Apropos Stachel im Fleisch: Worin bestand die Krankheit des Paulus?

„Ihr wisst, dass ich krank und schwach war, als ich euch zum ersten Mal das Evangelium verkündigte; ihr aber habt auf meine Schwäche, die für euch eine Versuchung war, nicht mit Verachtung und Abscheu geantwortet, sondern mich wie einen Engel Gottes aufgenommen, wie Christus Jesus.“ (Gal 4,13-14)

Wörtlich steht da: „δι’ ἀσθένειαν τῆς σαρκὸς εὐηγγελισάμην ὑμῖν, di‘ asthéneian täs sarkós euengelisámen hymîn – wegen einer Schwäche des Fleisches habe ich euch evangelisiert“, und: „πειρασμὸν ὑμῶν ἐν τῇ σαρκί μου, peirasmón hymôn en tä sarkí mou – Versuchung für euch in meinem Fleisch“.

Das ist hohe Rhetorik, aber möglicherweise gar nicht einmal eine besonders „poetische“ – beziehungsweise liegen ja wirklich gute Poesie und eine „bodenständige“ Ausdrucksweise in Wahrheit viel näher beieinander, als „hermetische Lyriker“ zu meinen pflegen. Möglicherweise ist Paulus‘ Redeweise in diesen Versen also ganz volkstümlich. Es stecken keine theologischen Geheimnisse darin: Er will sagen, dass er krank war, und zwar körperlich. Ein krankheitsbedingter Aufenthalt begründete seine erste, ursprünglich nicht geplante Missionstätigkeit bei den Bewohnern der noch relativ neugegründeten römischen Provinz Galatia, nicht allzu fern seiner Heimat.

Die „Versuchung“ für seine Zuhörer bestand darin, Krankheit im Geiste der Zeit und deren rudimentärer medizinischer Vorstellungen als dämonische Besessenheit zu interpretieren – eine Interpretation, welche die erkrankte Person in ihrem Anspruch als religiöser Verkündiger natürlich vollständig disqualifiziert und unglaubwürdig gemacht hätte.

Es muss Gründe gegeben haben, weshalb die Galater das Auftreten des Paulus anders verstanden, besser verstanden – Gründe, die nicht allein in der Überzeugungskraft des Redners lagen, sondern auch in der Art seiner Krankheit.

Mit einem paroxysmalen neurologischen Anfallsleiden hätte er keine realistische Chance gehabt, einer mehrheitlichen „dämonischen“ Deutung seines Zustandes zu entgehen. Paulus als Epileptiker zu diagnostizieren, wie von manchen angedacht wird, fällt daher historisch-kritisch tatsächlich völlig außer Betracht.

Nun ist in diesem Zusammenhang der faszinierende Passus 2Kor 12,1-10 zu betrachten:

„Ich muss mich ja rühmen; zwar nützt es nichts, trotzdem will ich jetzt von Erscheinungen und Offenbarungen sprechen, die mir der Herr geschenkt hat. Ich kenne jemanden, einen Diener Christi, der vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde; ich weiß allerdings nicht, ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es. (…) Er hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen kann. Diesen Mann will ich rühmen; was mich selbst angeht, will ich mich nicht rühmen, höchstens meiner Schwachheit. Wenn ich mich dennoch rühmen wollte, wäre ich zwar kein Narr, sondern würde die Wahrheit sagen. Aber ich verzichte darauf; denn jeder soll mich nur nach dem beurteilen, was er an mir sieht oder aus meinem Mund hört. Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Es hat keinen Sinn, aus diesem Abschnitt Einzelheiten akribisch herausgreifen zu wollen; man muss seinen Sinn im Ganzen erfassen.

„Erscheinungen und Offenbarungen“ stehen hier bezeichnenderweise im Plural. Das heißt, das berühmte „Damaskus-Erlebnis“ des Paulus mag in seiner Art singulär gewesen sein, aber er hatte noch zahlreiche weitere Erfahrungen, die zumindest in der groben Kategorie der Erfahrungsart damit ansatzweise vergleichbar sind. Er stellt diese Erfahrungen deutlich in den Kontext einer chronischen Erkrankung: Die körperliche Krankheit wird gleichsam als „Pflock“ geschildert, die den Visionär an den Boden nagelt, damit er nicht „abhebt“. Es wird also von Paulus selbst ein genuiner Zusammenhang zwischen körperlicher Krankheit und visionärer Offenbarung konstatiert. Es ist legitim, diesen Zusammenhang aus der Perspektive heutiger Medizin – die deswegen noch keineswegs eo ipso eine unreligiöse Perspektive ist! – dahingehend umzuinterpretieren, dass die Krankheitsepisode jeweils als wesentlicher „Katalysator“ für visionäre Erlebensfähigkeit wirkte.

Medizinisch spricht man in einem solchen Fall von „Delir“. Delirium ist ein Symptom mit vielen möglichen Ursachen. Was wird im Falle des Paulus die wahrscheinlichste Ursache gewesen sein, die diesen intermittierenden oder periodischen Zustand auslöste?

Diese Frage lässt sich von der Voraussetzung her beantworten, dass das Symptom des Delirs in seinem Fall notwendig stets von einem anderen eindeutigen Krankheitssymptom begleitet gewesen sein muss, welches seine Schüler nachhaltig von der Auffassung abbrachte, er sei von Dämonen besessen. Worum es sich bei diesem „Begleitsymptom“ – welches in Wahrheit das eigentliche „Kernsymptom“ war – gehandelt haben wird, ist angesichts der simplen Begriffe antiker Medizin überaus klar: Fieber.

Hohes Fieber löst Delirien aus, indem die pathologische Körperkerntemperatur die Stoffwechselprozesse blockiert. Kein Mensch der Antike nahm an, febrile Infekte seien dämonische Attacken: Zu allgegenwärtig waren sie, zu selbstverständlich wurden auch offenkundig heilige Männer und Frauen regelmäßig davon befallen und konnten daran sterben.

Der „Stachel im Fleisch“ des Paulus war also ein intermittierendes Fieber, ein „Wechselfieber“ – Malaria. Von der Malaria tropica ist überdies auch extrem abruptes Umschlagen des Bewusstseinszustandes bekannt, sodass diese Diagnose sich sogar zur Erklärung des „Damaskus-Erlebnisses“ eignet.

Die Apostelgeschichte lässt Paulus sich seine Herkunft aus der Stadt Tarsus in Kilikien zuschreiben. Dem lukanischen Verfasser gegenüber sollte man zwar immer vorsichtig sein, was dessen möglicherweise manipulative Deutung seines Materials angeht; aber den grundlegenden Fakten, die er dahinter überliefert, darf man wohl vertrauen. Tarsus liegt in einer fruchtbaren, feuchten mediterranen Küstenebene, in der Stechmücken bestens gedeihen.

Damit wäre auch diese Frage befriedigend enträtselt.

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