehehindernisse“ gelernt habe:

„Error, conditio, votum, cognatio, crimen,
cultus disparitas, vis, ordo, ligamen, honestas,
si sis affinis, si forte coire nequibis,
si deficit aetas, si clandestinus et impos,
si parochi aut duplicis desit praesentia testis,
raptaque sit mulier, nec parti reddita tutae:
haec socianda vetant connubia (oder: coniugia), iuncta retractant.“

Da haben sich die mittelalterlichen Kanonisten zu fast klassischem Latein aufgeschwungen – ist ja auch ein Thema ganz nach dem Herzen der alten Römer…

Aus diesem Sprüchlein geht nach heutiger Auslegung folgende stattliche Liste von gut katholischen Ehe-Unmöglichkeiten hervor (die ich ein bisschen nach eigenem Gutdünken sortiere):

1. Im Merkvers nicht erwähnt: gleiches Geschlecht. Bald wird aber womöglich sogar unser Grundgesetz vorsehen, dass keinem Menschen sein Geschlecht vorgeschrieben werden darf: Jede/r hat das Recht, sein Geschlecht juristisch frei zu wählen. Dann brechen für die Rota Romana möglicherweise erst so richtig harte Zeiten an…

2. Impotenz bzw. Unfruchtbarkeit (si forte coire nequibis). Dieses Unvermögen muss bereits vor der Eheschließung bestanden haben, dauerhaft und unheilbar sein. Folgende Situation ist aber nicht ungewöhnlich: Eine erste „katholische“ Ehe bleibt zunächst kinderlos, weil wirkungsvoll verhütet wird. Im weiteren Verlauf des Zusammenlebens nimmt die eheliche Zeugungsgefahr im Verhältnis zum allgemeinen Interesse aneinander stetig ab, dafür wird nun in anderweitigen Verhältnissen mit erprobter Effizienz verhütet. Nach der faktischen Trennung sorgt bei einem der beiden Partner die Ersatzbefriedigung mit Alkohol, Zigaretten, Fastfood, außerbiologischen Tag-Nacht-Rhythmen, Bewegungsmangel, Wellen- und Strahlenemission unaufhörlich auf dem Schoß bedienter oder in der Hosentasche getragener kommunikations- und unterhaltungselektronischer Geräte sowie dem Konsum ekelerregender pornographischer Medien mittels selbiger Geräte für das baldige Auftreten einer tatsächlichen dauerhaften Impotenz bzw. Unfruchtbarkeit, deren Aposteriori unbeweisbar ist und daher vor dem kirchlichen Ehegericht zum Apriori erklärt werden kann. Der andere Partner kann daraufhin erneut bzw. erstmalig eine katholische Ehe eingehen.

3. Unzureichendes Lebensalter (si deficit aetas). Da damit nicht zwingend ausstehende formale Volljährigkeit, sondern vielmehr faktische Reife gemeint ist, kann man den entsprechenden Zweifel auch in die andere Richtung der Zeitschiene ausdehnen: Zumindest der Schwabe wird bekanntlich „vor seinem vierzigschten Jahr nicht gescheit“ – was ja vielleicht auch nur ein Monument überragender Selbsterkenntnis der „Ländle“-Bewohner im Vergleich mit denen anderer Regionen ist…

4. Im Merkvers nicht erwähnt: geistige Umnachtung – Normalzustand des postmodernen Menschen?

5. Error: Irrtum über die Person des Partners, Täuschung, Betrug hinsichtlich dessen Identität. Erhebliches Verdachtsmoment gegen alle Ehen, die im Internet begonnen haben.

6. Conditio meinte früher primär Unfreiheit, Knechtschaft, Sklavenstand. Heute, nach dem weitgehenden Wegfall dieses Hindernisses in Zentraleuropa, hat das Stichwort eine andere, umso gewichtigere Bedeutung angenommen: dokumentierte Mentalreservation, unter der die Ehe eingegangen wurde. Heikel, heikel – ebenfalls ziemlich ubiquitär aus dem Hut zauberbares Argument.

7. Votum sowie der später erwähnte ordo: Dahinter verbergen sich Ordensgelübde und Priesterweihe, die hier leichthin einen gemeinsamen Punkt bilden dürfen, da sie zusammen das einzige heute wirklich selten gewordene unter den aufgelisteten Ehehindernissen darstellen.

8. Mit dem Stichwort cognatio beginnt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Ausdrücken für ehehinderliche Verwandtschaftsgrade der beiden Partner in spe frustra („si sis affinis„; „honestas„). Die klassische Kirchenrechtswissenschaft nahm hier akribische Differenzierungen vor – beginnend mit der Unterscheidung von natürlicher, gesetzlicher (z.B. Adoption) und geistlicher Verwandtschaft (z.B. Patenschaft) -, die wir für unsere Zwecke getrost zu einem einzigen Punkt zusammenfassen können. Genug weiterer Stoff für endlose Ehenichtigkeitsverfahren jedenfalls.

9. Crimen – besonders spannend: artifizielles Nachhelfen bei der Erledigung vorangegangener Ehen zum Zweck der Begünstigung neuer. In Zeiten, in denen zahlreiche muskulöse Osteuropäer im Internet ihre Konfliktregelungs-Dienste anbieten, indem sie sich auf den Webseiten ihrer Agenturen mit dunklen Anzügen und Sonnenbrillen präsentieren (vergleiche „Russisch Inkasso“), sind die hierunter potenziell fallenden Tatbestände theoretisch vielgestaltig.

10. Cultus disparitas: Nachkonziliar ebenfalls eine sehr verfänglich gewordene Bestimmung. Denn an den Sonntagen, an denen in meiner Gemeinde jugendgerechter „Familiengottesdienst“ angesagt ist, habe ich jedes Mal das Gefühl, einer anderen Religion anzugehören (beim getanzten Vaterunser, bei dem am Schluss geklatscht wird, habe ich dieses Gefühl sogar an fast jedem Sonntag).

11. Vis: Eine mittels Gewalt jeglicher Art erzwungene Ehe ist ungültig. Wenn ich aber sehe, wie viele bereits jahrelang glückliche „wilde“ Ehen um mich herum sich schließlich nur deshalb noch standesamtlich domestizieren lassen, weil sie ohne die damit verbundenen steuer- und förderrechtlichen Vorteile nicht über die Runden kommen – und dieser Entschluss dann die kirchliche Trauung als dezentes Ablenkungsmanöver nach sich zieht – muss die Frage, wie viele Ehen die Bundesrepublik Deutschland mit Gewalt erzwingt, zum heißen Eisen für Rom werden.

12. Der Begriff ligamen bezeichnet hier die kirchenrechtliche Rücksichtnahme auf vorbestehende eheähnliche Partnerschaften, die im katholischen Sinne keine Ehen sind, deren soziale Relevanz zu ignorieren aber kulturell definitiv nicht opportun wäre. Wer immer in einer Gesellschaft wie der unseren, die dergleichen grundsätzlich duldet, vorehelich in einer länger als eine Nacht dauernden sexuellen Beziehung mit einem anderen Menschen gelebt und diese Verbindung später aus keinem anderen Grund als erotischer Langeweile beendet hat – was unsere Gesellschaft ebenfalls akzeptiert -, ist streng betrachtet möglicherweise zeitlebens der betreffenden anderen Person gar nicht mehr anderweitig sakramental ehefähig – insbesondere natürlich dann nicht, wenn aus dieser Verbindung Kinder hervorgegangen sind; vielleicht aber nicht einmal dann, wenn dabei erfolgreich verhütet wurde: Eine Nacht ist eine Sünde, zwei Nächte sind ein ligamen. (Um mich auch mal in kanonistischer Merkspruch-Dichtung zu versuchen.) Wer also seine zweite katholische Ehe zur ersten echten machen möchte, kann unter einigermaßen günstigen Umständen mithin einfach den maximal bequemen Weg wählen, sich nachträglich öffentlich dabei ertappen zu lassen, dass seine neue Beziehung ja in Wahrheit überhaupt schon die allererste Flamme in seinem Leben und er dieser daher in Wirklichkeit immer schon gut katholisch vorrangig verpflichtet gewesen ist.

Lassen wir es bei der schönen Zahl von zwölf Gründen bewenden und die noch hinzukommende Möglichkeit eines Formfehlers bei der notwendigen Einwilligung beider Teile vor einem Priester und zwei Zeugen (ein Akt, der spitzfindig betrachtet noch nicht mit dem Ehesakrament selbst identisch ist) einmal außer acht.

Fazit: Was, bitteschön, soll denn eigentlich das Problem daran sein, dass eine katholische Ehe nicht „geschieden“ werden kann?!

(Chapeau, B16 & Co.!)

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