Christian Lindner

Ein F.D.P.-Politiker fordert im NRW-Landtag, was seine Partei immer fordert: Er nennt es hier „Gründerkultur“, deren Vorzüge er aufzählt. Ein SPD-Kollege, der sein Leben lang Beamter war, ruft dazwischen, der Redner – dessen jugendlicher Beitrag zur New Economy scheiterte – „habe ja Erfahrung“. Und Christian Lindner, die – vielleicht neue, vielleicht letzte – Hoffnung der Freien Demokraten, explodiert. Das Skript wird zur Startbahn. Rasch sind seiner extemporierten Argumentation nicht nur die risikofreie Berufsbiographie des Zwischenrufers, sondern vor allem auch ein am selben Tag vor demselben Plenum ausgesprochener Satz der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin zur Hand, worin diese für Fehlerfreundlichkeit eine Lanze bricht – weshalb er deren Regierungserklärung „angesichts solcher Parteikollegen“ kurzerhand zur „Makulatur“ erklärt. Er schließt mit dem Hinweis, dass er als F.D.P.-Vorsitzender ganz andere Anwürfe gewohnt sei, aber dass man sich den Eindruck dieses Zwischenrufs auf einen „gründungswilligen jungen Menschen“ vorstellen solle.

Warum werden die zwei turbulenten Minuten, die in Lindners Mund aus diesen Ingredienzien entstehen, zum YouTube-Hit? Vokabulär betrachtet hölzerne Rhetorik, ein desaströser Zeigefinger, das Ganze in Vertretung einer Partei, mit der ich nichts anfangen kann – was ist dennoch so inspirierend an dieser Szene?

Inspirierend ist auf beklemmende Weise der Horror vacui, den sie in ihrem Hintergrund offenbart. Denn wenn schon dieses eruptive Bisschen an authentischem Eifer, an Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit eines politischen Existenzmotivs Aufsehen erregt, verrät das, wie es um den professionellen und persönlichen Elan unseres die parlamentarische Szene fast bis hin zur Ausschließlichkeit dominierenden Politiker-Typus insgesamt bestellt ist. Was in unseren Landtagen sitzt, wirkt wie die Sargträger der Demokratie – und zwar nicht, weil diese Abgeordneten alle ungebildet wären oder absurd verkehrte Weltanschauungen hätten; sondern weil sie in fataler Weise zunftkollektiv zu blassen Funktionären, zu auratischen Trockenkonserven, zu exekutiven Kugellagern der „Politik als Beruf“ deriviert sind.

Aus diesem Mechanismus ist Lindner im Affekt ausgebrochen. Wer das allein schon für komplimentwürdig erklärt, dessen Begriff des Lobenswerten bewegt sich im Grunde nicht oberhalb des Niveaus von Hunde-Leckerli. Der eigentliche Prüfstein von Lindners Qualitäten wird sein, ob ihn daraufhin jetzt die Furcht vor der eigenen Courage packt. Immerhin ist ihm zuzutrauen, dass dies nicht der Fall sein wird. Und jedenfalls ist ihm das Verdienst an einem Ereignis zuzusprechen, das zweifellos aus unserem kümmerlich trüben Parlamentsalltag herausragt, der immerzu den Eindruck erweckt, schon allein emotional mit den realen Problemen der von ihm repräsentierten Gesellschaft nicht adäquat umgehen zu können und diese daher immerzu nur wie durch einen Sedativa-Schleier zu traktieren.

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