Die Schlüssel zum Himmel

Gilbert Keith Chesterton soll angeblich der geistreiche Hinweis originär zu verdanken sein, dass ein Schlüssel, und so auch der Petrus zum Himmelreich verliehene, nur dann Sinn ergibt und dient, wenn er seine Form nicht wechselt, wenn er starr ist. Aber das Argument in diesem Aphorismus ist zirkulär. Denn es setzt mit der Annahme, das Himmelreich sei ein starres depositum fidei, das mit etwas wie einem Schlüssel aufgeschlossen werde könnte oder müsste, eine bloße Behauptung voraus.

Diejenigen, die lediglich darauf hinweisen, dass kein seriöser Bibelwissenschaftler davon ausgeht, der historische Jesus habe einen Satz wie Mt 16,19 tatsächlich gesagt, sondern hier spätere Tradition spreche, machen sich ihre Argumentation zu einfach. Gewiss dürfte das zutreffend sein; aber das genügt nicht. Denn erstens hat die überwiegende theologische Tradition vollkommen recht mit ihrer klugen Entscheidung, ein derartiges „prosekturmäßiges“ Antasten der neutestamentlichen Überlieferung als potenziell zu subjektiv-willkürlich und kirchlich-pastoraltheologisch zu desintegrativ und destruktiv abzulehnen, also die grundlegende Anerkennung einer rechtmäßigen Autorität der gesamten Schrift „wie sie ist“ einzufordern; und zweitens ist ja das Matthäusevangelium ziemlich wahrscheinlich noch zu Lebzeiten einiger Augen- und Ohrenzeugen des Auftretens Jesu entstanden – umso wahrscheinlicher, als die Formulierung des Petrus-Primats auf eine Beheimatung des Textes im Umkreis der von Petrus geleiteten Jerusalemer Urgemeinde hinweist -, so dass hier von einer erheblichen Devianz der Tradition zu sprechen etwas anmaßend ist.

Vielmehr muss man wie folgt argumentieren: Das Neue Testament umfasst vier Evangelien, und außer in Mt 16,18-19 wird nirgendwo ein konkret-autoritativer Petrus-Primat formuliert. Dies gibt uns das beste Recht, die in Mt 16,19 implizierte „statische“ Beschreibung des Himmelreichs theologisch und spirituell zu relativieren. In der Vorstellung von Markus, Lukas und Johannes bedarf das Himmelreich keiner Schlösser und Schlüssel, dort „funktioniert“ es anders. Ganz zu schweigen natürlich von den vielen Stellen bei Matthäus selbst, die auf eine deutlich andersartige Himmelreich-Vorstellung hinweisen.

Mir persönlich gefällt der saloppe Vergleich des Papstes mit einem Schiedsrichter, ohne dessen Autorität kein fließendes Spiel zustande kommt, und dessen Funktion sich ganz von der Zielsetzung des Spielflusses her bestimmt und definiert.

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