Das Problem des „Gutmenschen“

Mit wenigen Stichworten möchte ich hier das Problem des Ausdrucks „Gutmensch“ erörtern.

„Gutmensch“ wurde zum „Unwort des Jahres 2011“ nominiert und erhielt in dieser Auswahl den zweiten Platz.

Der Deutsche Journalisten-Verband versuchte in Zusammenarbeit mit Sprachforschern des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung einen Ursprung des Begriffs im Nationalsozialismus aufzuzeigen (Jürgen Hoppe/Deutscher Journalisten-Verband: Memorandum zur „Initiative Journalisten gegen Rassismus“, 27. März 2006).

Diese Anstrengung ist jedoch ihrerseits nicht als tendenzfrei anzusehen. Sie will einen „Anruch“ in die Debatte tragen, ohne Stichhaltiges vorweisen zu können. Nicht gerade sauberer Journalismus. Natürlich „passt“ der Ausdruck „irgendwie“ zu den Nazis – konkret belegbar ist er in ihrem Gedankengut und Wortschatz aber nicht.

Gleiches gilt für Nietzsche und leider auch etwa für den Artikel von Katrin Auer: „’Political Correctness‘ – Ideologischer Code, Feindbild und Stigmawort der Rechten“, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 31, 2002, S. 291–303. Solche vorschnellen, ihrerseits weitaus mehr polemischen als objektiven „Verschubladungen“ sind alles andere als hilfreich.

Relativ solide ist einzig die Feststellung, dass der Gebrauch des Ausdrucks mit der „halbsachlich“-publizistischen „68er“-Kritik der 90er-Jahre aufkommt.

Natürlich ist „Gutmensch“ ein „Kampfbegriff“. Aber ist es ein „schlechter“? Manchmal muss man „kämpfen“. Ist der Ausdruck „Gutmensch“ dabei wirklich ein „hässliches Mittel“?

Zunächst zum Sinngehalt des Wortes: Es kritisiert und ironisiert Moralismus. Es kritisiert und ironisiert damit implizit auch Naivität, weil Moralismus naiv ist. Diese Feststellung kann ich leider nur unterschreiben.

Sämtliche öffentlichen Äußerungen zu diesem Thema versäumen allerdings die Differenzierung, weshalb jemand Moralismus für naiv hält. Darauf kommt es aber ganz entscheidend an.

Grundsätzlich insinuieren diejenigen, die sich wütend gegen den Ausdruck „Gutmensch“ zur Wehr setzen, diejenigen, die ihn gebrauchen, täten dies grundsätzlich aus zynischer Verachtung für jede Form von Moralität.

Damit haben sie allerdings nur ein weiteres Beispiel für ihre intellektuelle Unbedarftheit geliefert.

Moral wird zum Moralismus durch den Irrglauben, Moral sei aus sich selbst heraus tragfähig.

Ich selbst gehöre zu denjenigen, die häufig eine gewisse Lust verspüren, den Ausdruck „Gutmensch“ zu verwenden, und zwar genau deshalb und nur deshalb, weil ich überzeugt bin, dass Moral nicht „aus sich selbst heraus“ gültig und tragfähig ist, dass sie nicht „für sich selbst und allein zu stehen“ vermag, sondern vielmehr ganz und gar davon abhängt, dass sie eine tiefe Wurzel in der Religiosität hat – so sehr, dass echte Religiosität den Rekurs auf „Moral“ mitunter sogar vollständig (und „befriedigend“) zu ersetzen vermag. (Nicht immer und nicht unter allen Umständen natürlich – deswegen gibt es überhaupt „Moral“ als ein einigermaßen eigenständiges Phänomen, gleichsam als ein „pulverisiertes Instant-Applikat“ der Religiosität.)

Gerade anlässlich der jüngsten „gutgemeinten“ Äußerungen eines Konstantin Wecker etwa ist dringend daran zu erinnern, dass es auch die radikal-moralistischen Pazifisten der letzten 50 Jahre sind, deren „naive“ Aktivitäten nicht mehr Frieden auf der Welt herbeigeführt haben als vorher.

Muss ich einen solchen Satz notwendigerweise als „Zyniker“ sagen? Nein, ich kann ihn auch – ganz im Gegenteil! – als echt religiöser Mensch sagen. Und darin eben zeigt sich umso mehr die Naivität der „Gutmenschen“, dass sie dieser Möglichkeit philosophisch überhaupt nicht gewahr sind.

Der echt religiöse Mensch begibt sich in erster Linie in eine alles andere als naive Demut – nicht in Tatenlosigkeit! – angesichts der überwältigenden Indizien, dass vieles an der Steuerung der Weltläufte unserem Einfluss entzogen ist, auch dem „gutmeinendsten“.

Es hat schon seinen tiefen Sinn, dass das Christentum den Menschen in erster Linie als „Sünder“ beschreibt – was ja nun ganz offenkundig das genaue Gegenteil eines „Gutmenschen“ ist. Der spezifisch christliche Standpunkt in dieser heiklen Debatte ist noch nirgendwo adäquat herausgestellt worden. Der vorliegende Artikel möchte einen ersten Anstoß dazu liefern.

Ich halte es in der Tat für denkbar bis wahrscheinlich, dass persönliche religiöse Demut – selbst dann, wenn sie sich aus einer konkreten existenziellen Situation heraus, so „ideologiefrei“ wie möglich, entscheidet, zur Waffe zu greifen (was ich absolut nicht „verherrliche“!) – mehr wertvollen echten Frieden geschaffen hat (und darum auch in Zukunft zu schaffen vermag) als ideenverstiegener „Pazifismus“.

Ich weiß, dass diese Sätze provokant sind – genauso provokant wie der polemische Ausdruck „Gutmensch“. Ich möchte hier gar nicht versuchen, meine These „erschöpfend zu rechtfertigen“, sondern sie lieber als Diskussionsgrundlage stehen lassen.

Natürlich ist „Gutmensch“ ein kämpferisches Wort. Die Empörung, die ihm entgegenschlägt, zeigt aber, dass ein Kampf, ein Kulturkampf, bei dem Thema, das es berührt, längst unvermeidlich geworden ist.

So ermisst sich mein persönlicher wesentlichster Vorbehalt gegen dieses Wort an der Frage, ob es eine Alternative zu ihm gibt.

Es ist ein „Schlag-Wort“ – unleugbar ein sehr treffendes. „Schlagen“, „treffen“: Ich bin gegen Gewalt. Aber an erster Stelle steht für mich die religiöse Demut, Auseinandersetzungen anzunehmen, wenn sie unvermeidbar sind. Dann habe ich immer noch die freie Wahl, sie mit klugen Worten zu führen anstatt mit anderen, noch schlechteren Mitteln.

Man kann es drehen und wenden, wie man mag: „Gutmensch“ ist und bleibt eine semantisch gelungene, prägnante Wendung. Daher wird sie sich auch schlicht und einfach mit der „normativen Macht des Faktischen“ im rhetorischen Leben als „alternativlos“ erweisen für das, was sie sagen will.

Wie dem auch sei: Ich kann diejenigen, die über das Wort „Gutmensch“ in den letzten Jahren aggressiv herfallen – teilweise mit unlauteren, z.B. pseudowissenschaftlichen Mitteln -, nicht einfach gewähren lassen. „Wer schweigt, stimmt zu“, und zustimmen kann ich ihnen nicht. Dafür sind sie relativ gesehen zu sehr im Unrecht – stärker im Unrecht, als andererseits der Gebrauch des Ausdrucks „Gutmensch“ durchaus bedenklich sein mag. Der jedoch immerhin „den Finger auf einen ernsthaft wunden Punkt legt“.

Deswegen schreien sie ja schließlich so.

Jedenfalls muss ich ihnen das Ansinnen, „Gutmensch“ als eindeutig politisch „rechten“ Wortschatz abzustempeln, entschieden verwehren. Das ist eine absolut unerlaubte Vereinfachung, in deren Folge jede echte religiöse Weltsicht in dieser Debatte auf der Strecke bleiben müsste.

Auch wenn sich ein echt religiöser Mensch gewiss zumeist scheuen wird, selbst spontan zu einer so relativ aggressiven Wortwahl zu greifen, wie sie „Gutmensch“ zweifellos repräsentiert: In der Sache bleibt der Begriff weiterhin kontrovers zu diskutieren. Er ist keinesfalls erledigt.

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