Blinde Wut

„Erleben wir in Deutschland derzeit eine neue Welle des Antisemitismus?“ lautet eines der großen, medial forcierten Themen dieser Tage. Auch andere Themen scheinen da auf – aber seltsam: In großer Zahl muten diese Themen einander recht ähnlich an. Immer wieder geht es um Menschen, die zu Extremen neigen. Dem einen oder dem anderen.

Die wirklich entscheidende Frage hinter all den Schlagzeilen-Fragen ist aus meiner Sicht eine ganz andere: In welcher Beziehung steht das Bedürfnis, in öffentlichen Äußerungen „Dampf abzulassen“, zu einer Bereitschaft, das Geäußerte in letzter Konsequenz in die Tat umzusetzen?

Um echte Konsequenzen aus einem Gedanken überhaupt erkennen zu können, muss man sich ernsthaft und gründlich mit ihm befassen.

In gewissem Sinne könnte man sagen, dass es keine Antisemiten geben kann unter Menschen, die vom Judentum keine reelle Ahnung haben. (Geschätzt: 99 Prozent der deutschen Bevölkerung?)

Der Sprung vom Bramarbasieren zum gewalttätigen Handeln im Sinne eines echten Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs setzt die Gewissheit voraus, mit der „eigenen Meinung“ (die allzu oft nur eine vermeintliche „eigene“ ist) etwas wirklich Wesentliches erkannt zu haben. Denn jedes „Ernstmachen“ ist auch eine erhebliche „Investition“ – wenn nicht gar ein konkretes Risiko. Man „macht nicht ernst“ für bloßes Geplapper – auch nicht für das eigene (bzw. das sogenannte eigene). Nach dieser Regel verhalten sich de facto auch die einfältigsten Menschen.

Natürlich ist es nicht zu unterschätzen, wenn Haufen von enthemmten Sprechchörlern ein vergiftetes gesellschaftliches „Klima“ erzeugen. Vermutlich kann auch die abstruseste Plapperei sich unter gewissen ungünstigen Umständen irgendwann „(von) selbst und (von) allein“ zur Betriebstemperatur politischer und menschenrechtlicher Verbrechen aufheizen. Das mag ich nicht leugnen. Aber auch die sachliche Überbewertung medialen „Auf-die-Pauke-Hauens“ gehört zu unserer realen gesellschaftlichen Problemlage – vielleicht sogar stärker als mancher andere Aspekt.

Die eigentliche Frage ist nämlich nach meinem Dafürhalten gar nicht die nach der angeblichen „Sache“. Sie lautet vielmehr: Warum bricht gegenwärtig eine derart bis zur Krawall- und Gewaltlust angestaute Frustration aus so vielen Menschen in diesem Land heraus, dass beispielsweise große Internet-Medien reihenweise die Kommentarfunktionen zu ihren Online-Artikeln deaktivieren müssen, weil die digitale Kommunikationskultur insgesamt so enthemmt, so aggressiv, so verächtlich und brutal geworden ist, dass die redaktionellen Moderatoren mit dem katastrophalen Niveau der Beiträge überfordert sind? Wer dieses Phänomen rein auf die gesellschaftliche Eigendynamik des Pionierstadiums der neuen elektronischen Medien schiebt, irrt. Es steckt mehr dahinter. Zur Eigendynamik dieses epochalen Medienphänomens mag die Überforderung gehören. Aber könnte sich die nicht grundsätzlich auch, im Gegenteil, in Verschüchterung und Verstummen äußern angesichts der praktischen Unhörbarkeit der einzelnen Stimme angesichts eines Volkes, in dem jeder plötzlich persönlich zum „Publizisten“ wird, der mit seinen privaten Botschaften theoretisch alle erreichen kann? Muss dieser Zustand zwingend „Blindwütigkeit“ des Kommunikationsverhaltens auslösen?

Die Wahrheit ist: Es ist vollkommen gleichgültig, ob die betreffenden Legionen von Radaumachern ihre „Meinungs“-Schreie in das Gewand von antisemitischem oder anderem pseudo-neonationalsozialistischem, salafistisch-islamistischem oder sonstigem Verbal- und „Gedankengut“ kleiden. Der Kern der Sache ist die Radikalisierung der gesellschaftlichen Atmosphäre an sich. Die einzelnen Äußerungsvarianten dieser Radikalisierung sind nahezu beliebig und spielen „für sich genommen“ im Grunde gar keine echte Rolle. Nicht zuletzt deshalb, weil die provokativen Plärrer über die authentischen Hintergründe der von ihnen „vertretenen Positionen“ regelmäßig keinerlei fundierte Kenntnisse aufweisen. Selbst wenn ihr Geschrei in Gewalttaten umkippt, fallen diese unter solchen Umständen ihrer Art nach viel zu beliebig aus, um wirklich als „Konsequenzen“ eines Standpunktes bezeichnet werden zu können.

Meine persönliche Antwort auf die eigentliche Kernfrage steht längst fest: Das erschreckende Frustrationsniveau unserer gesamten Gesellschaft ist auf eine endemische tiefe Desorientierung zurückzuführen. In diesem Zusammenhang bietet schon bloßes spontanes Parolen-Herausbrüllen neben der affektiven Ventilfunktion ein Stück minimaler, atavistischer Selbstvergewisserung.

Jede Diskussion über einen „neuen deutschen Antisemitismus“ erscheint mir, offen gesagt, als Zeitverschwendung. Denn die Zeit drängt: Wir haben dem viel echteren, viel realeren, viel grundlegenderen Problem zu begegnen, dass Millionen von Menschen in diesem Land für ihre an der Schwelle zur Destruktivität stehende Total-Frustration angesichts „der Gesamtverhältnisse“ zunehmend hektisch und gereizt nach irgendeinem Ventil suchen.

Neben der Eigendynamik der neuen Medien – gewiss – spielt dabei an der Wurzel der Ursachen diese Zustandes unter anderem auch das tiefe existenzielle Kollektiv-Unbehagen darüber eine zentrale Rolle, dass die kategorische Hyper-Komplexität von Politik und Ökonomie heute nicht mehr glaubhaft ideologisch geleugnet werden kann, und dass der technologische Wissenschaftsgeist des 19. und 20. Jahrhunderts die Menschheitsprobleme, die er zu lösen versprach, keineswegs gelöst hat – und dass diese Erkenntnis eine endgültige ist. Zugleich hat dieser Geist aber hingereicht, die Religiosität aus der Mitte der Gesellschaft zu verdrängen und sie zu diskreditieren, so dass die Dimension religiöser Perspektiven und Antworten für viele Zeitgenossen kaum noch zugänglich ist.

Die von dieser gravierenden Turbulenz Betroffenen müssen wieder zu einer grundlegenden Lebens-Orientierung gelangen, die ihnen Gelassenheit ermöglicht, damit sie sich vom Ungeist der platten Parolen abwenden können. Möglichkeiten echter Orientierung sind zwar nicht so zahllos wie dümmliche Populismen jedweder Couleur, aber auch sie sind plural. Es gibt nicht nur die eine wahre Orientierung. Allerdings: Zum Kreis der ernsthaften Optionen zählen in jedem Fall die etablierten, traditionellen, großen Religionen. In diesem Kreis bilden sie eine starke, vielleicht die stärkste Fraktion.

Der Preis jeder echten, tragfähigen Orientierung im Leben ist die Anstrengung der Ernsthaftigkeit. Insofern ist das Fortschreiten des psycho-sozio-mental relaxierenden Konsumismus am kollektiven Desorientierungs-Problem zweifellos erheblich mitschuldig. Was immer die Mühe der Ernsthaftigkeit verlangt, zieht auch den dumpfen Unmut, den phlegmatisch-kalten Zorn, den hilflosen Hass der Relaxierten, Sedierten auf sich. Die einzige Flamme, die sie daraufhin noch in sich entdecken – und deren auf mesquine Weise wärmendes und lichtspendendes Brennen sie entsprechend genießen und füttern – ist die des plumpen Randalierens, zu dem ihnen jedes Mittel recht ist – zunächst einmal jedes verbale. Oft genug dürfte darüber der Zufall entscheiden. Eine echte Entscheidung wäre ja schon wieder eine Anstrengung.

Dem unbefangenen Blick sollte sich nüchtern darstellen, dass engagierte Juden, Muslime und Christen derzeit in Deutschland zwar gewiss nicht auf die gleiche, aber doch auf eine ähnliche Weise für ihren Glauben und ihr aus dem Glauben genährtes Leben unter Druck geraten.

Die bloße Tatsache, dass sie sich unter religiösen Vorzeichen zu einer grundlegenden, ihrem Dasein klar Form gebenden Lebensentscheidung durchringen und diese beharrlich in alltägliche Praxis umzusetzen versuchen – wie mühsam und holperig auch immer -, verursacht schon einen merkwürdigen Neid auf sie wie auf eine „Elite“. Und zwar gerade weil diejenigen, die sich selber nicht in vergleichbarer Weise innerlich bewegen, keine gültige Entschuldigung dafür finden. Der ganze Unterschied hängt ja an nichts anderem als an dem winzig kleinen (und doch so großen) Ruck „ja, ich will“. Allzu offensichtlich ist, dass die zur Religion Entschlossenen nicht „besser“ sind als die Anderen – sie wollen es lediglich sein, sie wollen es werden. Genau das macht sie den Trägen zum Ärgernis – dem Einzigen, das deren Trägheit anfallsweise suspendiert, um alles Positive, Konstruktive, durch das sie sich delegitimiert fühlen, zu attackieren.

Die naheliegende (und ins Unendliche führende) philosophische Frage nach dem freien Willen und der Gnade angesichts jeder menschlichen „Entscheidung“ soll hier nicht erörtert werden. Hier geht es rein um eine – wenn man so will – „soziologische“ Beobachtung.

Die Antwort auf die Frage, die er aufwirft – „Wie wird man ein Missionar der Orientierung, der jedem seine eigene Orientierung zu finden hilft, aber doch auf jeden Fall eine echte?“ – enthält dieser Artikel nicht. Er liefert aber, wie ich glaube und hoffe, einmal mehr ein Beispiel dafür, dass eine richtig gestellte Frage hilfreicher ist als eine Menge überaus kluger und richtiger Antworten auf eine falsche Frage.

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