Die „inneren zwölf Jünger“ – ein religionspädagogisches Modell

Der folgende Versuch beschreibt ein religionspädagogisches Arbeitsmodell, mit dem ich mich identifiziere:

Unser „innerer Christus“ hat „innere zwölf Jünger“, „innere zwölf Apostel“. Wer sind diese?

Sie sind keine „Theologen“. Sondern es sind „Seelenanteile“ und „Seelenbausteine“ in uns, die mit Jesus auf dem Weg sind. Ihre Botschaften liegen daher nicht in großen, abstrakten Gedanken, sondern in kleinen, konkreten Taten, Verhaltensweisen und Haltungen, die auf dem Weg Jesu weiterführen, dessen letztendliches Ziel mit Worten zu benennen nicht unsere vordringlichste Aufgabe ist. Durch welche Merkmale sich der Weg Jesu auszeichnet, ist indessen klar genug. Und für seine Markierungen stehen die „inneren zwölf Apostel“. Sie bezeichnen ganz praktisch eine wahrhaft christliche Lebensweise. Sie „heißen“:

1. Ganz im Sinne des profunden Judentums Jesu: den Sabbat (Sonntag) heiligen, was noch mehr meint als an „Liturgie“ oder „Eucharistie“ teilzunehmen – und notfalls sogar ohne letzteres möglich ist. Denn die Gewohnheit einer vom „Alltag“ geistlich abgesetzten Gestaltung dieses wöchentlichen Tages entfaltet „aus sich selbst heraus“ mit der Zeit mehr und mehr eine spirituelle und mystische Dimension in uns, die wir kaum beschreiben, geschweige denn „definieren“ können, so fundamental und innerlich lebensumfassend ist sie. Man erkennt die Wirkmächtigkeit dieser Praxis gerade daran, wie schwierig es ist, sich diesen Tag wirklich im Ganzen unter seinen religiösen Vorzeichen zu „nehmen“. (In magnis et voluisse sat est.)

2. „Almosen geben“ – was „weniger und zugleich mehr“ bedeutet als „institutionelle gute Werke zu leisten, Fürsorge und Wohlfahrt zu organisieren„, weil es viel „situativer“, „persönlicher“, „einmaliger“ und „spontaner“ ist. Die institutionelle Dimension der Barmherzigkeit gehört nicht zum innersten Kern des Christentums. Zu dessen innerstem Wesen gehört vielmehr die ganz persönliche Dimension des „Erbarmens“ als tätigen Mitgefühls. Das bedeutet keine Ablehnung karitativer Institutionen, aber das klare Postulat, dass diese Institutionen nur unter der Bedingung überhaupt einen echt christlichen Sinn haben, dass jeder an ihnen Beteiligte zuerst seine ganz „private“ Nächstenliebe in voller Lebendigkeit realisiert – und nicht etwa stattdessen in den „Strukturen“ diakonischer Einrichtungen tätig wird. Diese Gefahr besteht sehr real. Der Begriff „Almosen“ soll weit mehr umfassen als bloß das freiwillig teilende Abgeben von Geld, über das man Verfügungsrechte hat; darauf wird er zu Unrecht oft reduziert. Aber gerade das pekuniäre Almosen verdeutlicht den sehr gegenständlichen Aspekt des Sich-von-Besitz-Trennens, der für unsere spirituelle Entwicklung von ganz eigener Bedeutung ist. Zugleich impliziert die Hilfeleistung in Geldform besonders wenig Bevormundung des Hilfeempfängers, da dieser in einem weiten Spielraum selbst und frei bestimmen kann, welche genauen Vorteile er daraus ziehen, wofür er das Geld ausgeben will. Gerade mit Geld-Almosen entsagt der Hilfegeber also „paternalistischen“ Tendenzen des Helfens. Außerdem enthält speziell die „unwirtschaftliche“ finanzielle Hilfe auch noch das Moment einer politischen Provokation, die dem Religiösen unter heutigen „turbo-kapitalistischen“ Gesellschaftsverhältnissen sehr erwünscht sein muss. Es ist also aus vielerlei Gründen höchste Zeit für eine grundlegende Rehabilitierung des im 20. Jahrhundert in eine höchst fälschliche Geringschätzung geratenen Konzepts „Almosen“.

3. Gemeinschaft der Christen verwirklichen – konkret und praktisch gelebt einerseits öffentlich in kirchlicher Gemeinde sowie andererseits privat entweder in Ehe und Familie oder in monastischer oder quasi-monastischer Kommunität. Das impliziert notwendig eine weitgehende Achtung und Annahme der „verfassten“ Kirche, „wie sie ist“, und Teilnahme an deren Leben, sowie die Lehren, Standpunkte und Erscheinungsformen dieser Kirche nicht so sehr äußerlich verändern als sie vielmehr vor allem innerlich immer wieder neu auffassen, auf neue Weise sich aneignen zu wollen – und dadurch in erster Linie über das eigene persönliche Beispiel mittelbar dann vielleicht auch äußerliche positive Veränderungen in der Kirche herbeizuführen.

4. Die Bibel und andere von fundierten christlichen Autoritäten anerkannte religiöse Schriften intensiv studieren und meditieren.

5. „Evangelische Armut“ leben, deren Kern nicht „Sparsamkeit“ ist, sondern „Einfachheit“: Schlichtheit, Redlichkeit, Klarheit, Geradheit, Leichtigkeit, Unmittelbarkeit, Ursprünglichkeit.

6. Zeugnis ablegen für den Glauben, das heißt jederzeit bereitwillig erkennbar werden lassen, „dass ich das, was ich im Rahmen des hier Beschriebenen tue, genau deshalb tue, weil ich Christ bin, und nicht aus irgendeinem anderen Grund“.

7. Gnadenbewusstsein: Die zentrale Meditation des Christen, also sein „impressiv vertieftes intellektuelles Nachdenken“ über seinen Glauben, in dessen Licht er alle Zusammenhänge dieser Welt betrachtet, kreist fortwährend um den überaus engen inneren Zusammenhang der biblischen und kirchlichen Aussagen über göttliche „Gnade“ und unseren absoluten Bedarf an ihr – „Erlösungs-“ und „Offenbarungsbedürftigkeit“ genannt -, den existenziellen menschlichen Zustand der „Sünde“, der die Ursache dafür ist, das jesuanische „Metanoeite (Kehrt um!)“ und die daraus gespeisten theologischen Begriffe der „Buße“ und des „Opfers“ – ultimativ symbolisiert im Kreuz -; denn in diesem Gefüge ist die gedankliche Mitte alles spezifisch Christlichen zu verorten. Wem an diesen Begriffen ein „negativer“ Beigeschmack aufstößt, der hat die wirkliche Mitte, auf die sie verweisen, noch nicht zutreffend wahrgenommen.

8. Mit der Vergänglichkeit umgehen können – „ars moriendi„: Sich Konfrontationen mit Tod und Endlichkeit, Abschied und Trauer aller Art nicht entziehen, sondern bewusst stellen. Gerade aus dieser Perspektive der Betrachtung des irdischen Daseins folgt eine sehr vitale Regel für den christlichen geistigen Umgang mit der uns geschenkten Zeit: „Projekte statt Routinen!“

9. Arbeit: Der Christ ist „unentwegt“, „unermüdlich“ in dieser Welt tätig, ohne dabei an die Notwendigkeit seines besonderen individuellen Einflusses auf deren Verhältnisse oder auch nur an die Möglichkeit irgendeiner echten rein personalen „Selbstwirksamkeit“ zu glauben; sondern er handelt ständig vorwiegend in dem Bewusstsein, damit ein „Diener Gottes“ zu sein. Dabei gibt er sogar bis zu einem gewissen Grad die Forderung auf, der „Sinn“ der ihm jeweils gestellten Aufgaben müsse ihm vollständig erkennbar sein. Daher ist er auch bereit, seine Arbeitszeit nüchtern auf die Erwirtschaftung seines materiellen Lebensunterhalts auszurichten unter den jeweiligen Bedingungen, die die Vernunft in seiner konkreten biographischen Situation ausreichendem Gelderwerb stellt. Er führt seine diesbezügliche Tätigkeit unter allen Umständen mit der Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung spiritueller Bewusstheit aus. Gleichzeitig bleibt sein produktives Tätigsein für den Christen immer eingeordnet in einen umfassenderen Lebenskontext, den es qualitativ niemals dominiert: Der Fest- und Feiertag bedeutet ihm kategorisch eine tiefere Realität als der „Werktag“.

10. Der Christ lebt eine grundlegende Option für die Freiheit als für denjenigen Wert, der höher steht als alle anderen irdischen Werte, was notwendigerweise verbunden sein muss mit einer zutiefst nondualistischen Geisteshaltung und mit einer ethischen Gesinnung der konsequenten Gewaltlosigkeit. Diesen Zusammenhang hat Jesus uns radikal vorgelebt.

11. Gebet: Das bedeutet in seinem tiefsten Sinne eine Praxis der Kontemplation, auf der Erkenntnis beruhend, dass höchste Bewusstheit nicht in irgendwelchen weisen Gedanken besteht, sondern letztendlich überhaupt nichts mit Denktätigkeit zu tun hat, ja von dieser sogar behindert werden kann. Wir haben zu erkennen, dass alle Praxis des „Gebets“ in diesem Sinne letztlich in die Wortlosigkeit zielt – wenn auch freilich gerade die völlige „Formlosigkeit“ des Gebets sorgfältig und behutsam gelernt werden muss, um nicht gravierenden Selbsttäuschungen zu unterliegen. Deshalb sollen wir regelmäßig für gewisse Zeiträume völlige äußerliche Stille und Abgeschiedenheit anstreben – und aufmerksam wahrnehmen, wie schwer uns das tatsächlich fällt. Als zentrales Hilfsmittel hierzu dient die „doppelte Askese des Wortes“: ad extra Schweigen, d.h. kein verbaler „Output“, ad intra Verzicht auf Medienkonsum, d.h. kein informativer „Input“ – keine unnötigen „Nachrichten“, keinerlei mediale Unterhaltung und Ablenkung (auch keine „Meditationsmusik“). Im asketischen Schweigen sollen nicht nur die gesprochenen Worte verstummen, sondern vor allem auch jede Form von „Angelegenheiten“, Meinungen, Plänen, Vorhaben – kurzum all jene Geistesaktivität, die sich notorisch nicht mit dem Hier und Jetzt begnügen will.

12. Entdeckung und Pflege echten, wahren, herzlichen, freundlichen Humors, der Ironie gestattet, zugleich aber Zynismus nicht erlaubt und gegen diesen immunisiert. Solcher recht verstandener Witz fungiert als Schule für eine Heiterkeit des Gemüts, die entscheidend zu Freude und Glück befähigen hilft in einer Welt, die keineswegs nur schön ist und die von Christen äußerst realistisch wahrgenommen wird.

Natürlich kann man diese zwölf Positionen möglicherweise auch mit etwas anderen Begriffen und Konzepten besetzen. Es will sich bei alledem, wie gesagt, nicht um eine „dogmatische“, sondern um eine religionspädagogische Aussage handeln, die helfen soll, das Wesen von Christsein zu erfassen, umzusetzen und wirklich fühl- und greifbar ins alltägliche Leben zum implementieren.

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