Christentum und Drittes Reich

Aus der Darstellung Guenter Lewys ziehe ich folgenden Schluss: Mit den beiden dominierenden christlichen Kirchen und dem Nationalsozialismus standen sich in Deutschland von 1925 bis 1945 Großbewegungen der obersten Gewichtsklasse gegenüber, deren Interaktionsdynamik notwendig in allerhöchstem Maße komplex sein musste. Die simple Behauptung, „die Kirche“ sei „gegen den Nationalsozialismus“ gewesen, kann daher strukturell ebenso unmöglich wahr sein wie ihre drei Gegenteile („Kirche für NS“, „NS gegen Kirche“, „NS für Kirche“).

Folgende Punkte sind harte Fakten:

1. Der Nationalsozialismus war in seiner Selbstwahrnehmung eindeutig eine wesentlich und ausgeprägt religiöse Bewegung. Das „Philosophische Wörterbuch“ von 1943 definierte „gottgläubig“ als „amtliche Bezeichnung für diejenigen, die sich zu einer artgemäßen Frömmigkeit und Sittlichkeit bekennen, ohne konfessionell-kirchlich gebunden zu sein, andererseits aber Religions- und Gottlosigkeit verwerfen“.

2. Vor dem damals aktuellen Hintergrund intensiver Gegnerschaft zum international zunehmend straff organisierten atheistischen Kommunismus, Marxismus und Bolschewismus bestand für die Kirchen wie für den Nationalsozialismus von beiden Seiten aus ein starkes Interesse, möglichst in irgendeiner Weise gegen diesen Feind miteinander zu „koalieren“. Dabei gab sich ein erheblicher Teil der maßgeblichen Kräfte beider Seiten lange Zeit der irrigen, allzu selbstbewussten Hoffnung hin, die jeweils andere Seite im Rahmen einer solchen vordergründigen, zweckgeleiteten Koalition längerfristig weltanschaulich entscheidend beeinflussen und einigermaßen auf die eigene Linie hin „umprogrammieren“ zu können.

3. Eine weitere realpolitische Konsensbasis zwischen Kirchen und Nationalsozialismus bildeten ihre gemeinsamen Vorbehalte gegen eine demokratische Verfassungsneuordnung – deren Idee mit der chaotischen Weimarer Republik in der Tat noch keinen zwingend überzeugenden praktischen Verwirklichungsversuch vorzuweisen hatte.

4. In Teilen beider Großkirchen herrschte ein unterschiedlich stark ausgeprägter traditionell-religiöser Antisemitismus, andere Teile in beiden Kirchen lehnten diese weltanschauliche Haltung ab. Genaue Gewichtungen der Anteile sind sehr schwierig und insgesamt alles andere als klar.

5. Weder der Nationalsozialismus noch die Kirchen bestanden mehrheitlich aus Anhängern, die sämtliche erweiterten Implikationen von Theologie und/oder politischer Ideologie scharf-rational deduzierten und sich an diesen Deduktionen persönlich innerlich und äußerlich konsequent ausrichteten. Solche weltanschauliche Konsequenz leistete in allen Fällen nur ein kleiner Teil der intellektuellen Führungsriegen. Für eine Mehrheit aller kultur-, religions- und ideologiepolitischen Ereignisse der Zeit des Dritten Reichs gilt – wie für alle Krisenzeiten der Geschichte -, dass sie nur auf einem sehr mäßigen Reflexionsniveau verantwortet wurden und daher auch zahlreiche irrationale Widersprüche aufweisen. Das betrifft nicht nur Feinheiten wie die völlig fehlende Unterscheidung zwischen religiösem und rassischem Antisemitismus (die freilich kaum praktische Relevanz gehabt hätte), sondern auch manifeste Paradoxa wie die gleichzeitige Teilnahme an christlicher Devotion und braunem Terror ohne jeden Versuch einer ideellen Rechtfertigung dieses Verhaltens (was für ein Verständnis des Dritten Reichs als einer Zeit, die nicht die menschliche Vernunft betonte, von großer Relevanz ist).

6. Es gab von beiden Seiten aus zahlreiche sowohl aggressive als auch fraternisierende Einzelereignis-Phänomene gegenüber der jeweils anderen Seite, die kein einheitliches Gesamtbild zulassen. Das wurde dadurch begünstigt, dass der Nationalsozialismus „unterhalb“ der Person Hitlers letztlich keine wirklich klaren Kompetenzverteilungen hatte, dass jede einzelne katholische Diözese ungeachtet vatikanischer Diplomatie nach dem episkopalen Prinzip dem Staat gegenüber sehr weitgehend selbständig kirchenpolitisch agieren konnte (wie noch heute), und dass die evangelisch-lutherische Kirche ebenfalls recht heterogen in Landeskirchen strukturiert war (wie noch heute).

7. Für sämtliche dokumentierten Äußerungen Hitlers über Christentum und Kirche gilt: „je öffentlicher, desto versöhnlicher“. Das macht seine vorwiegend taktischen Interessen in seinem Verhältnis zur christlichen Religion deutlich. In seinem Buch schrieb Hitler: „Es konnte in den Reihen unserer Bewegung der gläubige Protestant neben dem gläubigen Katholiken sitzen, ohne je in den geringsten Gewissenskonflikt mit seiner religiösen Überzeugung geraten zu müssen. Der gemeinsame gewaltige Kampf, den die beiden gegen den Zerstörer der arischen Menschheit führten, hatte sie im Gegenteil gelehrt, sich gegenseitig zu achten und zu schätzen.“ (1933, S. 628) Mit inhaltlichem Interesse an der christlichen Religion hat das nichts zu tun. Und weitere Stellungnahmen zum Christentum in Hitlers umfangreichem literarischem „Meisterwerk“ ausfindig zu machen, ist ein ziemlich mühseliges Unterfangen.

8. Gleichwohl: Hitler war als Knabe Messdiener, trat zeitlebens nie aus der katholischen Kirche aus, wurde von ihr auch nie exkommuniziert und zahlte seinen Kirchenbeitrag pünktlich auch dann, als er vor seinem Machtantritt ansonsten Hunderttausende von Reichsmark unbezahlter Steuerschulden hatte. Aber was bedeutet das?

Es bedeutet nur eines: für die Kirche einen ihrer vielen Gründe zur Demut – weil sie nicht dazu berufen ist, die Welt nach irdischen Maßstäben zu verbessern. „Kirche der Sünder“ könnte man nicht drastischer illustrieren, um sicherzustellen, dass dieser Ausdruck nicht zur hohlen Phrase verkommt.

Nichts anderes ist zu sagen, wenn der ehemalige KGB-Offizier Wladimir Putin plötzlich seine fromme Leidenschaft für das orthodoxe religiöse Fundament der Größe Russlands entdeckt. (Wer das für einen unangemessenen Hitler-Vergleich hält, möge sich gerne nach Herzenslust darüber aufregen.) Und nichts anderes ist auch dazu zu sagen, wenn ein Moskauer Patriarch sich allzu sehr für diese Entwicklung begeistert.

Ich wiederhole in aller Deutlichkeit: Religion ist nicht primär eine moralische Veranstaltung. Religion ist die äußerste und letzte Reaktionsmöglichkeit des Menschen auf sein unbehebbares irdisches Elend – nicht zuletzt auf die Unausweichlichkeit der Sünde. Die Qualität einer Religion bemisst sich nicht daran, welches Maß an Moral sie gesellschaftlich durchzusetzen in der Lage ist, sondern welches Potenzial an Transzendenz sie eröffnet.

In dieser Hinsicht musste das Christentum tatsächlich nie irgendeine ernsthafte Konkurrenz durch irgendwelche totalitären politischen Ideologien befürchten.

Kommentare sind geschlossen.