Die zwei Parteien der Bibel

Das Evangelium des heutigen zweiten Adventssonntags im B-Lesejahr lautet:

„Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; / er soll den Weg für dich bahnen. / Eine Stimme ruft in der Wüste: / Bereitet dem Herrn den Weg! / Ebnet ihm die Straßen! So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. (Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.) Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“ (Mk 1,1-8)

Unser Pfarrer hat dazu über „Anfang, Neuanfang“ gepredigt. Aber mich persönlich interessierte ein anderer Gedanke, eine andere Beobachtung mehr:

Allem Neuen geht ein „doppelt Anderes“ voraus: anders, weil weniger neu; anders, weil teilweise wesensfremd – und doch echte „Vorhut“, präziser „Pionier“ des „eigentlichen“ Neuen in einem durchaus spezifischen, nicht beliebigen Sinne. Das ist das Geheimnis alles Neuen.

Mir fällt auf, dass zu Johannes „die Einwohner von Judäa und Jerusalem“ kommen. In dieser Formulierung klingt die vorexilische Reichsteilung an. Elischa aber, mit dem, wie ich schon zeigte, Jesus von den Synoptikern parallelisiert wird, und dessen Meister Elia sind Propheten des israelitischen Nordreichs.

Dass nun der mit dem ehemaligen Nordreich assoziierte Galiläer Jesus Jünger des hier deutlich als „Süd“-Prophet charakterisierten Johannes wird, ist zwar gewissermaßen ein „pan-israelitisches“ Versöhnungssymbol. Aber der asketische Apokalyptiker mit dem rituellen Fokus steht für etwas deutlich anderes als sein „Nachfolger“ Jesus, der sich weder für Apokalypse noch für Askese noch für Rituale sonderlich interessiert.

Damit spiegeln Johannes und Jesus aber möglicherweise noch etwas anderes: nämlich die Dialektik von „priesterschriftlicher“ (hier kurz: „P“) und „deuteronomistischer“ (hier kurz: „D“) Theologie in der hebräischen Bibel. Ich erinnere im folgenden nur ganz knapp daran, worum es dabei geht:

„P“: Betonung des Kultes, Programm „Gesetz und Kult“ in dem Sinne, dass im Mittelpunkt des Gesetzes das Kultgesetz steht; Sinn des Erzählens ist das geschichtliche Wachstum kultischer Institutionen; versus „D“: Betonung des Gesetzes als Instrument irdischer Gerechtigkeit, der Moral und der sozialen Ordnung; Sinn des Erzählens ist historisches Exemplifizieren des Tun-Ergehen-Zusammenhangs. „P“: Sinai als Abschluss der Gesetzgebung: Das Gesetz hat vor allem eine VORgeschichte, Gott hat alle Wahrheit schon in der Schöpfung grundgelegt, von wo aus sie sich fast linear entfaltet; versus „D“: Sinai als Anfang der Gesetzgebung, Abschluss an der Grenze des Gelobten Landes: Das Gesetz hat vor allem eine NACHgeschichte, es ist die zweite und eigentliche Schöpfung. „P“: Perspektive der „Diaspora“ (Wüstenwanderung): Landgabe ist nicht entscheidend für das auserwählte Volk; Symbol hierfür: „Zelt der Begegnung“ („Offenbarungszelt“, Luther: „Stiftshütte“) mit der Bundeslade; versus „D“: Perspektive des „Heiligen Gelobten Landes“: Landgabe ist entscheidend für das auserwählte Volk; Symbol hierfür: Tempel in Jerusalem als von der Geschichte letztendlich bestimmter zentraler heiliger Ort. „P“’s wichtigster literarischer Held neben Mose: Aaaron; versus „D“’s wichtigster literarischer Held neben Mose: Josua. „P“’s zentrale „Hausmacht“ in der hebräischen Bibel: Genesis und Exodus bis Kapitel 16 sowie Chronik; versus „D“’s zentrale „Hausmacht“ in der hebräischen Bibel: Deuteronomium bis Könige („deuteronomistisches Geschichtswerk“). „P“: Betonung des „Alten“, Legitimation durch Anciennität, unterstrichen durch „Archaismus“ des poetischen Stils (monoton, formelhaft, schematisch); versus „D“: Betonung des „Neuen“ im Sinne eines „IMMER Neuen“ der Offenbarung des Gesetzes in seiner Auslegung als situativer Rechtsanwendung. „P“: Unmittelbarkeit der Offenbarung, Bedeutung der Gottesrede, unbeirrbarer Zusammenhang von Verheißung und Erfüllung; versus „D“: Mittelbarkeit der Offenbarung durch das Gesetz, Auseinandersetzung mit Schweigen und „Meinungswechseln“ Gottes.

Die Chronikbücher fokussieren auf Juda. Ihre Theologie ist der „priesterschriftlichen“ Partei zuzuordnen. Die „deuteronomistischen“ Könige-Bücher beziehen das Nordreich Israel gleichberechtigt in ihre Perspektive mit ein. Ihre Helden sind dabei die Propheten, die gegen die frevelhaften Nord-Könige auftreten, vor allem Elia und Elischa.

Vielleicht ist dieser Befund wie folgt zu erklären:

Während der Reichsteilungszeit unterschied sich die nördliche markant von der südlichen Prophetie. Während die südliche Prophetie sich mit ihrem „aaronidischen“ Charakter gegen den Landnahme- und Jerusalem-Zentrismus richtete und dabei die – gleichwohl kultgesetzlich fokussierte – „Priesterschrift“ hervorbrachte, stellte die nördliche Prophetie im Kampf gegen „gottlose“ Könige alle kultischen Fragen beherzt hintan und brachte stattdessen die „deuteronomistische Säkulargerechtigkeits“-Theologie hervor. Erst mit dem Schock von 722 wurden dann auch die weiteren Propheten des allein übrig gebliebenen Südreichs zunehmend „deuteronomistisch“ – allen voran Jeremia, der Lieblingsprophet Jesu. „Im Gegenzug“ musste die im Norden wurzelnde Prophetie sich mit ihrem 125 Jahre früher beginnenden Exil umso einschneidender von ihrer Landbesitz-Fixierung lösen.

Wir müssen zur Erklärung des theologiegeschichtlichen Geschehens also gleichsam eine dreidimensionale Matrix heranziehen, deren drei Dimensionen (1.) der „außenpolitische“ Dualismus zwischen Nordreich und Südreich, (2.) der jeweilige „innenpolitische“ Dualismus zwischen Establishment und Prophetie und (3.) der Dualismus der Epochen, das Früher und Später der historischen Zeit sind. Das macht die Sache natürlich ein wenig komplex.

(Interessant ist in diesem Zusammenhang insbesondere 1Chronik 23,26-29: „Die Leviten brauchen das Zelt und all seine Geräte für den Dienst nicht mehr zu tragen. (Nach den letzten Anordnungen Davids zählte man die Leviten von zwanzig Jahren an aufwärts.) Ihre Stellung im Dienst des Hauses des Herrn an der Seite der Söhne Aarons verpflichtet sie vielmehr zur Aufsicht über die Höfe und Kammern, zur Reinigung alles Heiligen, zum Dienst im Haus Gottes, zur Besorgung der Schaubrote, des Feinmehls für die Speiseopfer und die ungesäuerten Brote, der Bratpfannen und des Backwerks sowie zur Überwachung der Hohl- und Längenmaße.“ Hier werden also die „übrigen Leviten“ von den „Nachkommen Aarons“ auffallend deutlich unterschieden, wie das sonst innerhalb eines Stammes nicht üblich ist.)

Dies ist freilich als experimentelle Arbeitshypothese, nicht als abschließende Wahrheitsbehauptung zu betrachten. Sie weicht insbesondere auch darin von den Pfaden herkömmlicher Interpretation ab, dass sie der Prophetie erheblichen Einfluss auf die biblische Textentstehung zuschreibt, die gewöhnlich als reines Werk der religionsamtlichen Hierarchie gesehen wird (daher auch der Ausdruck „Priesterschrift“ – was aber auf die klassische Deutung des Deuteronomiums letztlich nicht weniger zutrifft).

Meine zweite Arbeitshypothese lautet, dass es dieser weitere und tiefere jüdisch-theologische Kontext ist, in den Mk 1 das Auftreten Jesu und sein Verhältnis zu Johannes zu setzen strebt.

Dabei erscheint Johannes klar als „priesterschriftlicher“, Jesus hingegen als „radikal-deuteronomistischer“ Prophet.

Meine dritte Arbeitshypothese in diesem Zusammenhang schließlich fragt, ob sich diese Polarität auch auf das gesamte Verhältnis der Ursprünge von „rabbinischem“ Judentum und „christlichem Judentum“ ausweiten lässt – ausgehend von der Annahme, dass beide mehr oder weniger gleichzeitig aus der Krise des antik-hellenistischen Judentums im 1. Jahrhundert u.Z. hervorgegangen sind, indem nämlich das rabbinische Judentum nur den gesetzlichen, das Christentum hingegen nur den missionarischen Aspekt des beides umfassenden hellenistischen Judentums fortführte und dabei das jeweils „einseitig“ Übernommene noch erheblich radikalisierte.

Dieser Hypothese zufolge steht, vereinfacht gesagt, das rabbinische Judentum eher in „priesterschriftlicher“, das Christentum hingegen eher in „deuteronomistischer“ Tradition – wobei man diese Formulierung bei eingehender Betrachtung freilich noch in mancher Hinsicht differenzieren muss.

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