Das Rätsel des Zimmermanns

Ich habe mir vorgenommen, die Bibel so lange immer wieder im Ganzen von vorne nach hinten durchzulesen, so lange mir dabei immer wieder neue Zusammenhänge auffallen.

Da ich auf meinen beinahe täglichen U-Bahn-Fahrten besonders gut dazu komme, diesen Plan zu verfolgen, verwende ich dazu eine Miniatur-Bibel im raffinierten, handlichen Querformat. Und das ist eine Lutherbibel.

In ihr liest sich 2Kön 24,14 wie folgt: „Und er (der neubabylonische König Nabû-kudurrī-uṣur II., allgemein bekannt als Nebukadnezar) führte weg das ganze Jerusalem, alle Obersten, alle Kriegsleute, zehntausend Gefangene und alle Zimmerleute und alle Schmiede und ließ nichts übrig als geringes Volk des Landes.“

Bei dem Wort „Zimmerleute“ klingt mir in den Ohren die Identifikation Jesu als „eines Zimmermanns Sohn“ und die daraus resultierende große historisch-kritische Rätselfrage, was diese Herkunft für den sozialen Status Jesu und seiner Familie bedeutet. Denn davon hängt ab, ob es adäquat ist, sich Jesus als Abkömmling eines Milieus vorzustellen, das Zugang zu höherer Bildung hatte, oder nicht. Eine Frage also, die für unser historisch-kritisches Jesus-Bild von eminenter Bedeutung ist.

Die Einheitsübersetzung meint dazu: „Von ganz Jerusalem verschleppte er alle Vornehmen und alle wehrfähigen Männer, insgesamt zehntausend Mann, auch alle Schmiede und Schlosser.“ Keine „Zimmerleute“ also. Auch Hermann Menge, von dessen philologischer Autorität wesentlich mehr zu halten ist, spricht von „Schmieden und Schlossern“. Offenbar schränkte sich für die betreffenden Übersetzer der Bedeutungsgehalt dieser Stelle logisch auf Personen ein, die potenziell mit Waffen zu tun haben mochten. Aber woher nehmen sie diese Anschauung, abgesehen von ihrer persönlichen Intuition?

Die Differenzen der verschiedenen Übersetzungen fallen an dieser Stelle unmittelbar auf. Eine wortwörtliche Übertragung aus dem Hebräischen zeigt zwar, dass der Originaltext einen klaren Gesamtsinn ergibt: „Und er schleppte weg das ganze Jerusalem und all die Fürsten und all die starken Männer der Macht, zehntausend gefangen, und alle, die etwas mit ch-r-sch und s-g-r zu tun hatten, und keiner blieb zurück außer der ärmsten Sorte.“ Die griechische Fassung der Septuaginta (καὶ ἀπῴκισεν τὴν Ιερουσαλημ καὶ πάντας τοὺς ἄρχοντας καὶ τοὺς δυνατοὺς ἰσχύι αἰχμαλωσίας δέκα χιλιάδας αἰχμαλωτίσας καὶ πᾶν τέκτονα καὶ τὸν συγκλείοντα, καὶ οὐχ ὑπελείφθη πλὴν οἱ πτωχοὶ τῆς γῆς – kai apôkisen tän Hierousalem kai pántas tous árchontas kai tous dynatóus ischyi aichmalosías déka chiliádas aichmalotísas kai pan téktona kai ton synkleíonta, kai ouch hypeléiphthä plän hoi ptochói täs gäs) macht die Verwirrung hinsichtlich der exakten Begriffe zwar nicht kleiner; aber es kann keinen Zweifel geben, was im Großen und Ganzen gemeint ist.

Wir können zunächst einmal das Faktum festhalten: LXX (die „Septuaginta“) verwendet bei ihrer Übersetzung des Hebräischen an dieser Stelle tatsächlich dasselbe griechische Wort, mit dem Mt 13,55 in Übereinstimmung mit Mk 6,3 die Herkunft Jesu bezeichnet: „οὐχ οὗτός ἐστιν ὁ τοῦ τέκτονος υἱός; – ouch houtós estin ho tou téktonos hyiós? – Ist dieser nicht der Sohn des tekton?“

LXX konstruiert die Aussage: „jeden tekton und jeden synkleion„. Das letztere griechische Wort hat etwas mit „verbinden, zusammenfügen, zusammenschließen“ zu tun. Die Wortherkunft von „tekton“ verweist ursprünglich auf das Vornehmen von Einkerbungen in Werkstoffe wie vor allem Holz oder Metall. Die Art des Werkstoffs wird dabei vom Wort selber nicht festgelegt, das darauf keinen Bezug nimmt; sondern um eine Bezeichnung der Bewegung, der Aktion geht es hier.

Damit erfasst LXX äußerst genau den Bedeutungshorizont seiner Vorlagen ch-r-sch und s-g-r. Im hebräischen Originaltext lautet die Bezeichnung der betreffenden Weggeführten: הֶחָרָ֖שׁ וְהַמַּסְגֵּ֑ר (hä-charasch w‘-ha-ma-sger). חָרָ֖שׁ (ch-r-sch) entspricht der Tätigkeit des tekton, סְגֵּ֑ר (s-g-r) der des synkleion. Die Grenzen der semantischen Felder sind in beiden Sprachen und Fällen erstaunlich genau deckungsgleich. LXX ist eine Übersetzungsleistung, angesichts deren eigentlich nur schamrot im Boden versinken müsste.

Die Bewegung des Einkerbens und die Bewegung des Zusammenfügens: Um Handwerksarbeit geht es hier – und zwar um „meisterliche“. Denn was aus dem Text vor allem klar hervorgeht, ist: Die betreffenden Handwerker waren nach den Adeligen und Militärs die nächste Elite-Klasse ihrer Gesellschaft.

Vielleicht müssen wir gar nicht so mühsam darüber rätseln, was genau ein tekton wie Josef, der Vater Jesu, eigentlich beruflich getan hat. Vielleicht genügt die Feststellung, dass Personen, die so bezeichnet wurden, ziemlich gewiss keinen Unterschicht-Status hatten.

Zwar zitiert John Dominic Crossan (1991, letzte Seite des 1. Kapitels) eine Studie von Ramsay McMullen über soziale Beziehungen im römischen Imperium der ersten drei christlichen Jahrhunderte, die postuliert, dass jemand, der beispielsweise „Wollweber“ (eriourgos), „Leinweber“ (linourgos) oder „Zimmermann“ (tekton) genannt wurde, wirklich immer plebejischer Herkunft war (vgl. McMullen 1974, S. 107-108). Dieses Argument scheint mir aber eklatant zu verkennen, dass erstens jener Josef aus Nazareth, auf den sich der Ausdruck hier grundlegend bezieht, nicht „in den ersten drei christlichen Jahrhunderten“ gelebt hat, sondern zu einer Zeit, zu der Palästina zwar schon lange kulturell hellenistisch, aber noch keineswegs soziologisch spezifisch römisch geprägt war, und dass zweitens ein neutestamentlicher Text ein primär literarisches Werk ist, das seinem kulturellen Kontext nach vorwiegend – geradezu als Pastiche – auf die hebräische Bibel Bezug nimmt. Es hat sehr viel Sinn, geradezu davon auszugehen, dass die Markus- und Matthäus-Verfasser, als sie Mk 6,3 und Mt 13,55 komponierten, mit der Bezeichnung Jesu wie auch seines leiblichen Vaters als tekton sogar hauptsächlich deren gesellschaftliche Einordnung im Sinne von 2Kön 24,14 intendierten – und zwar ganz präzis mit Bezug auf genau diese Stelle.

(Abschließend und ergänzend interessant ist ein kurzer vergleichender Blick auf jene Situation, in der Handwerker in der Bibel ihre mit Abstand glänzendste Rolle spielen, nämlich anlässlich von Salomos Tempel. In 1Chr 22,15 übergibt David den Auftrag zum Tempelbau an seinen Sohn mit den Worten: „καὶ μετὰ σοῦ εἰς πλῆθος ποιούντων ἔργα τεχνῖται καὶ οἰκοδόμοι λίθων καὶ τέκτονες ξύλων καὶ πᾶς σοφὸς ἐν παντὶ ἔργῳ – kai metá sou eis plêthos poioûnton érga technîtai kai oikodómoi líthon kai téktones xýlon kai pas sophós en pantí érgo – du hast bei dir eine Menge von solchen, die handwerkliche Arbeiten tun, und oikodomoi in Stein und tektones in Holz, und jeden, der weise ist in jeglichem Werk“. Die hier vorgenommene ausdrückliche Zuordnung von oikodomos zu Stein und von tekton zu Holz muss gerade nicht heißen, dass ein tekton zwingend immer nur mit Holz beschäftigt war. Mit Sicherheit aber werden die Ausdrücke, die hier verwendet wurden, zur Anrede der Hierarchiespitze ihrer Metiers als passend empfunden worden sein. Denn an den künftigen Tempel durfte gewiss selbst zu den allereinfachsten Verrichtungen nur auserlesenes Personal Hand anlegen.)

Daraus wäre der Schluss zu ziehen, dass Jesu „Gesetzes“-Kundigkeit nicht von ungefähr kam. Sein Elternhaus erfüllte dann nämlich die ökonomischen und sonstigen Voraussetzungen für einen Zugang zu den religiösen Schulen, deren Vorhandensein und Funktionieren im Galiläa des herodianischen Zeitalters für die mittleren bis gehobenen Gesellschaftsschichten Crossan vermutlich unterschätzt.

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