Der Markt für Sicherheit

Was unsere Sicherheit angeht, ist es sehr wichtig, folgenden grundlegenden Zusammenhang zu verstehen:

Die Gründe dafür, dass etwas Bestimmtes geschieht, sind immer bestimmter als die Gründe dafür, dass es nicht geschieht. Bestimmt heißt benennbar, im besten Fall beweisbar. Geschehnisse, die wir aktiv anzielen, müssen wir stets durch ganz besondere Maßnahmen herbeiführen, sonst geschehen sie nicht. Kommt das bekannt vor? Soweit wir uns im Bereich „passiver“ Ereignisse bewegen, die wir nicht gezielt herbeiführen, ist das Nichtgeschehen von etwas Bestimmtem stets weitaus wahrscheinlicher als sein Geschehen. Richtig?

Diese Erkenntnis – soweit wir sie nicht ohnehin vergessen haben – genügt uns aber nicht im Hinblick auf Ereignisse, die wir als besonders bedrohlich empfinden. Obwohl diese per Definition selten eintreten, versuchen wir ihr Ausbleiben durch aktive Maßnahmen zusätzlich sicherzustellen.

Was dabei regelmäßig vergessen oder übersehen wird, ist, dass solcherlei Maßnahmen niemals dieselbe Enge eines Zusammenhangs von Ursache und Wirkung aufweisen können wie Maßnahmen, die „positiv“ etwas herbeiführen sollen: Bei Aktionen, die der Kategorie der „Vermeidungsmaßnahmen“ angehören, ist auf einer empirischen, pragmatischen Ebene das Eintreten jener unerwünschten, „passiven“ Ereignisse, auf die sie sich beziehen, mit und ohne die betreffende Maßnahme derart ähnlich unwahrscheinlich, dass wir über deren Wirksamkeit prinzipiell gar keine objektive, valide und reliable Aussage treffen können. Denn der Grad jedes feststellbaren Zusammenhangs zwischen Ursache und Wirkung bemisst sich ausschließlich an der Differenz der Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des Ereignisses mit und ohne aktive Maßnahmen. In der Kategorie „Vermeidungsmaßnahme“ bewegen wir uns in dieser Hinsicht allein schon aus logischen Gründen außerhalb der Möglichkeiten seriöser, vernünftiger Feststellbarkeit.

Das bedeutet nicht, dass wir keine derartigen „Vermeidungsmaßnahmen“ ergreifen sollen. Es bedeutet auch nicht, dass sie wirkungslos sind. Es bedeutet nur, dass wir ihre Wirksamkeit kategorisch nicht beweisen können. Und daraus folgt, dass wir uns bei unseren Entscheidungen für oder gegen sie allein auf unsere Intuition verlassen müssen, und dass alle diejenigen Unrecht haben, die meinen, uns mit vermeintlich logischen Argumenten für die eine oder andere Seite „zwingen“ zu können – oder gar zu müssen. Dieser landläufigen Sorte von mangelreflektierten Agitateuren sollten die Krankenkassen am besten ein paar Grundstudiensemester Philosophie auf Rezept anbieten.

Alle unsere „Sicherheitsmaßnahmen“ gehören in die logische Kategorie solcher „Vermeidungsaktionen“. Betrachten wir, exempli gratia, das große Lieblings-Streitthema „Impfen“: Der Nutzen des Impfens kann nicht bewiesen werden, weil es unmöglich ist, zu behaupten, zu welchem Zeitpunkt andernfalls was für eine Epidemie genau wo in welchem Maß ausbrechen würde oder ausgebrochen wäre. Mein humorvoller rumänischer Zahnarzt hat diese Logik genau durchschaut. Wenn es weh tut, sagt er: „Was meinen Sie, wie weh es getan hätte, wenn ich das nicht gemacht hätte.“ So viel Intelligenz würde man sich auch von manchem Internisten und Kinderarzt wünschen, der seine Ansichten über das Impfen zum besten gibt.

Die Schädlichkeit des Impfens kann freilich ebenfalls nicht bewiesen werden, weil sie letztlich von seiner Nützlichkeit abhängt. Natürlich hätte sich die Methode des Impfens nie in dem Maß durchgesetzt, in dem sie heute üblich ist, wenn auch nur jeder Dritte dabei halbwegs eindeutig zuzuordnende unerwünschte Wirkungen erfahren hätte. Die pseudo-epidemiologische Kaffeesatzleserei ideenfixierter Impfkritiker, die bisweilen regelrecht verfolgungswahnhaft versuchen, aus jedem behinderten Kind einen Impfschaden zu machen, ist sachlich ebenso lächerlich wie psychopathologisch bemitleidenswert. Aber „mitschuld“ an solchem Verfolgungswahn gewisser labiler Geister sind auch Pseudowissenschaftler auf der anderen Seite, deren erkenntnistheoretisch-methodologische Propädeutikkurse nicht ausgereicht haben, ihnen die Erkenntnis zu liefern, dass ihre Behauptung der fraglosen absoluten Notwendigkeit des Impfens nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert, weil strukturell-grundlegend gar nicht fundierbar ist.

Befürworter des Impfens argumentieren mit dem historischen Verschwinden gewisser schlimmer Infektionskrankheiten, die zuvor immer aufgetreten waren, seit der Einführung des Impfens. Da ist mit Sicherheit etwas dran. Wer behaupten wollte, Impfen bewirke grundsätzlich gar nichts, würde offenkundig eine allzu steile These aufstellen. Solide historisch-epidemiologische Statistiken sind zweifelsohne Wasser auf die Mühlen der Impf-Befürworter. Aber sie überschätzen das auch: Es ist kein Niagara-Fall, es ist nur ein bescheidenes Rinnsal. Diese beachtliche Bestätigung wird nämlich durch zahlreiche überaus berechtigte Einwände wieder erheblich relativiert:

Erstens – sehr allgemein – muss jede spezielle Impfung einzeln betrachtet werden. „Das Impfen“ schlechthin kann und darf es für eine echt qualitative Beurteilung gar nicht geben, deren Ergebnis zwischen den einzelnen Impfungen tatsächlich auf einer Bandbreite von „Goldstandard“ bis „Scharlatanerie“ zu variieren scheint. Zweitens – und nun werden wir weit konkreter – ist historisch relativ gleichzeitig mit der Einführung des Impfens auch die Antibiose aufgekommen: Wir können einfach nicht genau wissen, ein wie großer Teil unserer derzeitigen Seuchen-Erlösung faktisch mehr der Möglichkeit zur Bekämpfung als der zur Vorbeugung von Infektionen zu verdanken ist. Ähnliches gilt zudem von der hygienischen Breitenbildung, vom Beitrag der modernen und postmodernen Massenmedien zum Wissen jedes einzelnen Laien über die richtige Vermeidung von Ansteckungen, von der völlig neuartigen Entwicklung von „Arbeitssicherheit“ und „Verbraucherschutz“ – und „Baubiologie“ und vielem anderem – hauptsächlich seit eben jenen 70er-Jahren, die auch den Durchbruch des Impfwesens brachten. Es herrscht also durchaus hohe argumentative „Unschärfe“, wenn man die Sache wirklich reflektiert betrachtet.

Ganz besonders gewichtig ist aber auch die kritische Frage, was es bewirkt, jetzt noch gegen Krankheiten zu impfen, deren letztes epidemisches Auftreten bereits Jahrzehnte her ist. Möglicherweise bekommen wir dafür eines Tages noch eine sehr böse Quittung, weil wir unseren „konservativen“ Impfprozess von der dynamischen Mutation der Erreger, auf die er sich bezieht – bzw. ursprünglich bezog -, viel zu lange „stur“ entkoppelt haben. Es ist nicht undenkbar, dass eine „veraltete“ Impfung eines Tages plötzlich eine erhöhte Anfälligkeit für neue Mutanten „ihres“ ursprünglichen Keims nach sich zieht. Solange diese Frage nicht befriedigend geklärt ist, machen nicht nur Impfgegner, sondern auch Impfbefürworter sich in höchstem Maße der Scharlatanerie schuldig – Diagnose: „Zauberlehrling-Syndrom“.

Freilich bedarf es gar keiner albernen Verschwörungstheorien, um klar zu erkennen, dass die Pharmaindustrie an der Angst der Menschen weitaus besser verdient als an ihren Krankheiten. Da niemand krank sein möchte und alles Gemiedene grundsätzlich auch primär unwahrscheinlich ist, kann man kein Medikament so gut verkaufen wie eine Impfcharge. Angst lässt sich auch besser und einfacher schüren, als man überzeugend Werbung machen kann für die Erholsamkeit des Krankenbetts mit den richtigen Präparaten auf dem Nachttisch. Insofern ist die Geschäftsstrategie der Pharmakonzerne völlig durchsichtig; von Verschwörung keine Spur. Andererseits wären Existenz und Geschichte dieser Industrie auch unerklärlich, wenn sie nur Humbug verkaufen würden. So dumm sind wir doch nicht, oder?

Die Wahrheit liegt also irgendwo in der Mitte. Und da nichts so schwer zu finden ist wie die Mitte, bleibt uns – einmal mehr sei’s betont – nichts anderes wirklich sinnvoll übrig als die Schulung unserer Intuition für das Richtige, das heißt: für das Ausgewogene unseres Sicherheitsverhaltens und für die entschiedene Zurückweisung jeglicher verbohrter Ideologie.

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