Das Ganze des Bildes

Kein Bild besteht aus einer exakt definierten, „optimalen“ Anzahl von Pinselstrichen. So auch nicht jenes System von Symbolen, welches das Wesen jeder Religion ausmacht. Über die Jahrhunderte treten regelmäßig Ergänzungen, Übermalungen und „Verschlimmbesserungen“ hinzu, die man später bedauert. Leonardo hätte es vor dem heutigen Zustand seines „Letzten Abendmahls“ gegraut. Und trotzdem ist und bleibt das Ganze ein Meisterwerk. Das labyrinthische Spinnennetz der Symbole eines großen Systems geistig nachzuvollziehen ist ein persönlicher Entwicklungsweg des sogenannten „Gläubigen“, den dieser nur dann mit geistlichem Gewinn beschreiten kann, wenn er sich auf die Gesamtheit des Bildes einlässt, „wie sie ist“.

Aus solchem Sich-Einlassen resultiert freilich noch keine Verpflichtung. Die geht man später freiwillig ein, wenn man schon erkannt hat, wie hilfreich einem das ganze Bild ist und für immer sein wird. Denjenigen, die einem weismachen wollen, dass man erst eine Verpflichtung unterschreiben müsse, im Spinnennetz hängen zu bleiben oder sich im Zentrum des Labyrinths angekommen dem Minotaurus opfern zu wollen, ehe sich einem die wahren Geheimnisse aller Zusammenhänge erschließen, darf man nicht trauen. Dies drücken alle seriösen spirituellen Lehrer dadurch aus, dass sie zumindest für die Grundform ihrer Unterweisung, den Lehrvortrag – und durchaus nicht nur den „einleitenden“, „Appetit anregenden“ -, keinen Eintrittskartenverkauf zu Fixpreisen veranstalten, zumindest nicht grundsätzlich, sondern höchstens zu Spenden auffordern, so dass es auch jedem finanziell Mittellosen zumindest theoretisch möglich ist, ihn zu hören. Und auch das hängt wiederum unmittelbar mit der „Gesamtheit, der Ganzheit des Bildes“ zusammen: Wer beansprucht oder tatsächlich meint, etwas zu lehren, das kein anderer lehrt, lehrt niemals die Wahrheit.

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