Aaroniden und Deuteronomisten heute

Was bedeutet die biblische Dialektik von „Aaroniden“ und „Deuteronomisten“, die, wie ich dargestellt habe, korreliert mit den unterschiedlichen Prophetie-Mustern des Süd- und des Nordreichs, sich fortsetzend im Verhältnis von Johannes dem Täufer und Jesus und schließlich zwischen rabbinischem und christlichem Judentum bzw. Christentum, – was bedeutet diese theologische Dialektik heute noch?

Eine ganze Menge!

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass sie sich jeweils auch innerhalb von rabbinischem Judentum und Christentum reproduziert hat: Es gibt heute ein „aaronidisches“ und ein „deuteronomistisches Judentum“, und es gibt heute ein „aaronidisches“ und ein „deuteronomistisches Christentum“.

Zunächst eine kurze Bemerkung zum „aaronidischen“ Grundcharakter des rabbinischen Judentums. Der präzise Grund, weshalb der Jerusalemer Tempel später nicht an anderer Stelle eingerichtet werden konnte, besteht darin, dass in den Ereignissen des Jahres 597 v.u.Z. der Verbleib der Bundeslade seiner Dokumentation entschlüpft ist. Natürlich unterscheidet sich das rituelle Erscheinungsbild einer mobilen religiösen Kultur erheblich anhand des Gesichtspunktes, ob man mit deren heiligstem Kultobjekt durch die Diaspora „wandert“ oder ohne es. Aber zum Charakteristikum der tendenziell landbesitzkritischen „aaronidischen Wanderschaft“ wurde rabbinisch eine Ritualisierung des jüdischen Lebens, die anstelle ihres verloren gegangenen Mittelpunkts im Zeltheiligtum der Bundeslade nun vor allem auf heilige Zeiten fokussiert.

Interessanterweise war es – nicht nur, aber auch nicht zuletzt – gerade die ritualisierungs-kritische, dafür jedoch tendenziell landbesitz-affirmative „deuteronomistische Reaktion“ auf diese primäre rabbinische Entwicklung, die die Rückkehr der Juden nach Jerusalem forcierte – bis hin zum Zionismus, in dem sich bevorzugt „deuteronomistische“ Bezüge zur religiösen jüdischen Kultur erkennen lassen.

Nun aber zum „aaronidisch-deuteronomistischen“ Dualismus innerhalb des Christentums.

Im Christentum haben wir es mit einer vom historischen Jesus ausgehend zunächst profiliert „deuteronomistisch“ akzentuierten Bewegung zu tun: kultkritisch und hochpolitisch.

So wie die Propheten Nordisraels 722 v.u.Z schockartig aus ihrer theologischen Fixierung auf ihr Heiliges Land hinaus gezwungen werden, so erlischt die faktische theologische Bedeutung des „territorialen“ Judenchristentums mit den katastrophalen Ausgängen der beiden großen jüdischen Revolutionswellen der Jahre 66-70 und 132-135 u.Z. Von da an entwickelt die Kirchengeschichte immer ausgeprägter „aaronidische“, liturgische, „priesterliche“ Züge. Das besondere Renommee christlicher Gerechtigkeit und Solidarität während der römischen Reichskrisenzeit des 3. Jahrhunderts beruht zwar noch weitgehend auf der „deuteronomistischen“ Ursubstanz des Christentums. Für die konstantinische Instrumentalisierung der christlichen Religion spielt dann aber zunehmend Kultordnung als hierarchisierbares Machtinstrument die entscheidende Rolle. In seiner Verfolgungszeit gewann das Christentum sein überlegenes gesellschaftliches Potenzial aus dem einen Element – um dieses Potenzial dann mit der jähen, ruckartigen konstantinischen „Wende“ gerade mittels des anderen Elementes spektakulär zu aktuieren und phänomenal auszubauen.

Der Moment, in dem die von da an immanente Spannung des Christentums erstmals zu einem offenen Bruch führt, ist die Reformation. Hier scheidet sich die Christenheit in „deuteronomistische“ Protestanten und „aaronidische“ Katholiken. Im evangelischen Territorial-, Landes- und Nationalkirchentum nimmt das deuteronomistische Moment des Landbesitzes eine neue Gestalt an, während der Katholizismus mit dem großen Trienter Gegenreformationskonzil beginnend zunehmend seinen missionarischen Internationalismus betont, der von Ferne mit „aaronidischer Wanderschaft“ korrespondiert (unbeschadet freilich des berühmt-berüchtigten „katholischen UND“, das sich daneben gleichwohl noch einen prächtigen zentralen Tempel in seinem neuen Jerusalem am Tiber gönnt).

Inzwischen gibt es eine neue Bewegung „katholischer Deuteronomisten“. Das Zweite Vatikanische Konzil war ihr erstaunlich amtliches Fanal. Ich sehe mich selbst dieser Bewegung angehören. Und ich sehe in Stimmen wie jüngst etwa der Martin Mosebachs nichts anderes als das uralte Muster des „Aaronidentums“. Wie könnte ich diese Stimme „verachten“? Bei aller Kritik: Unsere Religion, die jüdisch-christliche, lebt seit jeher aus der Dialektik dieser beiden großen Strömungen. Eine Dialektik kommt nicht zustande, wenn eines ihrer beiden Momente aus der Sicht des anderen „grundlegend nicht sein darf“. Was natürlich nicht für extreme Auswüchse gilt.

Für mich persönlich ist die spannendste theologische Frage in diesem Zusammenhang: Was ist meine Referenz auf das deuteronomistische Moment des „Landbesitzes“?

Wenn ich die Frage umformuliere in: „Wo will ich Land gewinnen?“, komme ich bei einem Bild der deutschen Sprache an, in dem „Land“ bekanntlich nicht mehr geographisch, sondern metaphorisch gemeint ist.

Ich will Land gewinnen in den Köpfen und Herzen der Menschen anstatt in der Liturgie oder in kirchlichen Institutionen und Ämtern oder auch in „christlicher Politik“; ich will Land gewinnen in tieferem Bibelverständnis anstatt in Dogmatik, anstatt in „systematischer Theologie“; in einem tieferen Bibelverständnis, das übrigens in mancherlei Hinsicht ganz anders ist als das „evangelische“: Es hat weniger Interesse an Zitaten und Stellenangaben und viel mehr Interesse am verinnerlichten Verständnis der „narrativ-dynamischen Theo-Logik der Heilsgeschichte als solcher und ganzer“ – inklusive ihrer historisch-kritischen Betrachtung ohne dogmatische Denkverbote. Von dieser Art Bibelverständnis an anderer Stelle wieder einmal mehr. Auf jeden Fall – dies hier die Konklusion – vollziehen die heutigen „katholischen Deuteronomisten“ eine ganz andere Art von Reform als die Reformatoren des 16. Jahrhunderts.

Dennoch bleibt die jüdisch-christliche Religionsgeschichte vielleicht für immer ganz notwendig als eine Dialektik von „Aaroniden“ und „Deuteronomisten“ zu beschreiben.

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