Das Phänomen der Keltischen Kirche

Momentan beschäftigt mich – wenn auch nicht allzu intensiv – die Frage nach dem Phänomen der merkwürdigen Eigenständigkeit der spätantiken und frühmittelalterlichen keltischen bzw. iroschottischen Kirche, von der ab dem 5. Jahrhundert trotz ihrer „Andersartigkeit“ entscheidend die christliche Re-Missionierung, ja Re-Christianisierung Kontinentaleuropas ausging. Vieles, was ich zu diesem Thema publiziert finde, befriedigt und überzeugt mich nicht.

Ich meine, das spätantike Irland, Schottland und Wales war vor allem ein einzigartiger Fall einer ganz besonderen Mischung aus Nähe und Distanz zum römischen Imperium: Rom konnte sich diese von seinem Machtzentrum allzu entfernt gelegenen Gebiete mangels Kräften nicht mehr unterwerfen – es schien ihm freilich geostrategisch auch nicht notwendig, besondere militärische Kräfte hierauf zu konzentrieren, denn „hinter“ Irland und Schottland „kam ja nichts mehr“, „hörte die Welt auf“ -, und dennoch waren diese Regionen, wie alles Keltische, der römischen Kultur enger verbunden als alle anderen kulturellen Elemente vor den Grenzen des römischen Reiches; weitaus enger als beispielsweise die Germanen oder die Perser. Daher konnten diese nordwestlichen Gebiete bereits im 3. Jahrhundert, nicht zuletzt vermutlich dank eines geringeren Verfolgungsgrades als anderswo zu dieser Zeit, hinreichend christlich werden und es im folgenden Jahrhundert bleiben, ohne die „Konstantinische Wende“ mitzuvollziehen. Dass die iroschottische Kirche sich infolgedessen vergleichsweise nicht-territorial strukturierte und organisierte (dass es beispielweise mehrere Bischöfe am selben Ort geben durfte, was anderswo „konstantinisch“ nicht erlaubt war), begünstigte ihre geringe Fokussierung auf stabilitas loci und mithin ihre besondere missionarische Ausrichtung.

Daneben aber spielen noch zwei andere Faktoren eine Rolle, die mir ständig verkannt oder unterschätzt zu werden scheinen.

Zum einen hatte das hellenistische Judentum dem Christentum längst im ganzen römischen Reich und darüber hinaus den Weg gebahnt. Ich habe ja schon darüber geschrieben, dass das hellenistische Judentum die erfolgreichste missionarische Religion im römischen Reich war und erst seine „rabbinische“ Entwicklung dieses missionarische Moment weitgehend abgelegt hat. Rabbinisches Judentum und Christentum gingen gleichzeitig aus dem älteren hellenistischen Judentum hervor, indem sie es beide nach unterschiedlichen Richtungen hin einerseits verließen, andererseits fortführten. Dabei gab nicht nur das rabbinische Judentum den missionarischen Charakter, das Christentum hingegen die Gesetzesbezogenheit des vorangegangenen Judentums weitgehend auf, sondern noch ein weiteres Moment scheint erwähnenswert, das besonders vor dem kulturellen Hintergrund der Inselkelten ein wichtiges Motiv für diese dargestellt haben dürfte, das Christentum anderen Strömungen des Judentums im 3. (vielleicht sogar schon im 2.) Jahrhundert vorzuziehen (abgesehen davon, dass ersteres die am missionarischsten auftretende jüdische Strömung war): Während das rabbinische Judentum auch die altisraelitische kultische Opferpraxis einstellte, da der Tempel in Jerusalem, der ihm als einzig legitimer Ort dafür erschien, zerstört war, setzte das Christentum diese jüdische Opferpraxis in seiner Eucharistie gewissermaßen ungebrochen fort. Eine Religion ohne Opferkult wäre insbesondere den Kelten trotz all ihrer gleichzeitigen Befähigung zu abstrakter spiritueller Geistigkeit undenkbar erschienen. Diese hohe Ambivalenz zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten zeichnet altkeltische Religiosität nämlich besonders aus, soweit wir sie rekonstruieren können.

Ein weiteres Element schließlich bildet der alttestamentliche Fokus des frühen Christentums als eines Judentums auf eine ganz besonders durchmeditierte Programmatik des Monotheismus. Das zentrale Thema der Propheten Israels, auf die der Jesus der Evangelien vorrangig und eindringlich Bezug nimmt, ist der menschliche Götzendienst. Wir unterschätzen, wie präsent dieser Aspekt den frühen Bekehrten war, weil wir selbst ihn vergleichsweise auf dem Blick verloren haben. Tatsächlich erscheint JHWH bei genauem Hinsehen im Alten Testament viel weniger als ein Gott, der bestimmte „einzelne“ andere Götter bekämpft, als vielmehr als der absolute Repräsentant des Prinzips der göttlichen Nondualität, der andere Gottesvorstellungen vor allem insoweit angreift, als sie wesentlich das ihm entgegengesetzte Prinzip eines „Kampfs oder Wetteifers zwischen verschiedenen Göttern“ repräsentieren. Der „einzelne“ andere Gott ließe sich „als solcher“, „für sich genommen“ möglicherweise durchaus als „bloß ein anderer Name“ für den einen Gott verstehen; aber insofern und sobald ihm das Moment seines Streitens gegen andere Götter wesentlich eignet, ist er ein „Götze“. Dieser biblische Gedanke lieferte den Inselkelten einen hervorragenden Ansatz zur Ordnung und Harmonisierung ihres riesigen, disparaten Götterhimmels, der just zur Zeitenwende in eine tiefe theologische Krise geraten war: Der Namen für Gott durften wohl viele sein – sie hatten lediglich mittels einer Enthaltung von jeglichem Kampf gegeneinander zu beweisen, dass sie keine „Götzen“ bezeichneten.

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