Der Soziologe als Katholik

Gestern hatte ich das Vergnügen, als Vertreter von „Wir sind Kirche“ an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen mit dem Thema „Nach uns die Sintflut – Hat die Kirche noch Chancen bei den jüngeren Generationen?“

Stargast des Podiums war Prof. Dr. Armin Nassehi, Soziologe an der LMU. Seine Äußerungen waren für mich das Salz in der Suppe. Darüber möchte ich hier ein paar Zeilen festhalten.

Der Katholik Nassehi, so mein Eindruck, versteht sich in erster Linie als Soziologe. Das heißt, er nimmt offenbar seinen eigenen Katholizismus vorrangig als soziologisches Merkmal an sich selbst wahr. Dieser Standpunkt setzt die Überzeugung von der Möglichkeit „unbeteiligter“ objektiver wissenschaftlicher Beobachtung zwischenmenschlichen Geschehens voraus. Den philosophischen Zweifel an dieser Voraussetzung hat er anscheinend zumindest pragmatisch „vertagt“ und seiner Arbeitsmethodik die provisorische Prämisse der Objektivität gesetzt. Das ist fragwürdig; aber auch ich habe auf diese Frage natürlich keine entschiedene Antwort.

Sein von mir so empfundener Ausgangspunkt, nicht etwa „als Katholik Soziologe“, sondern vielmehr „als Soziologe Katholik“ zu sein, führt ihn zu folgenden Konklusionen:

Prof. Nassehi empfiehlt den „Kirchenmenschen“, das bloße bewusste Stellen der Orientierungsfrage sich genug sein zu lassen, anstatt effektiv eine klare Orientierung zu verlangen, die in der religiösen Welt der „Unentschiedenheitskommunikation“ nicht redlich zu haben sei. Er warnt die „Kirchler“, nicht ins Polaritätsmuster von „wir da unten“ versus „die da oben“ zu verfallen, sondern als „Basis“ der „Laien“ eine gemeinsame Identität mit der hierarchischen „Spitze“ zu suchen, genau aus dem Gelingen dieses Kunststücks katholische Identität zu ziehen und auf diese Weise das besondere Potential zu Vermittlung, Integrieren und Aushalten von Widersprüchen und Gegensätzen als Spezifikum des Katholischen zu „zelebrieren“, möchte ich fast sagen.

Das klingt sehr gut, und am liebsten möchte ich ihm zustimmen. Prof. Nassehi ist nicht nur ein sehr beredter und witziger, sondern auch ein sehr kluger Mann. Bei allem entsprechenden Respekt befriedigt mich sein Standpunkt aber nicht.

Seine „Allergie“ gegen „Botschaften“, sein Aufruf, Identität an einer bestimmten religiösen „Ästhetik der Kommunikation“ festzumachen, läuft an jeder seelsorgerischen Realität von Kirche weit vorbei in akademischen Höhen – Höhen, die mir persönlich zwar Spaß machen und die ich genieße, deren „Erleuchtungen“ ich aber unmöglich die praktische kirchliche Zweckdienlichkeit zuerkennen kann, die Nassehi insinuiert.

So sagt er etwa: „Das größte Feindbild eines religiösen Menschen sollte nicht der ‚falsche‘ religiöse Satz, sondern die Abwesenheit religiöser Sätze sein.“ Die simplifizierte Folge dieses Denkens ist aber der dramatische spirituelle Tiefenverlust jener Beliebigkeit einer kaum reflektierten bunten Esoterik, mit deren letzter seelsorglicher Unproduktivität – weil geistiger Unverbindlichkeit – wir uns heute bereits akut auseinanderzusetzen haben. Dieser spirituelle Tiefenverlust ist ein Kulturverlust, der sich nicht nur in ästhetischen Bedauerlichkeiten, sondern in echten Bedrohungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts ausdrückt.

Dabei geht es nicht um die „EINE Wahrheit“. Dabei geht es um das tugendhafte Prinzip der spirituellen Disziplin, das es zu bewahren gilt. Auf welchem dogmatischen Weg sich jemand darin übt, ist mir persönlich tatsächlich erst in zweiter Linie wichtig. Ernsthafte spirituelle Disziplin verleitet niemals zu fanatischen Exzessen – und auch nicht zu Albernheiten. Ein Muslim, der sich ernsthaft in spiritueller Disziplin übt, ist mir lieber als ein (Pseudo-)“Christ“, in dessen Bewusstseinszustand Jesus die Paraphernalien jener Selbstoptimierungsmethoden-Gurus geerbt hat, an die der Betreffende früher schon einmal geglaubt hat, an die er möglicherweise als nächstes glauben wird und an die er vielleicht sogar synchron zu seinem vermeintlichen „Christentum“ glaubt.

Wenn die „Mehrheits“-Kirche hier“gegen“ nicht länger echte Orientierungshilfe mit klaren „Botschaften“ leisten will, übernehmen die Fundamentalisten das Ruder. Das bekamen wir gestern auch sofort live demonstriert – von einer aus Mittelamerika stammenden „charismatischen“ Besucherin, die uns bereits gleich zu Anfang programmatisch aufforderte, eine christliche Veranstaltung doch bitteschön mit einem Gebet zu beginnen (was wir daraufhin auch ohne Widerstreben taten; aber es empörte sie genug, dass wir dazu überhaupt erst aufgefordert werden mussten). Im Laufe der Diskussion wurden ihre Parolen immer eindeutiger. Ich konnte mich nicht zurückhalten, mir das Mikrofon zu schnappen und zu Herrn Nassehi hinüber zu grinsen: „Da sieht man doch, welche Konfliktsituation wir uns ganz real einhandeln, wenn wir uns der Zumutung verweigern, echte Orientierung anbieten zu sollen…“

Der Minimalkonsens Nassehi’scher „religiöser Kommunikationsästhetik“ ist so aufschlussreich wie die Feststellung der Bedeutung des Straßenbaus für die Entwicklung der Zivilisation.

Über Religionserwerb nach dem „Baukastenprinzip“ konnten wir uns ebenfalls nicht einigen. Er verwies hierzu auf die historische Entwicklung religiöser Lehrgebäude, die immer einem „Bausatz“ gleiche. Diese Behauptung halte ich für ein schwerwiegendes Missverständnis – einmal mehr dem illusionären „Außenblick“ des „objektiven“ Wissenschaftlers geschuldet, der der Tatsache nicht Rechnung trägt, dass die Entwicklung, die Fortschreibung jenes Systems von Symbolen, das wir als „Dogmatik“ bezeichnen, gerade von denjenigen, die hierzu die epochalsten neuen Beiträge geliefert haben, immer als ein integrales Ganzes verstanden wurde; andernfalls hätten sie nämlich nicht die Berechtigung empfunden, diesem System neue Elemente hinzuzufügen: Nur ihr Gefühl, das „Ganze“ als solches verstanden zu haben, ermutigte sie, es um etwas zu ergänzen, das ihnen durch dicht vernetzte Harmonie mit allen übrigen, schon bestehenden Teilen des Systems qualifiziert und legitimiert erschien. Die historisch-kritische Perspektive, die in der Theologiegeschichte vor allem gesellschaftssituative Kontingenzen am Werk sieht, ist als Korrektiv zum „systematischen“ Blick gewiss wichtig; aber sie konstituiert keineswegs eine „überlegene Wahrheit per se“.

Was jedoch noch viel wichtiger ist: Der Gedanke des „Baukastens“ ist aus religionspädagogischer Sicht sehr problematisch. „Wikipedia“ definiert: „Modularität (auch Baustein- oder Baukastenprinzip) ist die Aufteilung eines Ganzen in Teile, die als Module, Komponenten, Bauelemente oder Bausteine bezeichnet werden. Bei geeigneter Form und Funktion können sie zusammengefügt werden oder über entsprechende Schnittstellen interagieren.“ Alarmieren sollte in dieser Formulierung, was ihre Anwendung auf den Prozess des Religionserwerbs angeht, die Wendung „bei geeigneter Form und Funktion“: Sie besagt, dass ein Baustein, dessen Funktion nicht spontan verstanden wird oder der schlicht „nicht gefällt“, leichter Hand weggeworfen wird – man hat ja statt seiner jede Menge anderer Bausteine zur freien Auswahl. Auch in dem dadurch provozierten Verhaltens- und Bewusstseinsmuster reproduziert sich der verheerende Effekt des spirituellen Tiefenverlustes, des fundamentalen Kulturverlustes des Verlernens spiritueller Disziplin.

Und dennoch: Prof. Nassehi hat gestern auch einige für meinen Geschmack schon allein durch das Wohltun ihres Erklingens unstrittig hilfreiche Wahrheiten ausgesprochen:

Er schalt unsere Diskussion als übermäßig „brav“ und „bürgerlich“. Welche Konsequenz daraus zu ziehen wäre, bleibt zweifelhaft – aber als zu einer anderen Art von Besinnung rufender „Aufwecker“ war dieser Zwischenruf unleugbar erfrischend.

Er machte deutlich, dass alle Fragen der „Moral“ immer nur in die äußerste Peripherie der Religion gehören. Vielen Dank für diese gewichtige Schützenhilfe, die ich in Debatten oft sehnlich vermisse! Ich werde mich in Zukunft diesbezüglich oft auf Prof. Nassehi berufen können.

Und er summierte in seinem Schlusswort unser weitgehendes Unisono zum eigentlichen Thema, wie man Jugendliche für die Kirche „gewinnt“, mit der goldrichtigen Weisheit: „Es ist wie mit allen Gruppen und Milieus – Zugehörigkeit wird immer erst retrospektiv festgestellt: Man kommt nur dazu, indem man selbst sein eigenes Dazugekommen-Sein in der Rückschau bemerkt und sich bewusst macht.“

Was immerhin eine klare Leitlinie für „liberale“ und „offene“ kirchliche Jugendarbeit und „Katechese“ abgibt.

Kein vergeudeter Nachmittag.

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