Viel Lärm um Aleida Assmann

Der aktuelle Assmann-(Mbembe-)Streit trägt für mich den deutlichen Zug eines Indizes, dass auch bislang als seriös bekannte Gesellschaftswissenschaftler nun zunehmend der allgemeinen Tendenz der gegenwärtigen soziokulturellen Dynamiken erliegen, alle (ehedem) sachlichen Urteilsstandpunkte in emotional und ideologisch hoch aufgeladene persönliche Identifikatoren umzuformen.

Warum denn sollen Nichtjuden überhaupt keine Meinung zu jüdischen Belangen öffentlich äußern dürfen? Warum denn soll Kritik am Staat Israel, die strukturell der Kritik an der Politik anderer Staaten vergleichbar ist, grundsätzlich nicht von Antisemitismus unterschieden werden dürfen? Diese implizit und manchmal sogar explizit geäußerten Forderungen sind unbefangen besehen absurd, und das Irritierende daran, dass sie von manchen akademisch Geschulten heute überhaupt aufgestellt und vertreten werden, lässt meines Erachtens nur eine Erklärung zu: Höchstpersönliche gedankliche Identitätssuche überlagert inzwischen in krassem Maße ubiquitär alles andere – gelegentlich sogar die berufsakademische Selbstverpflichtung auf wissenschaftliches Objektivitätsbemühen und die nüchterne Vernunft derer, die in dieser Vernunft formell qualifiziert sind.

Was man relativieren muss, taugt nicht mehr als Panier. Zuordnungen, die man differenzieren muss, erlauben keine befriedigenden Feindbilder mehr. Auch das Milieu der berufsmäßigen Intellektuellen ist inzwischen in erschreckendem Ausmaß von diesem polemischen Wahn ergriffen. Das ist zwar kein noch-nie-dagewesenes Phänomen – aber immer, wenn es geschichtlich auftrat, war es ein Vorbote schwerster globaler Mehr-Ebenen-Krisen.

Ich möchte nicht einzelne Formulierungen im momentanen Gelehrtenstreit um die Äußerungen von (zentral) Aleida Assmann bekritteln – bei denen es manchmal offenkundig von nichts anderem mehr als vom individuellen Wohl- oder Übelwollen abhängt, ob man darin „Antisemitismus“ findet oder nicht -, sondern ich möchte das große Ganze des Problems im Blick behalten, das sich mit und hinter dieser Debatte verrät.

Ein traditionelles und, was besonders bemerkenswert ist, auch nach dem Holocaust nicht ersticktes Charakteristikum der jüdischen Geisteswelt, das mich schon immer sehr angesprochen hat, wird skizziert durch das einigermaßen bekannte Bonmot, es sei schon ein Staunen wert, dass das Judentum ein so konkret greifbares kulturelles Phänomen sei, obwohl es doch „schwer sei, zwei Juden zu finden, die über irgendeinen Gegenstand derselben Meinung sind“. In nichts drückt sich für mich vortrefflicher eine echte souveräne Identität aus. Die gesamte geistige Hefe der derzeitigen erhitzten Debatte um Frau Assmann et al. ist von dieser Qualität leider Welten entfernt.

Innerhalb wie außerhalb der jüdischen Welt gleichermaßen scheint es derzeit eine beträchtliche Anzahl öffentlich-medialer Debattenteilnehmer zu geben, deren Haltungen und kommunikative Verhaltensweisen des Reflexionsimpulses, den ich hiermit zu geben mir erlaube, dringend bedürfen.

Freilich ist für mich klar: Wer noch nie auch nur probativ zu dem innerlichen Punkt vorgedrungen ist, seine wahre Identität in einer ganz anderen Seins-Dimension zu suchen als in der jeglicher Gedanken und Meinungen, welchen Inhalts auch immer, wird kaum in der Lage sein, diesen meinen Reflexionsimpuls ergiebig zu rezipieren. Damit kommt wiederum die Spiritualität ins Spiel – die natürlicherweise kein Gegenstand des wissenschaftlichen Bewusstseinshorizonts als solchen ist.

Sondern die bestenfalls Teil des persönlichen Horizonts einzelner Wissenschaftler werden kann. Dass letzterer Fall an Häufigkeit kontinuierlich zunimmt, bleibt zu hoffen.

Fronleichnam – nicht immer; Gastein – überall

„Heute“ vor genau 140 Jahren malte Adolph von Menzel die Fronleichnamsprozession in Hofgastein. Das Bild ist eines der großen Meisterwerke der Malerei, es befindet sich in der Münchner Neuen Pinakothek, wo es mich schon als vielleicht zehnjähriges Kind kulturbeflissener Eltern immer wieder besonders ansprach.

Der Name „Bad Gastein“ ist zweifellos bekannter als „Hofgastein“. Hofgastein ist der alte Ort im Salzburger Pongau. Durch und um die ihm nahegelegenen Heilquellen entwickelte sich seit dem sechzehnten Jahrhundert ein therapeutischer Badebetrieb, der im neunzehnten Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte und seitdem immer stärker mit dem traditionellen dörflichen Leben Hofgasteins in ein soziales Spannungsverhältnis zu treten begann. Das internationale städtische Kur-Publikum des vorgerückten neunzehnten Jahrhunderts warf auf das lebendige katholische Brauchtum der Pongauer jene wenig respektvolle, amüsierte Art von Blick, mit der man „Folklore“ betrachtet, einen Blick, der ein beträchtliches Verletzungspotential enthält gegenüber allem, was sich nicht selbst leichthin als „bloßes Brauchtum um des Brauchtums willen“ verstehen möchte.

Das im dreizehnten Jahrhundert erfundene Fronleichnamsfest ist als Zelebration der Transsubstantiationslehre das „Ideenfest“ par excellence, eine doktrinär gesteigert aufgeladene Selbstverklärung der hochscholastischen Sakramententheologie. Ausgerechnet diese extreme theologische Abstraktion wurde im neunzehnten Jahrhundert zum Kristallisationspunkt der konfessionellen Selbstidentifikation eines unakademischen religiösen Milieus – und ein frühmodernes großbürgerliches Milieu, das sich der Begrenztheit seines eigenen kulturellen Horizontes nicht bewusst war, welcher sich bei Menzel symbolisch in der bräsigen Leibeswohlergehens-Zentriertheit affluenz-behäbig inszenierten Thermalbadens erschöpft, machte sich in der felsenfesten Überzeugung seiner inkommensurablen Überlegenheit über die vermeintlich rückständige „ländlich-bäuerliche Aberglaubens-Kultur“ lustig, ohne objektiv betrachtet genügend Grund zu solchem Dünkel zu haben.

Genau diese subtile Wahrnehmung fängt Menzels bahnbrechender Realismus in dem Gemälde von 1880 bildhaft ein: Von links oben aus dem Hintergrund kehrt die Fronleichnamsprozession zur Dorfkirche zurück; auf halber Höhe des Bildes biegt sie zum Gotteshaus hin ab, dessen Eingang am rechten Rand zu erkennen ist; knapp links der Bildmitte trägt der Priester die Monstranz unterm Baldachin; er hat sie aber nicht allzu hoch erhoben, sondern beugt sich fast eher wie schützend über sie; während vor ihm schon einer der reich geschmückten Fahnenträger den Flaggenstock gesenkt hat, um durch den Torbogen des Kirchhofsgatters eintreten zu können. Im Vordergrund rechts ist die Gruppe der als Gäste zur Kur weilenden „Kosmopoliten“ zu studieren, die das Ereignis sichtlich ohne jede seriöse Anteilnahme wie ein seichtes Unterhaltungsangebot in der Langeweile ihres Genesungsaufenthaltes (aufgrund welcher mehr oder weniger eingebildeten Leiden auch immer) registrieren; mindestens eine dieser Personen quittiert das Schauspiel sogar mit einem Gesichtsausdruck unverkennbaren Hohns und mit einer ostentativ flegelhaften Haltung; dieser dandyhafte Mann, in seinem schönen hellbraunen Sommeranzug gleichsam ungebührlich die rechte Bildmitte okkupierend, ist zudem die einzige Gestalt, die den Maler direkt anblickt, indem er sich vom soeben relativ dicht an ihm vorbeigetragenen Sakrament in provokativem Desinteresse abwendet.

Neben ihm steht nur noch ein weiterer Repräsentant der Zugereisten näher am religiösen Geschehen; dieser, etwa gleichen mittleren Alters wie der Vorige, in einen hellen grauen Anzug gekleidet, wendet sich zwar in einer würdevollen Gebärde kühler Höflichkeit dem vorüberschreitenden und ohne eine Aura frischer Leichtigkeit, wohl erschöpft, soeben einige Stufen des Kirchhügels erklimmenden Priester zu – aber auch der Blick dieses „diplomatischeren“ distanzierten Zeugen richtet sich nicht auf die in den Händen des Geistlichen ausgestellte Hostie, sondern der Kopf dieses Besuchers ist zur Seite gewendet und betrachtet etwas, das sich gleichzeitig im linken Vordergrund des Bildes darbietet.

Dort nämlich sieht man, für den Bildbetrachter in Rückenansicht, zwei trotz ihrer Zerlumptheit an den dürftigen Rudimenten ihrer Bauerntracht als einheimisch erkennbare Männer, einen alten und einen jungen, vielleicht Vater und Sohn, der Ältere auf Krücken mit einem schwer untüchtigen, verbundenen Fuß, der Junge trotz des hohen Feiertages barfuß vor dem Allerheiligsten kniend – zu offensichtlich ist, dass er keine Schuhe besitzt, geschweige denn einen Festtagsrock. Der im grauen Anzug ist gewillt, dem ihm fremden Kult mit einigem echt aufmerksamem Wohlwollen beizuwohnen – aber der ihm nicht entgehende Anblick der marginalisierten Armut am Rande des Prozessionsweges lenkt ihn ab, und die stille Empörung kann in ihm nicht fern sein darüber, dass hier zwei, denen es offenbar um ihren Gottesglauben ernst ist, sich aufgrund des Stigmas ihrer materiellen Bedürftigkeit vom Rest ihrer frommen Gemeinde wie Aussätzige absondern zu müssen meinen, was die drängende Frage aufwirft, ob diese unglückliche Familie ihr separatives Verhalten aus reiner schamerfüllter Subjektivität an den Tag legt, oder ob nicht die stolze katholische Bauerngemeinde womöglich sehr wenig dazutut, diese Armen vom Gefühl ihrer krassen Ausgeschlossenheit zu entlasten.

Für mich ist und bleibt Menzels „Fronleichnamsprozession in Hofgastein“ ein aufwühlendes Bild, das ein ganzes Panorama an Kontroversen zwischen verschiedenen Perspektiven auf ein dem ersten täuschenden Blick problemlos-frühsommerheiter erscheinendes Geschehen meisterhaft bündelt. Der längst berühmte Maler der Hofgasteiner Szene von 1880 war ein zu diesem Zeitpunkt bereits fünfundsechzigjähriger, durch und durch von preußischen Idealen bestimmter Protestant, der nie zuvor mit einem ähnlichen Thema an die Öffentlichkeit getreten war. Virtuos unaufdringlich-eindringlich prangert er in seinem Bild die Unmenschlichkeit eines starren Ritualismus ebenso an wie die unerträglich blasierte Ignoranz all jener, die, auf wackeliger Grundlage welcher ideologischen Rationalisierungen auch immer, alle „gleichermaßen schnell fertig sind mit dem Geheimnis Gottes“, wie Tomáš Halík es einmal (am Anfang seines erfolgreichsten Buches) treffend formuliert hat. Menzels Bild erinnert uns daran, dass die Probleme, die die traditionelle christliche Kirchlichkeit in unserer eigenen Zeit am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts endgültig zu pulverisieren scheinen, bereits vor anderthalb Jahrhunderten erkennbar begonnen haben – und dass schon damals ein beobachtungsgeübtes Auge erkennen konnte, dass wesentliche Ursachen dafür von beiden Seiten beigesteuert wurden, von der kirchlichen wie von der weltlich-kulturellen Seite gleichermaßen.

Man kann nur hoffen, dass der Branca-Bau der Neuen Pinakothek, der derzeit aufwändig renoviert wird, bald wieder viele Menschen zur Meditation vor Kunstwerken wie diesem einladen möge, die uns typischerweise im Spiegel des geschichtlich radikal kontingenten Miniaturhaften, das sie vorführen, überraschende und berührende Einsichten in unser eigenes gegenwärtiges menschliches und gesellschaftliches Dasein zu eröffnen vermögen.

Pest und Mystik

Der prominente tschechische Theologe Tomáš Halík hat in seinem Statement zur Corona-Krise („Christentum in Zeiten der Krankheit“) erwähnt, wie der spätmittelalterliche Quantensprung der Mystik durch das Abendländische Schisma zwischen den römischen und den avignonesischen Päpsten (1378-1417) katalysiert wurde: Die beiden Päpste belegten die Anhängerschaften des jeweils anderen mit dem Interdikt, dem Verbot gottesdienstlicher Handlungen als Strafe für Verstöße gegen das Kirchenrecht; infolgedessen fanden damals europaweit vielerorts keine Gottesdienste mehr statt – und dies wiederum zog eine beträchtlich dynamisierte Entwicklung der christlichen Mystik als einer verinnerlichteren Form der Gottesbeziehung nach sich.

Halík verwendet diese historische Reminiszenz mit Blick auf die hygienischen Kirchensperrungen des Frühjahrs 2020 als ein Zeichen für die besonderen Chancen der Mystik in Zeiten eines zurückgedrängten Formalismus der Religion. So sehr mich dieser Gedanke spontan anspricht, muss man doch noch einmal genauer hinter Halíks Argument blicken:

Das späte vierzehnte Jahrhundert war die düstere Epoche einer mindestens doppelten europaweiten Katastrophe, von der das Abendländische Schisma nur die eine, reiner kulturelle Hälfte bildete. In der Folge des Jahres 1347 hatte die große Pest, der „Schwarze Tod“, möglicherweise fast die Hälfte der gesamten europäischen Bevölkerung dahingerafft – ein vermutlich auch innerhalb einer spezifischen Weltgeschichte der Pandemien beispielloses Ereignis.

Dem Historiker muss ins Auge stechen, wie Halík als Illustration eines Manifestes, das die Gegenwart der Corona-Krise thematisiert, das vierzehnte Jahrhundert evoziert, ohne dabei dessen am meisten gestaltgebendes Hyper-Ereignis der Pest in den Blick zu fassen, obwohl dieses sich dem Epochen-Vergleich doch mehr als anzubieten scheint. Das wirkt geradezu wie eine Ellipse oder Aposiopese.

Wir können das Wesen der verschiedenen möglichen tieferen Zusammenhänge zwischen der Pest von 1347 und dem dreißig Jahre späteren Abendländischen Schisma nicht zuversichtlich behaupten. Vermutlich ist es kein Zufall, dass die zweite Pest-Generation mit der schon seit 1309 bestehenden avignonesischen Herausforderung des Papsttums weniger diplomatisch subtil und geschickt umging als zuvor, wo man ein entsprechendes Schisma zunächst trotz aller Probleme fast siebzig Jahre lang noch vermieden hatte. Es ist nicht abwegig, die vergleichsweise unbeherrschteren Konfrontationen von 1378 auf einen allgemeinen Kulturwandel zum Gröberen zurückzuführen, der seinerseits wiederum auf vielfältigen Wegen den Folgen der Pest zuzuschreiben ist (z.B.: „durchschnittlich jüngere und weniger selektierte Verantwortungsträger, da sozusagen nur noch eine halb so große Grundgesamtheit als Grundlage für die Personalauswahl vorhanden“ – ich verweise hierzu auf das Buch von David Herlihy „The Black Death and the Transformation of the West“, 1997). Streng wissenschaftlich betrachtet bleiben solche Zusammenhänge jedoch allesamt Spekulation.

Diese Überlegung kann trotzdem für die Gegenwart und ihre Auseinandersetzung mit Halíks Impuls als fruchtbare Denkanregung dienen: Möglicherweise gibt es gar keine direkte, „simple“ Verbindung zwischen einer Pandemieerfahrung und einer Blüte der Mystik – wohl aber eine Verkettung über ein Zwischenglied, nämlich über die komplexen soziokulturellen Folgen einer Pandemie.

Weshalb könnte diese Überlegung für uns wichtig sein? Wer, wie ich und viele andere, hoffnungsvoll erwartet, dass die Menschen „nach Corona unmittelbar (wieder) spiritueller“ werden, riskiert möglicherweise aufgrund Naivität eine unnötige Frustration – oder auch ein wirkungsloses vorschnelles „Verschießen seines intellektuellen Pulvers“: Es kann nämlich sein, dass aufgrund der Corona-Krise zwar sehr wohl eine neue Stunde der Spiritualität (und insbesondere eine neue Stunde der Mystik in der Spiritualität) schlägt – aber vielleicht erst in fünf oder zehn Jahren, wenn die besagten eigentlich soziokulturellen Folgen sich zu entfalten beginnen, die sich bedeutend langsamer fortpflanzen als Viren – sogar noch langsamer als die globalökonomischen Domino-Effekte von Shutdowns und Lockdowns.

Dass es ganze dreißig Jahre werden könnten (wie hypothetisch-symbolisch zwischen 1347 und 1378), das erwarte ich persönlich dann allerdings doch eher nicht.

Nachtrag zum Thema „Rechte und Verschwörungstheoretiker“ (siehe vorheriger Beitrag)

Meine Frau hat mich soeben darauf hingewiesen, dass es neben den „Rechten“ und den „Verschwörungstheoretikern“ vermutlich noch eine (zumindest aus deren eigener Sicht völlig andersartige) dritte Gruppe gibt, die jetzt gegen die staatlichen Anti-Virus-Maßnahmen demonstriert: die Ignoranten, die sich einfach nicht vorstellen können, dass es ein gefährliches Virus gibt, das sie nicht sehen können und an dem auch noch keiner, den sie persönlich kennen, gestorben ist. Meine Frau äußerte die Vermutung, diese dritte Gruppe sei eigentlich sogar die bei weitem größte. Interessant und bedenkenswert. Allzu viel Interessantes zu sagen oder zu schreiben gibt es über Ignoranz allerdings nicht.

Sind alle Rechten und Verschwörungstheoretiker „einfach blöd“? Nein, es ist (etwas) komplizierter

Wenn man einem Fünfjährigen das Versprechen abnimmt, etwas Unerwünschtes nicht mehr zu tun, mag man für einen ruhigen pädagogischen Moment vielleicht nicht ganz zu Unrecht glauben, auf die Vernunftfähigkeiten des Kindes bereits bis zu einem gewissen Grad bauen zu können; aber sobald er das nächste Mal mit einer Bande Gleichalteriger in „Tobsucht“ gerät, kann sein Versprechen sehr leicht wieder völlig vergessen sein, wie der Junge selbst hinterher womöglich ganz treuherzig bekennt: Der soziale und stimmungsmagische Einfluss mancher Situationen ist einfach zu stark, als dass das moralische Gedächtnis ihm Widerstand leisten könnte. Alle Eltern kennen dieses Phänomen. Es hat natürlich mit der Unreife des Kindes zu tun, nicht mit schlechtem Charakter.

Wenn sich (und mich) dieser Tage viele fragen, ob denn alle, die derzeit in die abstrusesten Verschwörungstheorien verfallen oder sich überraschend und völlig unerwartet in ihren Äußerungen auf diffuse Weise als „politisch rechts“ entpuppen, „blöd“ sind, dann fällt mir als Antwort nur der Verweis auf mein Beispiel mit dem Fünfjährigen ein; mit anderen Worten, ich glaube, die Sache hat vielmehr etwas mit einer Dimension der Persönlichkeitsentwicklung und -festigung zu tun, die weit über die Dimension unseres primären landläufigen Verständnisses von „Intelligenz“ – „blöd oder schlau?“ – hinausreicht.

Ich sehe Verschwörungstheorien und politische ausgesprochen „rechte“ Positionen (mit einer definitorischen Grenze dicht jenseits der CSU und knapp diesseits der AfD – Kusshändchen, Markus S.!) grundsätzlich als Ausdruck einer „Persönlichkeitsunsicherheit“ an. Dieser Eindruck verstärkt sich gerade in bisher nie dagewesener Klarheit durch die derzeit zunehmende Offensichtlichkeit der engen natürlichen Verbindung zwischen „verschwörungstheoretisch“ und „rechts“.

„Schuld“ an dem, was in den betreffenden Köpfen und Seelen vor sich geht, ist nur in einer Minderzahl der Fälle ein Mangel an genetisch veranlagter Intelligenz; auch nicht übermäßig häufig ein biographisches Defizit beim früherzieherischen oder schulischen Erlernprozess der grundsätzlichen methodisch richtigen Gebrauchsweise der Vernunft; sondern in den weitaus meisten Fällen meines Erachtens vielmehr etwas auf ganz andere Weise zu Beschreibendes, nämlich eher so etwas wie eine Schwäche in der Verankerungstiefe des tatsächlichen situativen „Einsatzes“ der Vernunft, der nicht stabil genug in der Persönlichkeit befestigt ist. Siehe Fünfjähriger: „Es beißt einfach aus“ mit der Vernunft, in bestimmten Situationen. Bei einem Erwachsenen fragt sich da natürlich: Wie kann das in diesem Alter immer noch passieren?

Nun, es ist keine Frage des Alters, sondern nach meinem Dafürhalten wesentlich eine Sache von „Traumata“, oder, weniger klinisch gesprochen, einfach von „Schocks“.

An dieser Stelle möchte ich vorausschicken, dass es mir bei meinem hier ja ganz offensichtlich vollzogenen „Psychologisieren“ der betreffenden weltanschaulichen Positionen nicht darum geht, diese zu „pathologisieren“. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Dazu ein sehr kurzer, aber sehr grundsätzlicher Ausflug in die Philosophie: Diese vermag nicht überzeugend zu entscheiden, ob es einen „freien Willen“ im Menschen gibt oder nicht – aber eine lebenspraktische Feststellung lässt sich zu diesem Thema dennoch zweifelsfrei treffen, nämlich dass wir zwangsläufig so leben müssen, „als ob“ es einen freien Willen gäbe, weil die gegenteilige Annahme schlicht keine realistische Basis für eine funktionierende menschliche Gesellschaft bildet. „Verschwörungstheoretiker“ und „Rechte“ müssen also ungeachtet der massiven psychologischen Probleme, die ihren Äußerungen sehr wahrscheinlich zugrundeliegen, für ihre Weltanschauungen trotzdem klar in die Verantwortung genommen werden. Wir sind alle nur Menschen, und anders geht menschliches Miteinander eben nicht. (Genau darüber sollten wir übrigens auch nochmal gründlich reden, solange sich bei uns Strafrichter nahezu regulär von psychologischen Gutachtern „kastrieren“ lassen – oder war das jetzt etwa eine „rechte“ Äußerung? Ich behaupte nein; sondern das Recht auf ein Gerichtsurteil, das uns nicht pathologisiert, sondern uns für „sühne-satisfaktionsfähig“ erklärt, ist ein wichtiger Teil unserer Menschenwürde. Aber das ist ein eigenes umfangreicheres Thema, das wir hier für den Moment beiseite lassen wollen.)

Trotzdem: Wir sollten nicht verkennen, meine ich, dass unsere derzeit aufblühenden „Verschwörungstheoretiker“ und „Neu-Rechten“ (die man passender- und ironischerweise fast als die nächste historische Welle von „Märzgefallenen“ bezeichnen könnte) maßgeblich Opfer eines „Traumas“ oder jedenfalls eines „Schocks“ sind, die eine Persönlichkeits-Instabilität in dieser kruden Form offenbaren. Anders gesagt: Warum war ein Heidegger Nazi? An seiner „Intelligenz“ lag es ja sicher nicht.

Interessant ist nun: Bei uns bestand dieses „Trauma“, dieser „Schock“ ja bisher in nicht mehr als höchstens acht Wochen Ausnahmezustand, in denen den weitaus Meisten von uns zudem ja effektiv nicht viel wirklich Schlimmes zugestoßen ist. Im Grunde nur relativ wenige von uns haben beispielsweise bisher durch die Seuche enge Angehörige in einer jähen Weise, auf die sie nicht vorbereitet waren, „mitten aus dem Leben heraus“ verloren. Die aktuellen enormen Zulaufzahlen von Verschwörungstheorien lassen sich mit solchen „handfesten“ Schicksalserfahrungen jedenfalls eindeutig nicht erklären. Die Gründe dafür müssen viel stärker im Inneren, in reinen Binnen-Zusammenhängen der Psyche der Betreffenden liegen. Im Falle eines solchen Massenphänomens muss man angesichts dessen gewiss die Frage stellen, inwieweit ein kultureller Zustand an diesem Phänomen mitbeteiligt ist.

Heideggers Generation hatte den Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise ab 1929 hinter sich, als sie scharenweise den Nazis in die Arme lief – und bei uns reichen, mal sehr provokativ formuliert, bereits sechs oder acht Wochen „nationaler Sonderurlaub“, damit „alle durchdrehen“? Ich will die Belastungen der letzten zwei Monate nicht kleinreden; aber der Vergleich ist dennoch frappierend. Was, bitte, hat denn da soeben innerhalb von zwei Monaten bereits ausgereicht, in gewissem Sinne ein Volk als solches zu „schocken“ oder gar zu „traumatisieren“?

Sind wir im Laufe der letzten 65 Jahre „luxuskrank“ geworden? Leiden wir inzwischen an „Affluenza“ mehr, als wir je wieder unter irgendeiner Influenza leiden werden? Besteht diese Krankheit darin, dass wir kaum noch Resilienz-Ressourcen gegen echte (nicht nur boulevard-philosophisch herbeigeplapperte) Krisen haben? Besteht sie gleichsam in einer „moralisch-kulturellen Immunschwäche“ aufgrund eines jüngsthistorischen Mangels an „Zwischenfalls-Erfahrung“? Diese Fragen lassen sich im Mai 2020 nicht von der Hand weisen.

Übrigens: Eine Persönlichkeitsentwicklung, die den tatsächlichen Einsatz der individuell verfügbaren Vernunft stabil in der jeweiligen Persönlichkeit verankert und gewährleistet, sehe ich als notwendig in Spiritualität gründend an. Für mich ist, „natürlich wieder einmal“, das, was ich „echte Spiritualität“ nenne, der Schlüssel sowohl zur Erklärung wie auch zur Lösung des Problems.

Eine andere Art von Geschichte

Ich habe das Thema neulich schon touchiert: Auch unser Bild von der Geschichte könnte sich infolge der Coronavirus-Krise verändern – und zwar schlicht indem sich der Aufmerksamkeitsfokus unseres historischen Interesses verändert. Bisher waren unsere dominierenden geschichtlichen Fragestellungen sehr stark von der Erläuterung politischer Hergänge geprägt. Damit gewinnt nahezu automatisch die jeweils jüngere Geschichte Übergewicht gegenüber der jeweils älteren: Politisch ist immer das erst kürzlicher Vergangene einflussreicher als das schon länger Vergangene.

In dem Geschichtsunterricht, den ich am Gymnasium „genoss“, habe ich das in den frühen Neunzigerjahren sehr deutlich gespürt: Damals trumpfte das Fach Geschichte immer noch mit imponierendem Wissensballast auf – aber die „Geschichte“ begann selbst am vollhumanistischen Münchner Wittelsbacher-Gymnasium im Grunde erst mit der Französischen Revolution. Unsere Geschichtslehrer waren damals fast alles angehende Alt-Achtundsechziger mit der typischen Fächerkombination „Deutsch-Geschichte-Sozialkunde“, die ihnen ebenso als Nonkonformisten-Uniform zu Gesicht stand wie ihre obligatorische Blue Jeans, mit der sie sich von den braunen Anzügen und immer noch häufig anzutreffenden Krawatten der Altphilologen absetzten – und offensichtlich waren es die ganz ihren Krawatten entsprechend reichlich anwesenden Altphilologen, die von den „D-G-Sk“-lern nonchalant als für alles vor dem Sturm auf die Bastille Passierte für fachlich zuständig erachtet wurden; ein unausgesprochenes „Divide-et-impera“, bei dem de facto weite und auch wirklich wesentliche Teile der richtig, das heißt universal verstandenen Geschichte notorisch unter den Lehrertisch fielen.

Als Sohn eines passionierten Mediävisten trieben mich diese didaktischen Verhältnisse zur Verzweiflung und zum inneren Widerstand – entsprechend gemäßigt fielen meine schulischen Geschichtsnoten einzig und allein aus diesem Grund aus. Nichts gegen Hitler und den Zweiten Weltkrieg (als Thema geschichtlicher Studien); aber selbst die erstrebenswerte Verhinderung einer Wiederkehr von Ähnlichem wird nach meinem Dafürhalten tatsächlich nicht so sehr vom Auswendiglernen (sozusagen) jeder einzelnen Sondermeldung des Volksempfängers zwischen 1933 und 1945 unterstützt als vielmehr von einem fundierten Gesamt-Geschichtsbild.

Diesbezüglich wittere ich jetzt Morgenrot. Corona macht’s möglich (wie Corona derzeit überhaupt alles möglich zu machen scheint). Meine Erwartung an Corona – jedenfalls die, die ich hier gerade zu formulieren im Begriff bin – halte ich allerdings für vergleichsweise bescheiden und daher für realistisch: Corona könnte dazu führen oder jedenfalls dazu beitragen, dass wir uns wieder mehr für Geschichte in ihrem wahren und wahrhaft bildenden Ganzen interessieren. Denn die Geschichte, auf die die Corona-Erfahrung reflektiert, ist ausnahmsweise mal keine politische – und somit keine, die unseren Blick reflexartig bloß auf die jüngere und jüngste Geschichte einengt.

Die Pandemie verweist unsere Weltverstehensbegierde auf frühere Pandemie-Ereignisse und deren eigentümliche gesellschaftlich-kulturelle Kontexte und Syndrome – und die sind nicht einfach umso relevanter, je jünger sie sind. Damit kommt plötzlich der exorbitante „Schwarze Tod“, der 1347 ausbrach, neu in den Blick; aber auch die Pestwelle, die genau am echten Beginn der „Neuzeit“ 1665/66 London dezimierte und 1678/79 in Wien wütete; die fünf Wellen des durch die heutige Medizin bislang nicht näher identifizierten „Sudor Anglicus“, des „Englischen Schweißes“ von 1485 bis 1551 mit seiner nordeuropäischen Ausbreitung in der Welle von 1528/29, ein Begleitphänomen der Renaissance und Reformation; die „Antoninische Pest“ (das Debut der Pocken?) unter Mark Aurel, zeitgleich mit den ersten Vorboten der Völkerwanderung, und daher von zutiefst metamorphotischer Wirkung auf das Römische Reich (165-180); und nicht zuletzt die Justinianische Pest, wahrscheinlich „die“ schreckliche spätantike Premiere einer „globalen“ Pandemie, mit ihren spektakulären 15 bis 17 Wellen in Abständen von 15 bis 25 Jahren zwischen 541 und 770 (deren Erreger übrigens 2013 ausgerechnet anhand eines Gräberfeldes in Aschheim bei München, fünf Minuten von meinem Wohnort entfernt, nachgewiesen wurde). Jedes dieser Mega-Ereignisse fiel in eine auch aus anderen Gründen bereits spektakulär bewegte Epoche, und zeitigte seinerseits wiederum schwerwiegende historische Folgen.

Ein ungleich (wieder-)bereichertes Panoptikum unterschiedlichster, aber „allemal menschlicher“ historischer Welten lockt also, wenn die Fragen nach solchen Zusammenhängen jetzt womöglich mit einem Mal anfangen, unser in den letzten Jahrzehnten im Grunde arg reduziert gewesenes „Breiten“-Verständnis von „Geschichte“ stärker zu bestimmen und zu prägen.

Eisheilige

„Das ganze Klima spinnt, alles krisenhaft durcheinander – aber auf die Eisheiligen ist Verlass!“ – „Mei – sind halt Katholiken…“

Genau: Heiß im Herzen, wo andere kaltherzig sind – aber im Verstand cool wie heilige Eiszapfen, wenn anderen die Köpfe zu heiß werden. Genau wie in der Corona-Krise.

Naja, mit Ausnahme von ein paar Kardinälen…

„Was wäre, wenn…?“

Alle großen spirituellen Meister lehren es, und auch schon jeder beliebige bescheidene, aber echte Meditationslehrer sagt es: „Nicht denken!“

Ich bin überzeugt, an diesem richtigen Prinzip gäbe es eigentlich ein weites Feld an Differenzierungen vorzunehmen. Man könnte, sollte, müsste verschiedene Arten von Gedanken bestimmen und deren spirituellen Energiegrad jeweils einzeln untersuchen. Der spirituelle Sinn oder Unsinn eines bestimmten Gedankens hängt dabei freilich immer von der einen, selben Voraussetzung ab, inwieweit ein Mensch bereits ein „Grund“- und „Gesamt“-Bewusstsein entwickelt hat, das an sich nicht gedanklich ist. Insofern haben all die mehr oder weniger prominenten Spiritualitäts- und Meditationslehrer natürlich grundlegend recht mit ihrer vorherrschenden simplen Empfehlung, „nicht zu denken“. Genauer gesagt: Alles Weiterführende thematisieren sie zurecht nicht in ihren öffentlichen Vorträgen für „Anfänger“. Zunächst einmal ist zweifellos ein grundlegendes nicht-gedankliches Bewusstsein erforderlich – dieser „Gedanke“ ist den meisten Menschen schon fremd genug. Und deshalb mache auch ich selbst mir nicht die Mühe, die empfohlene differenzierte Gedankenarten-Analyse tatsächlich durchzuführen, sondern beschränke mich darauf, auf ihren potenziellen Sinn hinzuweisen. (Wenn die Philosophie mal so weit ist, dass sie sich – wieder – mit Spiritualität befasst, dann wird das eine genau passende Aufgabe für Philosophen sein.)

„Was-wäre-wenn“-Gedanken zum Beispiel können hilfreich sein für diejenigen, die schon ein gewisses Maß an echt spirituellem Bewusstsein entwickelt haben – aber nicht für all jene, auf die das noch nicht zutrifft. Für die Spirituellen sind die „WWW“s (potenziell) eine in ihrer spekulativen Dynamik bewusst im Zaum gehaltene Meditation, die ihr Bewusstsein insgesamt schärft. Für geistig anders Disponierte hingegen sind sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein fieser Seelen-Torpedo. Spirituelle haben in dieser Welt nicht den Auftrag, Torpedos zu starten. In diesem Sinne bitte ich alle Nicht-Spirituellen, von den folgenden Gedanken mindestens einsfünfzig Abstand zu halten:

Was wäre, wenn jetzt (Perspektive Mai 2020; sagen wir, Anfang Juni 2020) die – der Definition „Pandemie“ gemäß ja ganz unvermeidliche – zweite Welle des Coronavirus anbrandet und sich nicht als eine, wie wir alle hoffen, abgemilderte, sondern als ein Ereignis von beträchtlicher medizinischer Wucht herausstellt? Wenn all die derzeit gerade dem (posttraumatischen) Verschwörungswahn Verfallenen sich einer abrupten Wieder-Verschärfung der soeben in gnädiger einstweiliger Lockerung befindlichen staatlichen Anti-Virus-Auflagen aggressiv zu widersetzen beginnen und in diesem Zusammenhang vielleicht erste Schüsse aus Polizeipistolen fallen? Autsch. Wenn die Börsenkurse wieder Skispringen gehen – aber am Ende der Schanze keine staatlichen Geldsäcke als sturzpolsternder vergoldeter Kunstschnee mehr auf sie warten, weil dafür dieses zweite Mal keine neuen Milliardenressourcen mehr locker verfügbar sind, da inzwischen auch all unsere potenziellen ausländischen Gläubiger begriffen haben, dass sie uns nichts mehr leihen können; und wenn wir nicht mehr wissen, wo wir im Ausland einkaufen sollen, was unser Lebensstandard so dringend benötigt, und auch nicht mehr, wer uns unsere teuren Exporte abkaufen soll? Autsch. Und wenn sich genau dann auch noch unsere Krankenhäuser stärker mit Atemnötigen füllen als bei der in Deutschland unverhältnismäßig gnädig abgelaufenen ersten Welle?

Dieser spekulative Gedanke, den der „spirituelle Denker“ nüchtern als eine sehr „realistische Spekulation“ erkennt, und die für ihn zuverlässig den direkten Zweck erfüllt, seinen Geist sehr demütig, sehr still und sehr präsent zu machen, ist für all diejenigen, die noch kein ernstzunehmendes Verhältnis zu echter Spiritualität entwickelt haben, stattdessen eine hässliche Zumutung, die projektive Panikgefühle auslöst – ein psychomentales (und in der Folge auch soziales) Syndrom, das man ihnen nicht absichtlich zumuten muss; sie werden auf einen solchen Gedanken bloß mit Ärger reagieren, mit ihrem typischen „Was soll das?“, das sie erzürnt aufbrausend gegen alles schleudern, was sie partout nicht hören wollen. Mit welchem Recht will man ihnen Stiche versetzen, als gäbe es eine moralische Berechtigung zu nicht bloß streng situativen, sondern pauschalen Provokationen?

Liebe Spirituelle, lasst es bleiben – ihr müsst Menschen, die noch nicht an eurem Punkt der spirituellen Entwicklung angekommen sind, solche „brennbaren“ Gedanken nicht zumuten. Sie überfordern sie. Diese müssen erst einmal die grundlegende Lektion von der generellen Bevorzugbarkeit des Nicht-Denkens lernen. Nur diese fundamentale Einsicht bildet die sinnvolle Grundlage dafür, gewisse Gedanken nicht nur spirituell schadlos, sondern sogar spirituell fruchtbringend denken zu können. Diese Feststellung hat nichts mit einem pseudo-spirituellen Hochmut zu tun, es ist einfach so. Wer noch ganz und ausschließlich am Denken hängt (oder vielmehr an der Illusion des Denkens), für den können manche Gedanken regelrecht tödlich sein, und man muss sie deshalb nach Maßgabe seiner gegebenen geistigen Situation zu seinem eigenen Wohl möglichst von ihm fern halten.

Es gibt Geschichten, in denen spirituelle Meister Gift schlucken, und nichts passiert. Diese Geschichten sind vorwiegend symbolisch zu verstehen. Nie wird darin den Schülern empfohlen, das Giftschlucken ebenfalls zu versuchen.

Hoffen wir auf eine milde zweite Welle.

Des kleinen Coronas Gespür für Größenwahn

„Plötzlich“: Großer Boom der Corona-Verschwörungstheorien!

Ein sehr wesentlicher Teil dieser gegenwärtigen Krise, vielleicht der eigentliche, steht uns überhaupt erst noch bevor. Allein die rein medizinischen Implikationen sind noch nicht ausgestanden; die ebenso unvermeidlichen wirtschaftlichen Folgen haben noch gar nicht richtig zugeschlagen – von den politischen oder gar den gesellschaftlichen und kulturellen Konsequenzen ganz zu schweigen. All das kommt erst noch. Die Einen üben sich dieser Absehbarkeit gegenüber derzeit in frühlingshaft-heiterer Verdrängung – und die Anderen, bei denen es mit dem Verdrängen nicht klappt, die verschwören.

Es ist eine typische Folge der Schwierigkeiten, die die meisten Menschen mit konstitutiv zweischneidigen Wahrheiten haben: Sie fühlen den Drang, sich für eine Seite einer zweiseitigen Wahrheit zu entscheiden – und um das zu können, müssen sie die Seite, für die sie sich nicht entscheiden, aggressiv verleugnen; denn nur so können sie sich selbst zum betäubenden Vergessen der Tatsache zwingen, dass ihre betreffende Glaubensentscheidung völlig willkürlich ist. Wer sich entscheidet, vor dem Coronavirus eine alles beherrschende Angst zu haben, der muss zwanghaft alle verdammen, die weniger Angst zeigen; und wer sich entscheidet, keine Angst zu haben, der muss reflexartig alle Ängste als von schurkischen politischen Absichten gelenkt abtun, um seine eigene instabile, weil nicht wirklich tief gegründete Furchtlosigkeit vor sich selbst überhaupt zu rechtfertigen.

Das derzeit allgegenwärtige Verschwörungs-Geraune ist der charakteristische Vorbote des nächsten Kapitels der Krise, in dem das Medizinische in den Hintergrund tritt. Wer ein bisschen Ahnung von Geschichte hat, der dürfte sich darüber kaum wundern. Freilich, Ahnung von Geschichte als Allgemeinbildungsgut hat in den letzten Jahrzehnten sicherlich nicht zugenommen. Dass unsere gegenwärtige Situation ein Hinweis darauf ist, dass es für eine Gesellschaft von sehr konkretem Wert sein kann, eine breite Geschichtsbildung wach zu halten, und dass dieser Wert zuletzt arg unterschätzt wurde, bildet hier allerdings nur ein Randthema.

Das Verblüffendste dieser Tage ist nicht, dass auch sogenannte „intelligente“ Menschen derzeit der Verschwörerei erliegen – zur Immunisierung dagegen braucht es mehr als ein bloß „technisch“ intelligentes Gehirn, dazu braucht es eine gereifte Persönlichkeit, und Persönlichkeitsreife ist etwas noch bedeutend Komplexeres als binomische Formeln. Das Verblüffendste ist, dass sogar Menschen, die nachweislich hohe (Standard-)Intelligenz UND zusätzlich auch noch individuelle Merkmale aufweisen, die eigentlich auf beträchtliche Persönlichkeitsreife schließen lassen sollten, derzeit verschwörungstheoretische Pamphlete unterschreiben.

Dass ein Attila Hildmann, ehemaliger Star der Vegan-Bewegung, der zwar zweifellos im herkömmlichen engen Sinne hinreichend intelligent ist, aber schon seit jeher Zeichen einer stark unausgeglichenen Persönlichkeit gezeigt hat, jetzt wegen corona-bedingter Anstiftung zum Aufruhr von der Polizei abgeführt wurde, sollte nicht übermäßig verwundern. Dass allerdings Kardinäle der römisch-katholischen Kirche wie Gerhard Ludwig Müller, ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation (und mein noch ehemaligerer Dogmatik-Prüfer), gerade einen Text mitunterzeichnet hat, in dem unverhohlen über unlautere politische Neben- und Hinterabsichten der weltweiten staatlichen Maßnahmen gegen das Coronavirus gemunkelt wird, das ist schon wirklich deprimierend.

Demut, Zurückhaltung, Neugier

Der ehemalige „Welt“-Herausgeber Thomas Schmid schreibt auf seinem Blog: „Eine der klügsten und zugleich bescheidensten Bemerkungen über das Damoklesschwert namens Corona stammt von einem Mann, der sich selbst zur ‚Hochrisiko-Gruppe‘ rechnen muss. Auf die Frage, wie er die Krise erlebe, antwortete der Philosoph Jürgen Habermas, der in knapp zwei Monaten 91 Jahre alt wird, auf sokratische Weise: ‚Eines kann man sagen: So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.‘ Wie kaum ein anderer in den unterschiedlichsten Wissenschaften belesen, bekennt sich der Philosoph dazu, das zu sein, was wir alle sind: Unwissende. Alle tappen im Dunkeln, auch die Virologen. (…) Zu allem gibt es Meinung und Gegenmeinung, auch Expertise. Aber keine Gewissheit. (…) Das ist eine Erfahrung, die wir nie gemacht haben. Wir müssen uns in diesem Modus erst noch zurechtfinden. Dabei lernen wir, dass einiges, was bisher wertvoll glänzte, Talmi war. Es geht auch ohne. Etwa ohne jene großen Denker, die stets meinen, die Welt umfassend erklären zu können. Sie blamieren sich gerade. Ob der Philosoph Giorgio Agamben seine Theorie vom dauerhaften Ausnahmezustand bestätigt sieht; ob der philosophische Dampfplauderer Peter Sloterdijk gegen die westlichen Demokratien höhnt und einer neuen Wissenschaft, der Labyrinthologie, das Wort redet. Als ob Wissenschaft, Naturwissenschaft zumal, sich nicht immer schon im Labyrinth bewegte. Oder ob der Boulevard-Historiker Niall Ferguson kurzerhand die freiheitliche Weltordnung für gescheitert erklärt – diese Autoren verbreiten das, was sie immer schon gedacht haben. Corona aber ist etwas Neues, sich nur alter Ansichten zu vergewissern, hilft nicht. Diesen Denkern entgeht, dass sie mit ihrer Sturheit dem Ansehen ihres Metiers schaden. Demut, Zurückhaltung und viel Neugier sind gefragt.“ SIC!

Antwort an den „Wort-zum-Sonntag“-Pastor

Sehr geehrter Christian Rommert!

Ein mir nötig erscheinendes Wort zu Ihrem „Wort zum Sonntag“ (ARD) vom 25.04.2020.

Sie werfen allen, die jetzt nicht Abstand halten und Mundschutz tragen, „Egoismus“ vor. Indem Sie darauf hinweisen, dass Egoismus nicht mit Nächstenliebe vereinbar sei, nehmen Sie für Ihre Äußerungen biblische Rückendeckung in Anspruch.

Zunächst einmal: Biblische Rückendeckung zu Fragen der Etikette in Anspruch zu nehmen – und sei diese Etikette noch so existenziell relevant wie derzeit! – ist immer recht gewagt. Denn die Bibel gibt uns die „Freiheit eines Christenmenschen“ (diese Formulierung stammt sogar eher aus Ihrem evangelischen Vokabular als aus meinem katholischen), während Abstands- und Mundschutzregeln maximale physische Engführungen des zu Tuenden und zu Lassenden darstellen; letztere normativen Engführungen in ihrer zwangsbewehrten Konkretheit direkt von der Bibel herzuleiten, stellt schon eine kritische geistige Fallhöhe dar. Mit solcher argumentativer Vorgehensweise hat die Geschichte generell keine so guten Erfahrungen gemacht.

Um an dieser Stelle gleich eins ganz klar festzuhalten: Sollen wir Abstand halten? Ja. Sollen wir Mundschutz tragen? Ja.

Aber: Mit „Nächstenliebe“ hat das nichts zu tun. Gustav Schörghofer SJ, Künstlerseelsorger in Wien, hat diesen Einwand vor einer Woche treffend in folgende Worte gefasst: „Wir werden von einer Naturkatastrophe heimgesucht. Was uns auferlegt und aufgezwungen wird, soll größere Übel verhindern. Aber zu sagen, die Liebe verlange jetzt Distanz, ist ein Unsinn. Die Liebe braucht gewiss Distanz, aber sie sucht die Nähe zum Geliebten. Die Liebe besteht darin, dass der Liebende dem Geliebten mitteilt von dem, was er ist und hat, und der Geliebte dem Liebenden ebenso. Mitteilen bedeutet hier nicht, aus der Distanz Signale der Zuneigung zu senden, sondern hingebungsvolles Dasein für den Anderen.“

Ich selbst würde es so sagen: Jesus verstand Nächstenliebe sehr konkret. Er definierte sie unter anderem als „Kranke besuchen“. Von Viren wusste man damals noch nichts, und Mundschutz war ebenfalls noch unbekannt. Aber dass bestimmte Krankheiten ansteckend sind, das wusste man. Jesus fügte jedoch nicht hinzu: „…aber besucht sie nur, wenn sie nicht ansteckend sind!“

Was wir heute praktizieren, sind Regeln, die einem sehr abstrakten Zweck dienen: „Flatten the curve!“ Ich glaube, weil die Regeln so körperlich sind (übrigens, es gibt eine Menge Menschen, die unter einer Mund-Nasen-Filtermaske sehr schlecht Luft bekommen – das nur am Rande), vergessen wir zu leicht, dass der Zweck dieser Regeln eigentlich höchst abstrakt ist. Wir schützen mit ihnen nämlich keineswegs konkret diesen oder jenen Mitmenschen vor Krankheit und Tod. Die klare Zweckbestimmung der derzeitigen Maßnahmen wurde verbindlich von Virologen definiert, streng objektiven Experten, die dabei ausdrücklich den unbequemen Satz wiederholen: „Wir verhindern damit keine Ansteckungen, wir schieben sie nur zeitlich nach hinten, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten!“

Mehrere namhafte Verfassungsrechtler (z.B. Oliver Lepsius) haben genau aus diesem Grund auch klargestellt, dass es in der gegenwärtigen Lage keine akzeptable juristische Handhabe gibt, das Grundrecht „Schutz des Lebens“ über die anderen Grundrechte zu stellen. Damit alle Grundrechte gebührend geschützt sind, geht eine solche Hierarchisierung unter ihnen nur dann, wenn der damit intendierte „Lebensschutz“-Zusammenhang SEHR konkret aufgezeigt werden kann – und diese Konkretheit reicht den Verfassungsrechtsexperten in „Flatten the curve“ bei weitem nicht aus, wie sie fast unisono bekunden. Weshalb sie auf eine rasche Rückkehr zur legalen Normalität drängen, denn andernfalls steht die faktische Gültigkeit unserer Verfassung auf dem Spiel – ein sehr hoher gesellschaftlicher Wert, an dem ebenfalls und mindestens ebenso konkret Menschenleben hängen.

Damit komme ich zu meinem zentralen Punkt: Nicht zuletzt dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verdanken wir es, dass in unserem Land ein Grundvertrauen zwischen Bürger/innen und Regierung herrscht, das im internationalen Vergleich offenbar überdurchschnittlich ist. Dieses Grundvertrauen ist gerade in der jetzigen Krise für uns alle sehr, sehr wichtig. Denn viele der wichtigsten Maßnahmen gegen eine Pandemie, beispielhaft das Händewaschen, kann kein Staat jemals effektiv auf ihre Einhaltung hin kontrollieren. Gerade in einer Pandemie lebt die Bewältigung der Krise also entscheidend von mündigen, informierten und selberdenkenden Bürgerinnen und Bürgern – nicht von Ausübungsakten der Staatsgewalt in Verbindung mit „Untertanen-Gehorsam“.

Der beste und wichtigste Grundsatz der neuen Kontaktvorgaben der Bundesregierung ist deshalb der, man solle „seine physischen Kontakte auf ein absolut nötiges Minimum reduzieren“. Denn jede/r mündige Bürger/in muss letztlich bis zu einem gewissen Grad selbst und eigenverantwortlich entscheiden, worin dieses absolut nötige soziale Minimum besteht – insbesondere in Anbetracht der Perspektive, dass wir insgesamt mit dieser Pandemie möglicherweise bis zu zwei Jahre lang zu ringen haben werden. Eine vitale Staatsbürgergesellschaft kann das durchhalten – eine Regierung „allein“, ohne genügend Rückhalt in der Bevölkerung, nicht. Kinder beispielsweise, vor allem zwischen drei und sieben Jahren, brauchen – in nüchterner Abwägung aller erheblichen hygienischen Risiken! – spätestens nach sechs Wochen wieder ihre Spielkameraden; zu behaupten, das gehöre nicht zu den absolut nötigen Minimalkontakten, kann nur Menschen einfallen, denen Elternschaft persönlich sehr, sehr fern liegt.

Zur zivilgesellschaftlichen Vitalität und Robustheit gehört bei alledem maßgeblich die Toleranz, dass der andere Mensch – christlich gesprochen mein „Nächster“ – nicht sofort „schlecht“ ist, bloß weil er bei seinem Versuch der Lagebewältigung vielleicht irgendetwas ein bisschen anders macht als ich selbst. Ja, eine robust-vitale Zivilgesellschaft muss es sogar gelassen aushalten und verkraften können, dass es in ihr eine ganze Reihe „schwarzer Schafe“ gibt, die einfach zu ignorant sind, um zu kapieren, worum es gerade geht, und die sich deshalb leider eklatant unzweckmäßig verhalten. Psychologischer Fokus auf das Jagdspiel, solche „Versager“ zu stigmatisieren, lenkt keine Form von seelischer, geistiger und sozialer Energie in irgendeine hilfreiche Richtung.

Was mich in diesem Sinne an Ihrem ARD-Beitrag vom 25.04.2020 am meisten stört, ist, dass der ganze Stil Ihrer Äußerung einer ohnehin drohenden Polarisierung noch Vorschub leistet, die uns als Gesellschaft jetzt gerade am meisten schadet: „Wer nicht Abstand hält und nicht Mundschutz trägt, ist ein Gesellschaftsschädling!“ – es tut mir leid, aber das ist die Botschaft, die für mich aus Ihren Worten „rüberkommt“; und diese Botschaft halte ich im Grunde ihrerseits für schädlich.

Allen Menschen fallen die gegenwärtigen Maßnahmen schwer. Wer sie wirksam propagieren will, der soll mit gutem Beispiel und positiver Ausstrahlung vorangehen – OHNE die an der Vorgabe Scheiternden (warum auch immer Scheiternden) knurrig anzuprangern. Letzteres nämlich fördert nicht jenes Wir-Gefühl, das wir jetzt so besonders dringend brauchen, sondern beschädigt es.

Sie sagten: „Der Grund der Öffnung ist nicht, dass ich mit meinen Wünschen zum Zuge komme. Der Grund dafür ist, dass der wirtschaftliche Kollaps von Einzelhändlern irgendwie vermieden werden muss. Deshalb wird ihnen erlaubt, dass sie ihre Läden wieder öffnen. Und andere zittern weiter.“ Damit haben Sie selbst ja schon implizit eingestanden, dass alle unsere Maßnahmen in dieser Krise an dilemmatische Grenzen stoßen. Die wirklich logische Folgerung aus diesem Eingeständnis kann nur die sein, dass wir alle noch demütiger werden gegenüber der theoretischen und technischen Unlösbarkeit des Corona-Problems. Eine Katastrophe ist eine Katastrophe ist eine Katastrophe. Und die sinnvolle Konsequenz dieser Demut sollte zunehmende Nachsicht mit den Schwächen der Anderen sein, nicht zunehmende Disziplinierungslust.

Als vielleicht rein katholischer Einwand sei zum Schluss noch angefügt, dass die meisten aktiven Katholiken sich vermutlich eher schwer tun werden, den Wunsch nach öffentlichen Gottesdiensten als „egoistisch“ anzusehen – aber das mag auch schlicht den konfessionellen Differenzen in der Sakramententheologie geschuldet sein, in die wir hier nicht eintauchen wollen.

Mit freundlichen Grüßen

„Und er hauchte sie an“ (Joh 20,22)

„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Joh 20,19-23)

Mit der Nies-Etikette in Zeiten von Corona ist Jesu Verhalten völlig unvereinbar: Er hauchte sie an! Der Heilige Geist wird hier durch einen körperlichen Akt übertragen – wie ein Virus. Schwer anzunehmen, der Johannes-Evangelist habe über diese Darstellungsweise nicht nachgedacht, sondern sie sei ihm rein sponti-mäßig poetisch aus der Feder geflossen.

Schauen wir uns noch drei weitere Stichworte im Zusammenhang dieser ganzen Perikope genauer an: „Juden“, „Friede“, „Sünde“.

„Juden“ – das waren Jesus und seine Jünger auch, ohne Wenn und Aber. „Die Juden“ ist eine Abgrenzung aus der Zeit des Johannesevangeliums, unseres spätesten Evangeliums; denn erst rund ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Jesu begannen „frühchristliche Juden“ und „frührabbinische Juden“ tatsächlich manifest getrennte religiöse Wege zu gehen. Dieser historisch-kritische Einwand erweist sich hier als tiefen-theologisch sehr brauchbar: Die Jünger kommen zusammen in Furcht vor Menschen, die keineswegs so klar „die Anderen“, sondern die in den allermeisten Hinsichten immer noch und weiterhin durch und durch ihresgleichen sind. Das erinnert an die heutige Situation der Menschheit unter Corona: „Berechtigte“ Furcht müssen diejenigen haben, die heute, wie behutsam auch immer, unterm Strich etwas „gegen“ all die massiven Sicherheitsmaßnahmen gegen das Virus zu äußern wagen; denn sie ziehen den nicht unerheblichen Zorn jener Mehrheit auf sich, die keineswegs irgendwie substanziell „die Anderen“, sondern durchaus „ganz“ ihresgleichen sind, aber die sich in der gegenwärtigen Situation entschieden haben, ganz auf menschengemachte „Sicherheiten“ zu setzen und dafür einen sehr hohen Preis an Lebendigkeit zu zahlen bereit sind. Dagegen kann und muss man mit Recht einwenden, dass das in keiner Weise die spirituelle Lektion zu sein scheint, die aus dem Aufritt Jesu in Johannes 20,19-23, jener entscheidenen österlichen Stelle, hervorgeht. Es ist existenziell-theologisch sehr sinnvoll, das Wort „Juden“ in Joh 20,19 in einem völlig übertragenen Sinne zu lesen, anstatt darunter den religiös-kulturellen Klassifikationsbegriff zu verstehen, als den wir dieses Wort sonst heute benutzen.

„Friede“: Wenn Jesus dieses Grußwort gebraucht („Schalom“), dann sollten wir darin nicht nur eine Konvention sehen, sondern dieses Stichwort mit zwei wichtigen Stellen im Neuen Testament in Verbindung bringen: „Der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt“ (Philipper 4,7), und: „Frieden lasse ich euch; meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“ (Joh 14,27) Das heißt, der Friede Gottes lässt sich nicht mit vernünftigen Argumenten rechtfertigen. Er kann nur erlebt werden. Rein vernünftige Argumente werden niemals rechtfertigen können, irgendetwas zu unterlassen, das der Eindämmung eines Virus dienen könnte. Die reine Vernunft ist immer in einer Logik der Eskalation gefangen. Wenn ihre Eskalation den „Break-Even-Point“ der Lebensfeindlichkeit durchbrochen hat und dieser Umstand anfängt, einer Gesellschaftsmehrheit bewusst zu werden, dann bleibt nichts anderes übrig als das Eingeständnis, dass man manchmal Leben nur bewahren kann, indem man die Forderungen der reinen Vernunft entschlossen relativiert. Ein Friede, der nicht entscheidend in Gottvertrauen gründet, ist immer ein lebloser und lebensfeindlicher Friede.

„Sünde“: Sünde bedeutet „Absonderung“, Getrenntsein von Gott. (Etymologische Besserwisser-Debatten professioneller Altgermanen über „sin-“ und „sund-“ können wir uns sparen, im Zweifelsfall genießt die Volksetymologie volle eigenständige Rechte.) Die körperliche Begegnung mit Jesus und die Trennung von Gott werden hier also in einen direkten antithetischen Gegensatz gesetzt: Der anthropologische Grundzustand der Gottesferne kann nur aufgehoben werden, wenn wir bereit sind, mit Gott in der Gestalt des Mitmenschen in dessen ganzer physischer Realität in Berührung zu kommen. Insofern ist eine vernünftige Gesellschaft der Mindestabstände und der allgegenwärtigen Mund-Nasen-Filtermasken in einem tiefsten Sinne „sündig“.

Der Wiener Künstlerseelsorger Gustav Schörghofer SJ predigte zu dieser Bibelstelle am Weißen Sonntag 2020: „Von einer Naturkatastrophe heimgesucht, verschließen wir uns in unserem eigenen System, um dieses System nicht zu gefährden. Bricht das Gesundheitssystem zusammen, sterben Menschen, deren Leben in einem funktionierenden System noch erhalten werden könnte. (…) Aber ist tatsächlich das Leben das höchste Gut? Wird nicht das Leben sinnlos, wenn es über sich hinaus nichts Größeres, nichts Höheres findet? Und was wäre dann das höchste Gut? Das Höchste ist weder in einem Gut noch in einem Wert zu finden, sondern in einer Haltung. Das Höchste ist die Hingabe des Lebens, nicht seine Bewahrung. Christen glauben an einen Gott, der sein Leben hingegeben hat, nicht bewahrt. Es ist ein Gott, der sich selbst für uns hingegeben hat und immer noch hingibt. Dieser Geist, diese Haltung ist die Grundlage der europäisch-abendländischen Kultur. Ihm verdankt sich unser Gesundheitssystem bis heute – auch ohne ausdrückliche Berufung auf das Christentum. (…) Was uns auferlegt und aufgezwungen wird, soll größere Übel verhindern. Aber zu sagen, die Liebe verlange jetzt Distanz, ist ein Unsinn. Die Liebe braucht gewiss Distanz, aber sie sucht die Nähe zum Geliebten. Die Liebe besteht darin, dass der Liebende dem Geliebten mitteilt von dem, was er ist und hat, und der Geliebte dem Liebenden ebenso. Mitteilen bedeutet hier nicht, aus der Distanz Signale der Zuneigung zu senden, sondern hingebungsvolles Dasein für den Anderen.“

Die zehn großen Fragen an Corona

Charles Eisenstein hat einen sehr schönen, aber auch sehr langen Essay zur Analyse der gegenwärtigen Weltlage geschrieben, „Coronation“. Es bedarf freilich einer gewissen Textlänge, nicht bloß Gedanken, sondern ein Lebensgefühl zu transportieren, und darauf kommt es bei Eisenstein an. Dennoch hat er mich inspiriert – zusammen mit all den vielen Anderen, die im Moment Artikel von bis dahin unüblichem Umfang publizieren zu müssen meinen -, die wesentlichen Fragen, die die Coronavirus-Pandemie aufwirft, einmal möglichst knapp als solche, als offene Fragen nämlich, zusammenzufassen:

1. Das Langweiligste zuerst: die Wirtschaft, natürlich. Manchen scheint es immer noch zu verblüffen oder gar zu verstören, aber Beatmungsgeräte, Virus-Testkits und den ganzen übrigen Medizinkram, der in Pandemien umso nützlicher je vorhandener ist, muss man mit Geld kaufen, und dieses Geld muss man sich im Normalfall irgendwie redlich (naja) verdienen. Ich gehöre selber zu denen, die dieses Weltordnungsprinzip in seiner bisher gepflegten Absolutheit höchst kurios finden, dennoch käme ich nie auf die Idee, zu leugnen, dass es hier und jetzt nun einmal so ist, und dass wir unsere jetzigen Covid-Patienten nicht erst in einer besseren Zukunft behandeln können. Also muss die Weltwirtschaft, so sehr sie sich bitte demnächst grundlegend ändern möge, zunächst einmal in wesentlichen Zügen weiterlaufen können. „Lockdown“ ist eine in dieser Hinsicht offenkundig derart gravierend suboptimale Anti-Corona-Maßnahme, dass er die drängende kritische Frage aufwirft, ob und warum intelligentere Optionen vielleicht versäumt oder überhaupt nicht erkannt wurden. Diese Frage enthält auch die sehr schwierige Teilfrage, wie sich globalökonomisch akut rettendes, aber nicht langfristig heilendes „Weiterlaufen“ und langfristig heilende, aber nicht akut rettende „Veränderung“ miteinander vereinbaren lassen.

2. Zum Medizinischen: Höchste Klugheit im Umgang mit Covid-19 kann nur darin bestehen, sokratisch zu erkennen, dass wir so gut wie nichts wissen. Diese Erkenntnis setzt kein Medizinstudium voraus, sondern bloß fünf Minuten Philosophie, idealerweise ergänzt um zehn Minuten Grundkurs soziale Statistik: Wenn man sich einmal mit der interessanten Geschichte der Volkszählungen beschäftigt, stellt man erstaunt fest, dass es gar nicht so leicht ist, in einer überlokalen Größenordnung „Köpfe zu zählen“, obwohl das im ersten Moment so einfach klingt. Zu zählen, wieviele Menschen an einer bestimmten identischen Ursache gestorben sind, ist tatsächlich noch viel, viel schwieriger. Hierzu vorab: Krankenhäuser sind überfüllt mit Menschen augenscheinlich gleicher Diagnose, und die allgemeine Sterberate ist deutlich erhöht. An der realen Existenz einer viralen Pandemie gibt es also keinen sinnvollen Zweifel. Aber diese grundsätzliche Feststellung ist auch absolut das Einzige, was daran klar ist. Wir müssen lernen, uns hierauf zu beschränken, anstatt ständig von einer Basis des Halbwissens aus in eine Wissens-Einbildung auszuschweifen, die weitaus mehr schadet als nützt. Die paar spektakulärsten der bisher bekannt gewordenen Beispiele für Verzerrungen und Verschleierungen der Covid-19-Sterberate sind folgende: (a) Es wurden sehr weitgehend überhaupt nur Probanden mit ungefähr zu passen scheinenden Symptomen getestet, asymptomatische Verläufe sind kaum erfasst. Das verfälscht die Statistik fundamental. (b) Wird ein Patient mit passenden Symptomen erst ein paar Tage nach dem Höhepunkt seiner Symptomatik getestet, kann der Test bei ihm offenbar bereits „falsch“ negativ ausfallen. Wegen Organisationsstau bei den massenhaften Testungen wurden aber sehr viele „einschlägig“ Kranke erst getestet, nachdem sie schon wieder genesen waren. (c) Viele der hochalterigen und schwer vorerkrankten an Covid-19 Verstorbenen hatten Patientenverfügungen, in denen sie eine Beatmung ablehnten; man weiß also nicht, ob sie bei voller Anwendung der medizinischen Möglichkeiten vielleicht hätten überleben können.

3. Die allgemeinen Maßnahmen gegen Covid-19, die im wesentlichen auf Kontaktminimierung beruhen, führen, da Kontaktminimierung Isolation und Vereinsamung nach sich zieht, mit absoluter Sicherheit zu einem statistisch relevanten Anstieg von (a) häuslicher Gewalt, (b) auch ohne häusliche Gewalterfahrung durch die Situation traumatisch belasteten Kindern, (c) Suiziden, (d) Alkoholismus und anderen Formen von Rauschmittelsucht sowie (e) chronischen Erkrankungen mit mutmaßlichem psychogenem Anteil wie etwa kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs, die ohnehin die beiden statistisch führenden gesellschaftsweiten Todesursachen darstellen. Politisch muss die Gesamtheit dieser Maßnahmenfolgen sorgfältig gegen die Todesfälle durch Covid-19 aufgewogen werden. Außerdem sind Viren ein notwendiges Element unseres Mikrobioms, so dass eine Abschottung gegen eine Konfrontation mit ihnen sehr wahrscheinlich bereits mittelfristig verheerende Folgen für unser Immunsystem hat.

4. Wir dürfen als Teil der wenigen gesicherten naturwissenschaftlichen Fakten, die zu Covid-19 Relevanz besitzen, zur Kenntnis nehmen, „dass es in den letzten 17 Jahren nicht gelungen ist, weder eine Impfung, noch einen monoklonalen Antikörper gegen Corona-Viren zu entwickeln; dass es überhaupt noch nie gelungen ist, eine Impfung gegen welches Corona-Virus auch immer zu entwickeln; dass auch die so genannte ‚Grippe-Impfung‘ entgegen der gängigen Werbung nur einen minimalen Effekt ausweist.“ (Prof. Dr. med. Paul Robert Vogt, Zürich) Ebenso rein spekulativ sind derzeit (April 2020) noch alle Annahmen zu einer nach durchgemachter Covid-19-Infektion eintretenden Immunität gegen den Erreger – ganz zu schweigen von der Frage, welches Spektrum dessen nächster Mutanten eine solche Immunisierung mitbetreffen würde. Daraus – aber eigentlich ja schon rein definitorisch aus der Tatsache, dass die WHO Covid-19 offiziell als „Pandemie“ einstuft – folgt, dass es keine Erledigung des Problems innerhalb von weniger als ca. 18 Monaten geben wird. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen auf bis zu höchstens sechs Wochen Dauer berechneten Maßnahmen und solchen, die sich anderthalb Jahre durchhalten lassen. Je radikaler eine Maßnahme ist, desto weniger lang ist sie durchhaltbar. Der „lange Atem“ der Maßnahmen ist bei einer Pandemie das Wichtigste. Schon allein von daher sind alle Fürsprecher radikaler und einseitiger Maßnahmen grundlegend zu kritisieren.

5. Sehr wahrscheinlich werden wir auch rückblickend nie zu einem Konsens über eine objektive Beurteilung der gegenwärtigen Pandemie gelangen, denn wenn sie leichter verläuft als erwartet, werden die Einen sagen, das habe daran gelegen, dass sie eben nicht so gefährlich war wie prognostiziert, während die Anderen sagen werden, es habe daran gelegen, dass die Maßnahmen wirksam waren; sollte sie aber schwerer verlaufen als erwartet, werden die Einen sagen, dass die Maßnahmen nutzlos waren, während die Anderen sagen werden, dass die Maßnahmen eben nicht diszipliniert genug befolgt oder nicht resolut genug durchgesetzt wurden. Damit erscheint sehr fraglich und offen, was wir als Gesellschaft aus der Erfahrung dieser Pandemie wirklich werden lernen können.

6. Notfallmaßnahmen haben auf politischer Ebene generell die Tendenz, als vorübergehende zu kommen und für immer zu bleiben. Wenn man das eine Verschwörung nennen möchte, dann ist es jedenfalls die älteste und simpelste Verschwörung der Menschheitsgeschichte: die Logik der Angst. Sie raubt uns so viel Lebensqualität, dass das Wachstum an Weisheit Menschen zu allen Zeiten immer dahin geführt hat, die Logik der Angst aufzugeben und bewusst lieber mit der Unsicherheit und Gefährlichkeit zu leben, die zum Leben gehört – und auch mit dem (sogenannten) Tod, der zum Leben gehört. Werden wir es als Gesellschaft schaffen, diese weise Haltung (wieder) einzunehmen? Oder bleiben wir in der Logik der Angst gefangen? Was passiert dann? „Safety first“ ist eine zutiefst leblose Maxime. „Ein gerettetes Leben meint zunächst einmal nichts weiter als einen aufgeschobenen Tod.“ Das heißt, jede Lebensrettung muss zusätzlich mit Sinn gefüllt werden, sie füllt sich nicht aus sich selbst mit Sinn. Wo wir Freiheit, Vergnügen, Abenteuer, Spieltrieb und Grenzerfahrungssuche „hygienisch“ ausschließen, wird es für den Sinn des Lebens eng.

7. Das deutsche Grundgesetz kennt zwischen Grundrechten keine Hierarchie, „Schutz des Lebens“ darf nur dann punktuell anderen Grundrechten übergeordnet werden, wenn eine Perspektive auf Lebensrettung situativ sehr direkt und sehr konkret ist. Das ist bei der Zielangabe „flatten the curve“ nicht der Fall, sie ist eindeutig statistisch-abstrakt. Dies ist jedoch ganz klar die einzige seriöse Zielangabe aller staatlichen Maßnahmen gegen Covid-19, da sich eine Lebensrettung im individuellen Einzelfall aufgrund der kategorischen Komplexität von Vorgängen der Inneren Medizin ebenso kategorisch niemals überzeugend argumentativ darstellen lässt. Die leicht nachvollziehbare juristische Logik dahinter ist, dass eine Zulässigkeit des Argumentierens mit Eventualitäten allzu leicht beliebigen Suspendierungen von Grundrechten Tür und Tor öffnen würde, nämlich mit der beliebigen Begründung, es „könnte ja vielleicht irgendwie irgendwo“ dadurch ein Leben gerettet werden. Die Absicht unserer Verfassung, derlei missbräuchliche Argumentationsweisen auszuschließen, ist unmissverständlich. Einem staatlichen anti-pandemischen Maßnahmenpaket andere Grundrechte unterzuordnen ist also in Deutschland verfassungswidrig und auf Dauer verfassungsschädigend, also massiv gesellschaftsschädigend.

8. Jeder projiziert in die gegenwärtige Pandemie sein persönliches Lieblingsthema hinein. Pandemien, obwohl sie sich für den einzelnen Menschen bis zu einem gewissen Grad immer als „schwarze Schwäne“ im Sinne der bekannten Theorie von Nassim Nicholas Taleb ereignen, sind Routinen der Geschichte. Der Blick des postmodernen Historikers lehrt: Manchmal wurde nach Epidemien vieles anders – manchmal nicht ganz so vieles. Außer dem Virus bestimmen immer noch eine Menge anderer Faktoren das politische, gesellschaftliche und kulturelle Outcome eines solchen Ereignisses mit. Solange die Sterberaten weit entfernt sind (und das sind sie gegenwärtig) von denen der Pest von 1349, nach der schlicht die Arbeitskräfte zum Aufrechterhalt des gewohnten Gesellschaftsbetriebs fehlten, gibt es keine gesellschaftsverändernden Konsequenzen, die eine Pandemie zwingend zeitigen müsste; deshalb sollte man sich mit ideologischen Betrachtungsweisen zurückhalten. Pandemien der heutigen Größenordnung (Stand April 2020), die die häufigsten waren, scheinen bisher auch unter noch labileren Gesamtumständen, als sie derzeit herrschen, langfristig kaum je wesentlich in die Weltgeschichte eingegangen zu sein. Selbst die Spanische Grippe von 1918, die die Menschheit am vulnerablen Ende des Ersten Weltkriegs traf und deren Erreger offensichtlich tödlicher war als Covid-19, hat die Weltgesellschaft wohl nicht so nachhaltig reformierend beeinflusst, wie es viele Visionäre sich heute von Corona erhoffen.

9. Es ist ein aus der Geschichte bestens bekanntes Muster, dass Diktatoren äußere Feindbilder brauchen, um ihre Domäne im Inneren zusammenzuhalten. Auch ein Virus vermag diese Feindbildfunktion perfekt zu erfüllen. Manchmal ist nicht der Diktator zuerst da, sondern das geeignete Feindbild – „Gelegenheit macht Diebe“. In meinem Land gibt es momentan zwar keine ernstzunehmenden Diktator-Kandidaten. Aber wieder empfehle ich den Blick des Historikers, um nicht zu unterschätzen, wie schnell sich derlei unter ungünstigen Umständen ändern kann. Auch dieses Gefahrenpotential ist beim politischen Umgang mit einer Epidemie stets klug mitzubedenken. Wir sollten für diesen Punkt spätestens dann erhöht aufmerksam werden, wenn uns klar wird, dass auf der Erde gleichzeitig um ein Vielfaches tödlichere Pandemien als Covid wüten, über die wir uns keine vergleichbaren Gedanken und Sorgen machen: Hunger und Überernährung, Depressivität und Suizidalität, nukleares Wettrüsten und Naturzerstörung. Warum bekümmert uns all das so viel weniger? Simple Antwort: Weil es sich nicht als griffiges äußeres Feindbild eignet, gegen das man überzeugend eine vermeintlich wirksame Waffe beschwören kann.

10. Covid erlaubt uns strukturell keine befriedigenden Antworten auf die Fragen, vor die es uns stellt, ohne dass wir uns Rechenschaft geben über unser ganz grundlegendes Verhältnis zum Tod, und damit zum Leben. Ohne eine spirituelle Dimension ist folglich kategorisch keine sinnvolle Antwort auf die Covid-Herausforderung denkbar, und auf überhaupt keine Pandemie. Wir aber haben unsere Kirchen im März 2020 sofort und kompromisslos geschlossen und diskutieren eher über das Wiedereröffnen von Kindergärten als über das von Kirchen. Hierin drückt sich ein wahrer geistiger Kern unserer gesellschaftlichen Hilflosigkeit gegenüber Covid aus. Eine mir befreundete Pflegefachkraft brachte das so auf den Punkt: „Die Bewohner unserer Pflegeheime haben gerade die größte Lobby, die sie je hatten; ich prophezeie, wenn die Pandemie vorbei ist, wird unsere Gesellschaft sich um das Elend ihrer Alten in den Heimen wieder genauso wenig kümmern wie vorher – aber sterben, nein, sterben dürfen sie nicht!“

Tschuldigung, muss mal grade schreien:

Siehe die jüngste Pressekonferenz der Bundesregierung: Schulen sollen wieder öffnen – aber religiöse Versammlungen bleiben verboten. Das ist vom Grundgesetz her überhaupt nicht mehr zu rechtfertigen. Es zeugt von einem zutiefst religionsfeindlichen oder mindestens niederschmetternd religionsignoranten Geist, der sich in den letzten Jahren breit gemacht hat in einer Regierungskoalition, die aus zwei Volksparteien besteht, welche angeblich beide darauf Wert legen, insbesondere auch das christliche Element in unserer Gesellschaft zu repräsentieren. Solche frommen Bekundungen kann man offensichtlich in der Pfeife rauchen. Aber dieser Befund passt ja gut zusammen mit der gleichzeitigen – wenn auch von der corona-fiebrigen Gesellschaft leider weit weniger bemerkten – heldenhaften Entscheidung, von den rund vierzehntausend Kindern, die sich derzeit unter Umständen des blanken Horrors und der akuten Lebensgefahr in den ägäischen Flüchtlingslagern aufhalten, fünfzig (!!) aufzunehmen. Wohl denen, die wissen, was sie von ihren Politikern zu halten haben.

„Woman, what concern is that to you and to me? My hour has not yet come.” (John 2,4)

All of us „church kids“ remember those most enigmatic words of Jesus from the Gospel of John’s story about the Wedding at Cana, and our early-starting insurmountable question: What do they mean?

„On the third day there was a wedding in Cana of Galilee, and the mother of Jesus was there. Jesus and his disciples had also been invited to the wedding. When the wine gave out, the mother of Jesus said to him: They have no wine. And Jesus said to her: Woman, what concern is that to you and to me? My hour has not yet come.” (John 2,1-4)

There is an awful lot of commentary to be given on the frugal but super-deep verses of the Wedding at Cana – this is precisely why I want to concentrate on this one single „tiny“ question here: What does Jesus’ reply to his mother mean?

Other translations have „Woman, why do you involve me?“, or something like that. Comparing translations does not really help us either. Looking to the source does. Although not immediately, frankly. First you have to recognize and accept that these words, in Greek „Ti emoi kai soi, gynai?“, are a „pastiche“ – one of the Bible’s frequent and essential „intentionally semi-precise self-quotes“. Their template is in 2Sam 16,10 and 19,23, where David rebukes a family of vassals who are faithful to him but too zealous in persecuting his enemies: „What have I to do with you, you sons of Zeruiah – ti emoi kai hymîn, hyioi Sarouias?“ (see Footnote 1)

(Footnote 1: Need to know: In the first century CE, the Greek version of the Pre-Christian Bible, the „Septuagint“, was just as authoritative as the Hebrew version, furthermore, no serious scholar doubts that our gospels were written in Greek from their very beginning, and never in Aramaic – one just needs to be familiar with the conditions of Hellenistic culture in Ancient Near East, which totally included the Jewish territories as „Hellenistic Judaism“. This is why it makes perfectly sense to compare wording between the Septuagint and the gospels.)

So, through this pastiche, Jesus’ mother is depicted as „wanting too much“. Wherein lies the inadequacy of her wish? She seems to ask Jesus for wine. But in Jesus’ opinion, water has to be given first.

Remember that all the persons in this story represent groups – the wide variety of earliest churches. The mother of Jesus here represents an early Christian group the Johannine churches do not agree with. But about which issue?

The Gospel of John, our latest gospel, is the first canonical gospel to be heavily concerned with issues of „sacramental theology“. In the Gospel of John, water represents baptism, while wine or blood represent the Eucharist. Strikingly, you find a composition of „water and wine“ pretty much in this gospel’s beginning, in the Wedding-at-Cana story, and a composition of „blood and water“ in the end of the gospel, when Jesus is pierced on the cross. This is a bracket.

Blood and water from Jesus’ side mean that the sacraments of Eucharist and baptism spring directly from Jesus.

The Wedding-at-Cana story explains that baptism has to take place first: You must not receive the Eucharist before you have received baptism. The „Marian“ group alluded to by John 2,3-4 seems to have had a different opinion about this, which is refuted by the Johannine author.

Now you understand why Jesus’ answer to his mother’s request continues: „My hour has not yet come“ – first the water of baptism symbolically has to be brought in before the wine of the Eucharist can rightly be served. This was a core concern of Johannine theology – which means: Obviously not so in many other important earliest churches.

Alas, certainly we will continue to confront our young children with the lovely story of the Wedding at Cana without overstraining them with the full complexity of the true answer to their puzzled question: „What do these enigmatic words of Jesus mean?“ This is how an old tradition of biblical schooling is ensured to continue: a pedagogy working with the human appetite for riddles, some of which are true mysteries – but not all of them.

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