Bürger Paulus

Um noch einmal auf den Umgang des Lukas mit Fakten zurückzukommen: War Paulus, wie die Apostelgeschichte mehrfach nachdrücklich behauptet, civis romanus, römischer Bürger, der im gesamten römischen Imperium die ganz besonderen schützenden und befreienden Vorrechte einer herausgehobenen, vielleicht gar regelrecht „exklusiven“ Minderheit genießt?

Wenn er aus Tarsus stammte, war er dies in der Tat. Die Seleukiden siedelten im Zuge der hellenistischen Erneuerung der Stadt seit 171 v.u.Z. planmäßig Juden in Tarsus an, das sie damals Antiochia am Kydnos nannten. Seit dieser Ansiedelung auf Wunsch der Herrscher waren die Juden von Tarsus privilegiert. Cäsar ehrte die Stadt, die ihm während des Bürgerkriegs die Treue gehalten hatte, im Jahr 47 v.u.Z. mit ihrer Umtaufe auf den Namen Juliopolis. Spätestens seit dieser Zeit konkurrierte Tarsus als Hochschulstadt mit Athen und Alexandria, wie der zeitgenössische Geograph Strabo belegt. Tarsus bildete damals den in der Geschichte einzigartigen Fall eines Stadtstaats, als dessen Oberhaupt konstitutionell der jeweils amtierende „Rektor“ der örtlichen Hochschule diente. Das römische Bürgerrecht bildete den sozialen Standard der jüdischen Familien von Tarsus zur Zeit des Paulus – ganz unabhängig von der schwierigen Frage, wie „großzügig“ Rom mit seinem Bürgerrecht allgemein tatsächlich war oder nicht.

Es wäre Lukas sicherlich schwer gefallen, Paulus aus Tarsus stammen zu lassen, um ihn plausibel zum römischen Bürger zu machen. Die Heimatstadt gehörte zu den wenigen sicheren, fixen, identifikationswertigen persönlichen Daten eines Menschen, die man im Altertum genau und zuverlässig zu überliefern pflegte. Eine „Tatsache“ dieser Art literarisch frei zu erfinden, dürfte kaum im Bereich des Möglichen gelegen haben.

Umso interessanter ist dann allerdings, dass und warum Paulus sich in seinen eigenen authentischen Briefen niemals auf sein römisches Bürgerrecht beruft, wie er dies ziemlich fiktiv gegenüber seinen Kerkermeistern in der Apostelgeschichte tut, die wohl mindestens dreißig Jahre nach seinem Tod verfasst wurde. Die historische Wahrheit ist vermutlich, dass Paulus sein römisches Bürgerrecht selbst in drangvollen Lebenslagen nicht ausspielen wollte, weil er seit seiner Bekehrung einer radikalen jüdischen Reformbewegung angehörte, die gewaltlosen Widerstand gegen Rom leistete und das römische System ablehnte.

Ganz im Sinne des historischen Jesus.

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