Die Ewigkeit der Kleruskirche

Es gibt tatsächlich von der literarischen Frühzeit des Christentums an starke, klare Zeugnisse für die dominante Autorität eines „klerikalen“ Amtsverständnisses in der Kirche. Wenn wir dieses heute verändern wollen, gibt es dafür zwar gute Gründe; aber wir können uns dabei nicht auf den Wortlaut des Neuen Testaments berufen. „Wir“, die „Reformer“, müssen vielmehr mit der „zeitschlüssigen“ Entwicklungsgeschichte der Kirche argumentieren, aus der eine gewisse Total-Konsistenz unserer Position mit dem authentischen und zutiefst sinnvollen Willen Jesu einerseits und Christi andererseits hervorgeht.

(In der Theologie hat es, ehrlich gesagt, eigentlich überhaupt nie Sinn, mit Einzelheiten, mit Details zu argumentieren. D.h., diese sind gewiss wichtig, aber sie dürfen nicht dem überzogenen Anspruch unterworfen werden, als solche – als Einzelheiten nämlich – eine grundlegende Argumentation stützen zu sollen. Sondern auf die Gesamtheit seiner Haltung und deren umfassende innere Stimmigkeit kommt es bei einem echten Theologen an.)

Für gewöhnlich verschmähen „wir“ (die „Progressiven“) es, mit der Kirchengeschichte zu argumentieren, weil die katholischen Fundamentalisten mit der „Tradition“ argumentieren. Das ist ein Fehler. Wir müssen den klaren Unterschied zwischen (sogenannter, oft genug sogar bloß vermeintlicher) „Tradition“ einerseits und Kirchengeschichte andererseits für „uns“ (neu) entdecken: Es gibt nichts, was nachdrücklicher eine „progressive“ theologische und kirchliche Position legitimiert, als der unvoreingenommene Blick auf das, was in der Kirche geschichtlich gewesen ist.

(Wobei ich noch einmal betone, dass die landläufige Antithesenbildung „progressiv“ und „konservativ“ begrifflich unglücklich und unpassend ist, weil ein religiöser Mensch niemals gänzlich nicht-konservativ sein kann. Ich würde stattdessen versuchsweise lieber von einem generellen innerreligiösen Spannungsfeld zwischen den „Traditionalistisch-“ oder „Fundamentalistisch-Konserativen“ und den „Progressiv-Konservativen“ sprechen – wobei auch das sicherlich keine „ideale“ Begrifflichkeit darstellt.)

Die scheinbare Ewigkeit der Kleruskirche wird nicht dadurch beendet, dass wir Reformbestrebten gegen sie argumentieren, sondern dadurch, dass sie organisch „ausstirbt“, weil unsere gesamte Zeitkultur sie nicht mehr stützt. Entscheidend ist, dass es in diesem Prozess Katholiken gibt, die überzeugend eine lebendige Vision für eine andere, nicht-klerikale und doch ganz und gar katholische Kirche der Zukunft haben und leben. Mit einem Wort: dass wir nicht gegen etwas sind, sondern für etwas.

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