„Bin kein sozialdemokratischer Papst“

Nach seiner Einladung durch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) wurde Papst Franziskus auf einer seiner legendären Flugzeug-Pressekonferenzen von einem Journalisten gefragt, „ob er ein sozialdemokratischer Papst sei“. Franziskus‘ Antwort war so simpel, dass man sie sich zumindest als Theologe treffsicher denken könnte, wenn man sie nicht wüsste: Evangelium, katholische Soziallehre.

Aber es lohnt sich, dennoch einen weiteren Moment lang über diese Frage nachzudenken. Wir betonen bei „sozialdemokratisch“ immer „sozial“; betonen wir doch zur Abwechslung mal den Wortbestandteil „demokratisch“.

Mit seiner „bürgerlichen“ Identität (die gerade er als Papst ja nicht aufgegeben hat) ist Jorge Mario Bergoglio sicherlich ein guter Demokrat. Er weiß, dass das eine Qualität der politischen Sphäre ist. Aber weshalb sollte sie deshalb automatisch auch in der Religion eine Rolle spielen müssen oder dort überhaupt positiv sein?

Funktioniert Demokratie denn beispielsweise in Familien? Lassen wir die Frage ruhig offen. Es gibt sicherlich manchen, der sogar das behaupten würde.

Natürlich ist die Kirche keine Familie. Aber es gibt eben offenbar eine ganze Reihe anderer sozialer Interaktions-, Organisations- und Institutions-Modelle außer und neben dem sogenannten „Staat“ oder der „allgemeinen Gesellschaftsöffentlichkeit“, die verglichen damit ganz anders funktionieren.

Gerne wird im Kontrast zur Demokratie negativ die Autokratie, positiv hingegen das Konsensprinzip hervorgehoben. Das Konsensprinzip ist des Gruppendynamikers liebstes Kind. Vernünftige Staats- und Politiktheoretiker wenden dagegen ein, dass das Konsensprinzip nur in einem quantitativen Rahmen funktioniert, dessen begrenzte Größenordnung noch allseitige echt persönliche Beziehungen sämtlicher Beteiligter untereinander zulässt.

Der „heilige Wahnsinn“ der Kirche, die Papst Franziskus vorschwebt, ist die Vorstellung, das Konsensprinzip könnte unter 1,2 Milliarden Katholiken funktionieren. Wie in einer heilen Familie.

Denn was diese 1,2 Milliarden Katholiken nach Franziskus‘ Überzeugung miteinander verbindet, ist ihre grundlegende Zugänglichkeit für die Einsicht, dass Christsein zentral auf einer Öffnung des Herzens beruht, die Jesus in seinen Schlüsselappell „Metanoeite!“ gefasst hat. Damit ist gemeint: „Verhärtet nicht euer Herz!“ (Ps 95,8) Diese Haltung muss auf Dauer absolut zwingend zum kleinsten gemeinsamen Nenner aller Christen gehören.

Das bedeutet in der Praxis, dass in der Kirche alle einander entgegen zu kommen haben: Die Traditionalisten und Fundamentalisten müssen, wenn sie echte Christen sein wollen, ihre tiefe Furcht vor dem Wandel der Zeit überwinden und sich dem Ruf nach einem gewissen, behutsamen, stetigen historischen Weiter-Wachstum der Kirche mit mutigem Gottvertrauen öffnen. Aber im Gegenzug müssen ebenso die „Progressiven“, die „Reformer“ ihren Wunsch nach Veränderung und Erneuerung bezähmen, eine gewisse grundlegend konservative Seite aller Religion anerkennen, auf die verletzbaren Empfindungen religiöser Nostalgiker in den Reihen ihrer Glaubensgemeinschaft tief geschwisterlich Rücksicht nehmen und ihre Polemik gegen überkommene kircheninstitutionelle Missstände demütig zügeln. Denn wenn sie das nicht tun, verhalten sie sich ebenso wenig echt christlich.

Paulus bringt das auf den Punkt: „εἴ τις πέποιθεν ἑαυτῷ Χριστοῦ εἶναι, τοῦτο λογιζέσθω πάλιν ἐφ’ ἑαυτοῦ, ὅτι καθὼς αὐτὸς Χριστοῦ, οὕτως καὶ ἡμεῖς – ei tis pépoithen heautô Christôu einai, tôuto logízestho pálin eph‘ heautôu, hoti kathôs autós Christôu, hóutos kai häméis –  Wenn jemand überzeugt ist, zu Christus zu gehören, dann soll er bedenken, dass ganz so wie er selbst auch wir zu Christus gehören.“ (2Kor 10,7) Vor diesem Hintergrund sagt er in Röm 14,5b: „ἕκαστος ἐν τῷ ἰδίῳ νοῒ πληροφορείσθω – hékastos en to idío noï plärophoreístho – Jeder soll von seiner eigenen Auffassung überzeugt sein.“ Das heißt natürlich gerade nicht, dass er die Anderen mit dieser seiner Auffassung „überfahren“ soll.

Der aus diesem Bewusstsein resultierende Umgang miteinander ist es, der nach Überzeugung von Papst Franziskus Wesen und Zukunft der Kirche konstituiert. Das wollte er nicht zuletzt durch die Art und Weise demonstrieren, in der er der jüngsten Bischofssynode präsidiert hat. Das exakte, konkrete kirchenrechtliche Resultat dieses Prozesses ist nicht vorhersagbar. Franziskus‘ Axiom lautet vielmehr: Wenn die Methode richtig ist, wird am Ende auch das Ergebnis stimmen – wie immer es im einzelnen aussehen wird.

Fester und sicherer kann man auf dem Boden der katholischen Soziallehre nicht stehen.

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