Biblische Zahlenmystik

Es ist als historische Tatsache richtig, dass die Bibel unter anderem auf der Basis von Zahlencodes komponiert ist.

Unser Neues Testament beginnt mit einer Matthäus-Genealogie Jesu in dreimal vierzehn Generationen, die man nur symbolisch verstehen kann. Der Rhythmus sagt etwas aus über das Verhältnis von Größe, Exil und Erneuerung Israels. Aber warum gerade „14“? Die ersten vierzehn Generationen führen zu König David, also zur ersten Akmé der Größe. Das Hebräische benutzt seine Buchstaben zum Zählen, so dass jedem Buchstaben eine Grundzahl zugeordnet ist. Daled ist der vierte, Waw der sechste Buchabe des hebräischen Alphabets, woraus sich die Grundzahlen herleiten, die diese Buchstaben jeweils bedeuten. „David“ wird auf hebräisch d-w-d geschrieben, was ohne alle besondere Zahlen-„Mystik“ die Quersumme 14 repräsentiert: 4+6+4.

In der Aussage unterstreicht dieses Detail, dass die nachexilische Wiederherstellung der Größe Israels durch Jesus durchaus auch auf die Art der Größe Davids bezogen ist – und der Jesus des Matthäus deshalb nicht unpolitisch verstanden werden darf.

Um aber vom Besonderen zum Allgemeinen zurückzukehren: Ich sagte, dass solche Zahlensymbolik als historische Tatsache zutreffend der Fall ist. Damit will ich natürlich darauf hinweisen, dass ich sie im eigentlich theologischen Sinne für nicht relevant halte.

Sie ist „erkenntnistheoretisches“ Instrument eines vorwissenschaftlichen Zeitalters. Noch im siebzehnten Jahrhundert konnte ein Kepler seinen Lebensunterhalt mit Horoskopen verdienen. Gut, dass er es konnte, denn sonst wären uns auch die übrigen Früchte seiner geistigen Existenz vorenthalten geblieben. Trotzdem sind es unter seinen verschiedenen Leistungen heute mit allem Recht nicht mehr seine Horoskope, die uns an ihm interessieren.

Und so verhält es sich auch mit der Symbolmathematik der Bibel. Dass den Juden ihre Buchstaben zugleich als Zahlen dienten, lässt diese Symbolik weniger weit hergeholt erscheinen und lehrt uns Respekt vor dieser ästhetischen Dimension unserer Heiligen Schrift: Sie gehörte in den Augen ihrer eigenen Zeit eben nicht zum Aberglauben (superstitio) oder gar zur „Magie“, die man als un- und gegengöttlich anfeinden müsste. Nach der Aufklärung hat sich dies allerdings geändert. Vor der Aufklärung war Zahlenmystik ein Zeichen des nondualistischen Einbeziehens der berechenbaren Welt in eine untrennbare kosmische Einheit mit der unberechenbaren. Seit der Aufklärung ist „Kabbalistik“ (in einem falschen Sinne) aber das genaue Gegenteil geworden: eine im Grunde zutiefst kontra-religiöse Partikularisierung disparater vermeintlicher „Geheim“-Wirklichkeiten.

Mit der Einordnung biblischer Zahlensymbolik als „ästhetisch“ soll die Qualitätsebene der Ästhetik freilich keinesfalls deklassiert werden. Zunehmende mystische Reife offenbart uns die ästhetische Dimension als keineswegs geringeren Weisheitsträger im Vergleich mit der logisch-systematisch-apologetischen und der ethisch-kerygmatischen.

Aber heutige Theologie, die im Dienst heutiger Spiritualität stehen will, hat an die Untersuchung der Bibel zudem ganz notwendig auch noch philologisch-semantisch, historisch-kritisch, anthropologisch-ethnologisch und psychologisch-existenziell sowie innerhalb der Ästhetik nicht so sehr „zahlenmystisch“ als vielmehr literaturtheoretisch heranzutreten.

Lassen wir den Dingen ihre Zeit und den Zeiten ihre Dinge. Wenn die Wirkung des Heiligen Geistes wesentlich in der Gabe der Unterscheidung der Geister besteht (1Kor 12,10 / 1Joh 4,1-6), dann wird sich in der christlichen Theologie immer wieder die Erkenntnis durchsetzen, dass nicht alle Aspekte der Bibel gleich wichtig sind. Wer das bestreitet, den bitte ich, mir einmal einen Text wie beispielsweise Neh 12,1-26 auszulegen (um mir nicht vorwerfen zu lassen, ich hätte nur einen einzelnen Vers aus dem Zusammenhang gerissen).

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