Chronologie bei Johannes

Heutiges Sonntagsevangelium ist Joh 1,35-42. „Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du (wo bleibst du, ποῦ μένεις, pou méneis)? Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.“ (Joh 1,35-39)

Die Chronologie, die der Johannes-Evangelist seinem Evangelium mit der wiederkehrenden Perikopen-Einleitungsformel „am nächsten Tag“ verleiht, ist eine symbolische. Sie verweist wahrscheinlich auf eine liturgische Woche der frühen Gemeinde, in der noch stärker jedem Wochentag zyklisch eine bestimmte Bedeutung zukam, was heute gegenüber dem liturgischen Ordnungsfaktor des Kirchenjahres in den Hintergrund getreten ist.

Als Anhaltspunkt für eine Präzisierung dieser Interpretation kann die Hochzeit zu Kana gelten (Joh 2,1ff.), von der es heißt, sie habe „am dritten Tag“ stattgefunden. Bezieht man diese Angabe nicht auf einen als „Bericht“ missverstandenen Ablauf der Ereignisse, sondern versteht ihn allgemein, so bezeichnet dies für Juden den Dienstag, den sie für Hochzeiten bevorzugen, weil es im Schöpfungsbericht vom dritten Tag heißt, Gott habe der Erde befohlen, Pflanzen hervorzubringen, die Samen tragen, was Fruchtbarkeit thematisiert, und weil es nur von diesem Tag gleich zweimal heißt: „Gott sah, dass es gut war“ (Gen 1,9-13).

Rechnet man von dieser Datierung aus rein im Rahmen der symbolischen Binnenlogik des Johannesevangeliums zurück, so kommt man darauf, dass der Tag, an dem Jesus getauft wurde, ein Sabbat war, der Tag, an dem Johannes zuvor das erste Mal auftritt, der Rüsttag vor dem Sabbat, der Tag aber, von dem das heutige Evangelium spricht, der Tag nach dem jüdischen Sabbat.

„Wo bleibst du – kommt und seht – und sie blieben jenen Tag bei ihm“: Kann man aus diesem genau datierten symbolischen Dialog entnehmen, dass schon die johanneischen Christen begannen, anstatt des Sabbats oder neben diesem oder sogar gegen diesen den ersten Tag der Woche, an dem Christus von den Toten auferstanden ist, als den „Tag des Herrn“ zu feiern und ihn wenn irgend möglich mit Arbeitsruhe zu begehen?

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