Corona

Natürlich ist ein Kommentar zur Coronavirus-Krise auch an dieser Stelle unumgänglich. Es wird über dieses Thema derzeit soviel geredet und debattiert, dass ich mir in dieser Sache höchste Knappheit des Wortes auferlege. Ich möchte hier einstweilen nichts weiter tun, als vier Fragen zu formulieren, über die derzeit meines Erachtens viel zu wenig diskutiert wird:

1. Wenn Schutzisolation angestrebt wird, wer ist denn dann eigentlich zu isolieren? Zwei derzeit unbestreitbare Fakten lauten: Erstens, wir können die Risikogruppen für eine schweren Coronavirus-Krankheitsverlauf deutlich genauer orten als die Überträger des Virus; und zweitens, die Gefährdeten stellen eindeutig eine Minderheit der Gesamtgesellschaft dar (ohne mich hier in Prozentzahlen zu ergehen, denn ich möchte mich keinesfalls als der zehnmillionenundeinste selbsternannte unfassbar erfahrene Pandemie-Fachblogger in diesem Land profilieren). Nach Jeremy Benthams „Greatest-Happiness“-Prinzip („größtes Glück der größten Zahl“) – das gewiss unbehagliche Aspekte haben mag, aber trotzdem von unverwüstlicher Zählebigkeit ist – ist ganz klar gefordert, auf die spezifische, gezielte Schutzisolation der Gefährdeten zu fokussieren, anstatt das gesamte öffentliche Leben einzustellen und die unabsehbaren Nebenfolgen einer solchen exzessiven Entscheidung in Kauf zu nehmen. Gerade aus Fürsorglichkeit einstweilen den physischen Kontakt zu reduzieren ist aber genau das, was alle, die konkret Sorge um ihre hochalterigen Eltern oder Großeltern haben, jetzt ohnehin schon tun.

2. Wir erleiden derzeit bereits einen enormen volkswirtschaftlichen und globalwirtschaftlichen Schaden – und zwar bisher noch in keiner Weise tatsächlich wegen des Virus selbst, sondern allein aufgrund unserer exzessiven Präventivmaßnahmen im Hinblick auf eine Corona-Pandemie. Dass solche maximale prophylaktische Reaktivität eine verantwortungsvolle politische Entscheidung darstellt, ist keineswegs ausgemacht. Denn Krankenhäuser kosten Geld – Intensivstationen ganz besonders -, und dieses Geld muss auch irgendwo herkommen, andernfalls gibt es keine Krankenhäuser und Intensivstationen. Das scheinen viele derzeit in merkwürdiger Weise zu vergessen. (Übrigens: Pflegekräfte müssen besser bezahlt werden.)

3. Derzeit werden alle Kinder in diesem Land in gravierender Weise auf behördliche Anweisung sozial isoliert. Sie haben keine Kontakte mehr außerhalb ihrer engsten Familie. Je nach Familiensituation wird dies nach einer mehr oder weniger langen Zeit für jedermann unerträglich. Wir können davon ausgehen, dass sich in etwa drei Wochen die ersten nennenswerten Zahlen merklich traumatisierter Kinder infolge der Corona-Isolation zu zeigen beginnen. Diese drei Wochen sind auch in den harmonischsten Familien etwas ganz anderes als ein Urlaub mit den Eltern. Es sind drei Wochen „Lager-Koller“. Die kindliche Vernunft kann noch nicht aufnehmen, was wir Erwachsenen ihnen erklären; die Kinder leiden einfach. Lassen wir sie wenigstens für den richtigen Zweck leiden? Die Kinder selbst jedenfalls tragen nach derzeitigem Kenntnisstand überhaupt kein gesundheitliches Risiko durch das Coronavirus. (Nur am Rande bemerkt: Auch die garantiert gerade signifikant steigenden Fallzahlen an Suiziden, an fatalen Alkoholerkrankungen, an Herzinfarkten und Schlaganfällen, die in bewegungsarmer häuslicher Umgebung unter psychischer Anspannung und Unglücklichkeit erlitten werden, sowie an tödlichen häuslichen Unfällen, die stets einen großen Teil aller tödlichen Unfälle ausmachen, muss man ehrlicherweise eigentlich in eine Kosten-Nutzen-Abwägung der Anti-Coronavirus-Isolationsmaßnahmen mit einbeziehen. Aber auf diesen Nebengedanken möchte ich mich hier nicht kaprizieren.)

4. Nach den drei Wochen, von denen jetzt immer die Rede ist, wird sich die Lage definitiv in keiner Weise gebessert haben, denn die Langfristigkeit des Problems gehört ja gerade zur Definition des Begriffs „Pandemie“. Eine Pandemie haben wir jetzt laut WHO. Länger als drei Wochen lassen sich derart einschneidende allgemeine Maßnahmen, wie sie jetzt gerade praktiziert werden, sowieso unter keinen Umständen durchhalten. Was also passiert danach? Das ist eine der allerwichtigsten Fragen, die jetzt intensiv öffentlich diskutiert werden müssen.

Wir stehen als Gesellschaft aktuell in spektakulärer Weise vor folgendem fundamentalen philosophischen und weltanschaulichen Problem: Die reine Logik lässt in der Tat keinen anderen Schluss zu, als dass die einzige konsequente Maßnahme gegen die Pandemie in einer radikalen sozialen Isolation jedes Einzelnen besteht. Deshalb legen gerade viele die amtlichen Verbots- und Quarantäne-Regelungen selbständig noch exzessiver aus, als diese es bislang in ihrem Wortlaut tatsächlich sind. Oberflächlich gesehen liegt darin gar nicht mal ein Irrtum, denn diese Leute haben die zwingende Logik hinter den Maßnahmen durchaus richtig erkannt. Was wir aber gerade erleben, ist ein besonders plastisches und drastisches Beispiel dafür, dass das menschliche Leben der rein menschlichen Logik einfach nicht folgt. Der Preis unserer Logik wäre in letzter Konsequenz die Aufgabe unseres Lebens. Die Logik an sich ist nicht falsch – aber sie nützt nichts. Das ist genau der Punkt, an dem „spirituelle“ Antworten erforderlich werden – weil die „logischen“ schlicht an der Praxis scheitern.

Nach Jahrzehnten des Spiritualitätsverlustes in unserer Gesellschaft – denn den größten Teil der Esoterikwelle der letzten fünfzig Jahre kann man nicht unter ernsthafte Spiritualität rechnen – wird es daher nun offenkundig dringend Zeit für einen dynamischen gesellschaftlichen Neufang auf jenem im Vergleich zur wissenschaftlichen Logik ganz andersartigen Boden der Erkenntnis, den bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in unserer Kultur deren christliche Tradition bestellt hat.

Wie dieser Neuanfang genau auszusehen hat – das ist mein großes Thema in diesem ganzen vorliegenden Blog.

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