Berufung

Wenn, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, sein Glaube für jeden religiösen Menschen mit einer besonderen göttlichen „Berufung“ (vocatio) verbunden ist, so gilt es sorgfältig zu erörtern, woran man diese „Berufung“ eigentlich zuverlässig erkennt, wenn man sie reflektiert.

1. Man SOLL sie reflektieren und hinterfragen: Jede Zielsetzung, die mit einer „ideologischen“ Gebärde ihre eigene kritische Reflexion negiert, kann sich eo ipso auf keine authentische Berufung beziehen.

2. „Berufung“ meint immer eine umfassende Lebensweise. Der Begriff bezieht sich bei sinngemäßem Gebrauch nie bloß auf einen einzelnen, isolierten Aspekt der Existenz, wie beispielsweise die Arbeit. Nicht zuletzt deshalb ist eine einfache, „rezeptartige“ Definition von „Berufung“ kategorisch unmöglich. „Berufung“ ist immer komplex – sowohl hinsichtlich ihres Inhalts als auch hinsichtlich ihres Vorgangs. Dies gilt es grundlegend anzuerkennen, und die authentische Berufung selbst muss diese Erkenntnis in ihrer Struktur stets widerspiegeln, indem sie sich bewusst grundsätzlich und andauernd als entwicklungsoffen versteht (wenngleich sie natürlich nicht täglich nach Belieben geändert werden kann).

3. Jede authentische Berufung muss zwingend immer folgende Aspekte mit einschließen:

a) Leben in Fülle – authentische Berufung bedeutet niemals einen „Verzicht“ auf Lebendigkeit,

b) Leben aus Liebe – authentische Berufung richtet sich niemals primär „gegen“ etwas, sondern will zuallererst positiv etwas hervorbringen und fördern,

c) Leben mit Freiheit – authentische Berufung äußert sich niemals als Zwang, Gängelung, Einengung, harsche „Entweder-Oder“-Alternative oder drückendes Dilemma. Kurz gesagt: Wenn jemand etwas „unbedingt tun MUSS, weil er nichts anderes tun kann“ – hat er schon allein deshalb keine authentische Berufung dazu.

4. Jede authentische Berufung akzeptiert bereitwillig, durch folgende nüchternen äußeren Kriterien determiniert zu werden:

a) Förderlichkeit oder Hinderlichkeit gesellschaftlicher, politischer oder wirtschaftlicher Umstände im Hinblick auf die realistische Setzbarkeit eines Ziels (nicht im Hinblick auf seine Erreichbarkeit!). Beispiel: Wenn ich mich berufen fühle, Verfolgten oder Unterdrückten beizustehen, kann dies gewiss auch unter großen Schwierigkeiten und Gefahren eine überaus sinnvolle Berufung sein; wenn ich allerdings schon akut mein Leben riskieren muss, um mit dieser Zielgruppe überhaupt in Kontakt kommen zu können, kann dies durchaus auch ein ernsthafter Hinweis darauf sein, dass die Zielsetzung meiner vermeintlichen „Berufung“ unrealistisch und diese daher auch nicht authentisch, sondern in tieferer Wirklichkeit eher von subtilen egoischen Motiven gespeist ist (wozu beispielsweise auch jedes Begehren nach einem „Martyrium“ zählt). Oder, vielleicht etwas weniger dramatisch: Wenn sich in meinem Leben eine Liebesbeziehung ereignet, aus der ein Kind hervorgeht, so sollte dieser Umstand durchaus als Evidenz hingenommen werden, dass ich eben nicht berufen bin, nach den derzeit geltenden Regeln katholischer Priester zu werden. (Was zwar keine Aussage über Möglichkeit oder Wünschbarkeit einer Änderung der Zölibats-Regel darstellt. Abermals gilt jedoch: Würde jemand seine Berufung definieren als „die historische Mission, die Abschaffung des Zölibats herbeizuführen“, wäre diese Berufung nicht realistisch und also auch nicht authentisch.)

b) Meine Kompetenz und Qualifikation, meine objektive Befähigung, etwas zu tun, muss evident ausreichen, ich muss in einer spezifischen Weise talentiert, (vor-)gebildet und erfahren genug sein, damit die Zielsetzung meiner Berufung als seriös gelten kann.

c) Ich muss über eine hinreichende Gesundheit verfügen, die den körperlichen und seelischen Beanspruchungen der Berufungs-Zielsetzung aller Voraussicht nach sinnvoll gerecht wird.

d) Der Rat etablierter religiöser Autoritäten zu Fragen der Lebensführung muss ernsthaft und gründlich angehört und erwogen worden sein, und falls meine individuelle Berufungswahrnehmung von deren Empfehlungen schließlich abweicht, muss dies auf der Basis einer sehr fundierten, sowohl tief verinnerlichten als auch nachvollziehbaren Begründung geschehen, und nicht „leichthin“.

5. Fundamentale Skepsis gebührt folgenden vermeintlichen, scheinbaren Kriterien, auf welche die Begründung einer authentischen Berufung sich daher NICHT stützen sollte:

a) Berufensein als „Gefühl“. „Gefühle“ sind nicht weniger egoisch als Kalküle – im Gegenteil.

b) Vernünftig benennbarer, intellektuell erkennbarer, argumentativ aufzeigbarer „Sinn“ als Maßstab. Dies führt ins Äußerliche. Authentische Berufung muss von Anfang an das „Resilienz“-Potenzial mit beinhalten, Sinnkrisen bewältigen, durchstehen und überwinden zu können. Also kann sie sich (so paradox das vielleicht auch klingen mag) nicht auf explizite „Sinn“-Konzepte gründen – sondern nur auf „implizite“, nicht „aussprechbare“ Sinn-Gefüge.

c) „Frieden“ oder „Zufriedenheit“ als Maßstab. Die Befindlichkeit innerlicher Ruhe und Stille, die sich mit einer Selbstbestimmung, Selbstverortung, Haltung oder Rolle verbindet, ist kein Kriterium für die Authentizität einer Berufung.

d) Primat von „Leistung“. Weil „Berufung“, wie schon eingangs bemerkt, ein sehr komplexes Phänomen ist, gerät ihre Authentizität unter Verdacht, wenn allzu einseitig ihre produktiven Effekte in den Mittelpunkt ihrer Beschreibung treten – so „segensreich“ für Dritte diese Effekte auf den ersten Blick auch sein mögen. Hier droht abermals Vordergründigkeit, Oberflächlichkeit.

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