Impf-Petition

Auf der Plattform „Change.org“ habe ich folgende Petition gestartet:

„Impfbefürworter in der Politik, überzeugen Sie mich durch Ihr politisches Verhalten!

Ich bin kein Impfgegner. Aber ich kann gut verstehen, dass die vielen Impfgegner in Deutschland sich an zwei Sachverhalten festbeißen, die zu ändern in Ihrer Macht steht, Herr Spahn. Erstens: Sie sorgen dafür, dass in Deutschland von offizieller Seite energisch für das Impfen geworben wird. Aber Sie dulden, dass die angeblich unabhängige ‚Ständige Impfkommission (STIKO)‘ des Robert-Koch-Instituts, die über die öffentliche Empfehlung von Impfungen entscheidet, bekanntermaßen so gut wie ausschließlich mit Personen besetzt ist, die in engen geschäftlichen Verhältnissen mit der pharmazeutischen Industrie stehen. Wie wollen Sie so von der Unabhängigkeit der Impfempfehlungen der STIKO überzeugen? Und zweitens: Sie dulden, dass viele Impfstoffe in Deutschland überhaupt nur als Kombinationspräparate erhältlich sind. Dies dient allein geschäftlichen Interessen – nicht der Gesundheit der Bevölkerung. Die freie Bürgerin / der freie Bürger kann so nicht selbst darüber entscheiden, welche Impfungen er/sie wirklich haben möchte und welche nicht. Wie wollen Sie auf diese Weise davon überzeugen, dass Impfpolitik in Deutschland Lobby-unabhängig ist und allein auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußt? Es liegt in Ihrer Hand, dies sofort zu ändern, Herr Spahn: Tun Sie es! Verpflichten Sie alle Mitglieder der STIKO, ihre Verbindungen zur Pharmaindustrie offenzulegen, und verpflichten Sie die Pharmaindustrie, jeden Impfstoff auch als Einzelpräparat anzubieten! Dann haben Sie das Beste getan, was Sie derzeit tun können, um Impfgegner zu überzeugen.“

Diese Petition ist wichtig, weil in Deutschland derzeit eine aggressive und undifferenzierte Propaganda-Kampagne gegen Impfkritiker mächtig ins Rollen kommt, angeschoben von Behörden und politischen Entscheidern – hinter diesen jedoch von der Pharmaindustrie, für die Impfen ein Riesen-Geschäft ist: ein Geschäft mit der Angst (das sind leider viel zu oft die besten Geschäfte) – und leider ein politisch unkontrolliertes.

ACHTUNG: Ich selbst bin KEIN Impfgegner, sondern prinzipiell Impfbefürworter. Viele der verfügbaren Impfungen sind offenkundig wertvoll und von überzeugender positiver Wirkung. ABER: Wenn man das Thema „Impfen“ einmal wirklich nüchtern betrachtet, ist es wissenschaftlich offensichtlich äußerst komplex. In diesem Sinne sehe ich, dass vielen der klugen, differenzierten Impfkritiker in meiner engsten Umgebung derzeit arg Unrecht getan wird – und diese „Hetze“ nimmt zu.

Wirklich nüchtern betrachtet muss man eindeutig feststellen: Aus beiden Lagern im Streit ums Impfen werden uns leider in Form plumper Thesen viel zu viele anmaßende Wissensbehauptungen propagandistisch aufgetischt, die letztlich bloße Wissenseinbildungen sind. Was also lässt sich wirklich Sinnvolles zu diesem Thema beitragen?

Wenn die Regierung jetzt so sehr Druck macht „pro Impfen“, dann muss sie ihr Interesse daran zugleich auch auf eine persönlich überzeugende und moralisch saubere Weise darstellen. Denn die Behauptung, die Wissenschaft stehe pauschal hinter dem Impfen, ist einfach gelogen – sie steht lediglich ÜBERWIEGEND hinter dem Impfen. Das ist ein Unterschied. Intelligente Kritik an öffentlichen Impfempfehlungen muss daher nicht nur erlaubt und salonfähig sein, sondern sie ist weiterhin dringend nötig, um seriöse Forschung voranzutreiben.

Die beiden Punkte, auf die ich mich in meiner Petition konzentriere, sind für die Impffrage deshalb so entscheidend, weil sie sich nicht in die wissenschaftliche Debatte einmischen (was mir persönlich mangels Expertise auch gar nicht zustünde), sondern vielmehr mit jedermanns bloßem gesundem Menschenverstand bereits hinreichend beurteilbar sind: Nämlich, hier lässt unsere Regierung tief blicken, wie ungeheuerlich sie an den Marionettenfäden der Pharma-Lobby hängt.

Eine authentische Unabhängigkeit der angeblich unabhängigen Expertenkommission für Impfempfehlungen (der STIKO des Robert-Koch-Instituts) zu gewährleisten sowie jeder Bürgerin und jedem Bürger auf Wunsch vollständigen Zugang zu Einzel-Impfstoffen zu garantieren ist eine Forderung, die keinerlei wissenschaftlich-theoretische Probleme oder Zweifel nach sich zieht. Das einzige praktische Problem unserer amtierenden Regierung mit dieser Forderung ist, dass diese Maßnahmen ihren industriellen „Gönnern und Paten“ nicht gefallen, gegen die sie sich nicht durchsetzen kann – und von denen wir alle deshalb in Wirklichkeit „einseitig“ regiert werden.

Meine intelligent-impfkritischen Freunde und Angehörigen bekommen diese politische Abhängigkeit unserer pseudo-regierenden Amts- und Mandatsträger mehr und mehr in inakzeptabler Weise zu spüren in Form von primitiven Verbalattacken gegen sie wegen ihrer Geistesfreiheit – sogar seitens etablierter Medien. Ein Teil des Wutbürgertums übernimmt die Parolen einer Regierung, die ihrerseits mit diesen holzschnittartigen Parolen beginnt, das gesellschaftliche Phänomen des Wutbürgertums strukturell zu umschmeicheln. Und ein sich verantwortungslos bereichernder Industriezweig lacht sich ins Fäustchen. (Diese Situationsbeschreibung wiederum ist übrigens kein „Holzschnitt“, sondern das kann heute jeder sehen, der bloß die Augen aufmacht.) Dieser gefährlichen Entwicklung müssen wir dringend Einhalt gebieten.

Unterschreiben Sie deshalb bitte meine Petition, die sicherstellen soll, dass der Einfluss der Pharmaindustrie auf die Politik durch den Einfluss echter, seriöser Wissenschaft angemessen in Schach gehalten wird – und das gesellschaftliche Diskussionsklima in unserem Land sich dank mehr Sachlichkeit wieder verbessert.

Wer hat Angst vor der juristischen Über-Person?

Mariana Mazzucato („The Entrepreneurial State: debunking public vs. private sector myths“, London 2013) schreibt, der Staat besitze große Produktivkraft, und der medienpräsente niederländische Historiker Rutger Bregman (*1988) weist jetzt nachdrücklich darauf hin, dass es die Privatwirtschaft sei, in der die weitaus meisten „Bullshit-Jobs“ entstünden, nämlich im Marketing, in den Finanzdienstleistungen und sogar in der kommerzialisierten Technologie. Viele Finanzdienstleistungen wurden übrigens bis in die 70er-Jahre hinein beim Bruttosozialprodukt noch nicht einmal mitgemessen. Lasst uns jetzt den Mut haben, wirklich sinnvolle Dinge zu tun im Zusammenspiel zwischen dem Staat und dem freien Einzelnen – und die hybriden Strukturen der „Industrien“, die einen erstickenden Keil in dieses gesunde ursprüngliche Verhältnis getrieben haben, endlich wieder abbauen.

Neue Christliche Werte NCW+

Ich habe meinen Blog in „Neue Christliche Werte NCW+“ umbenannt, weil das besser ausdrückt, worum es mir aktuell und in Zukunft geht.

Der Name ist problematisch, aber das macht nichts, im Gegenteil, seine Ecken, an denen man sich stoßen kann, sind sogar gut.

Ich teile die Auffassung, dass „Werte“ ein Begriff aus der Welt der Ökonomie ist, der in Theologie und Spiritualität im engeren Sinne eher wenig verloren hat. Und trotzdem heißt mein Blog jetzt so.

Ich teile auch die Auffassung, dass es „neue“ christliche Werte in engerem Sinne gar nicht geben kann. Und trotzdem heißt mein Blog jetzt so. Denn man kann darunter auch die „Erneuerung“ einer christlichen Ausrichtung der Gesellschaft verstehen, und das ist es, worum es mir geht. In meiner Vorstellung ist diese Erneuerung aber keine „Restauration“; man kann nicht einfach „zu etwas Altbewährtem zurückkehren.“ Sonst wäre mein Blog ja nur ein weiterer von den vielen (ultra-)konservativen, fundamentalistischen oder traditionalistischen christlichen Blogs, die es schon gibt. Das Alte, das wirklich erneuert wird, bleibt nicht das Alte, es wird in gewissem Sinne etwas ganz Neues, das an etwas Altes erinnert. Anders geht es nicht. Deshalb ist der neue Titel meines Blogs trotz allem genau richtig.

Die „christlichen Werte“ können so alt sein, wie sie wollen – wir müssen jetzt trotzdem etwas ganz Neues daraus machen.

Die römische-katholische Kirche wird ihre derzeitige Vertrauenskrise, die der massenhafte sexuelle Missbrauch Jugendlicher durch Priester und Ordensleute sowie vor allem auch die regelmäßige systematische Vertuschung all dieser Missbrauchsfälle durch die zuständigen Bischöfe ausgelöst hat, definitiv nicht in der Form überleben, in der sie denjenigen von uns noch vielfach bekannt war, die sich an die 80er-Jahre erinnern.

In vielen der über 900 Beiträge zu meinem bisher „Offenkatholisch (Offkath)“ betitelten Blog, die ich heute auf „Unpublish“ gesetzt habe, habe ich mich mit Angelegenheiten der römisch-katholischen Kirche beschäftigt. (Freilich, in den letzten vier Jahren hatte ich an diesem Blog bereits nur noch sehr wenig weitergeschrieben.) Die römisch-katholische Kirche ist jetzt endgültig nicht mehr mein Thema. Sondern mein Thema ist ab jetzt das gesellschaftliche Überleben des Christentums ohne die kirchlichen Institutionen, die wir bisher kannten. Für diese Kehrtwende scheint es mir jetzt Zeit zu sein.

Manche Kirchenkritiker und Kirchenreformer steigern sich in die Erregung hinein, die Äußerungen von Gerhard Ludwig Kardinal Müller würden immer abstruser. Der Münchner Dogmatik-Professor Gerhard Ludwig Müller nahm einmal den sein Fach betreffenden Teil meines Lizentiatsexamens in katholischer Theologie ab, und ich kann zuversichtlich sagen, dass das Gebäude seiner Ansichten völlig schlüssig und durchdacht ist und ganz auf der Tradition der römisch-katholischen Kirche beruht. Jemanden an einem Punkt anzugreifen, an dem er nicht angreifbar ist, blamiert den Angreifer. Niemand, der qualifizierte Kirchenkritik üben möchte, sollte so tun, als wüsste GLKM nicht, was er sagt. Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Timothy Radcliffe, ehemaliger Chef des Dominikaner-Ordens, hat erkannt, dass die römisch-katholische Kirche längst tief gespalten ist zwischen „Communio-Katholiken (Communion Catholics)“ und „Himmelreich-Katholiken (Kingdom Catholics)“. GLKM ist der Wortführer der „Kommunionisten“. Ich bin ein radikaler „Himmelreich-Christ“. Das Letztere ist vermutlich das Erklärungsbedürftigere – und in den Augen vieler Menschen auch das schwerer zu Erklärende. Letztlich ist es diese Erklärung, um die es in meinem Blog fortan geht. Ausführungen über die „Müllerianer“ tragen dazu schlicht wenig bei.

Pi mal Daumen

„Pi-mal-Daumen-Buchführung“ – dieses Stichwort hört man jetzt im Kontext der neuen Selbstkritik diözesanen Finanzgebarens im katholischen Deutschland. Für eine wahre Kirche Christi finde ich „Pi-mal-Daumen-Buchführung“ völlig okay – so hat Judas die Kasse der Apostel auch geführt. Wenn man natürlich ganz und gar eine Institution nach gesellschaftlichen Standards geworden ist, ist man auch in deren Falle getappt und braucht Wirtschaftsprüfer.

„Gehört der Islam zu Deutschland?“

Keine Religion kann als solche zu Deutschland gehören, weil „Deutschland“ ein Begriff aus einer für diese Assoziation ganz unpassenden Kategorie ist. Einzelne Religionen gehören ja auch nicht ins Grundgesetz der BRD. Dass diese einen Gottesbezug aufweist, ist richtig und gut so, aber das ist zugleich auch die Grenze, nämlich das Äußerste in einem Verfassungstext über Religion sinnvoll Sagbare. Die Formulierung, in der die Frage landläufig und derzeit so erhitzt debattiert wird – „Gehört Religion XY zu Deutschland?“ – ist mithin so unsinnig, als würde man etwa fragen: „Gehört der FC Bayern in die Nationalhymne?“ Natürlich nicht! Und diese Auffassung dürften sicherlich auch alle FC-Bayern-Fans vertreten, die ihres Geistes mächtig sind.

Religionen sollen, so politisch sie auf ihre Weise auch sind oder sein können oder sogar sein sollten, außerhalb des im engeren Sinne Politischen stehen (für die Religiösen stehen sie oberhalb davon, für die Nichtreligiösen schlicht außerhalb) und die Sphäre des Politischen von dort her unterstützen. Das meint unser Grundgesetz, das meint das berühmte „Böckenförde-Diktum“ („Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“), das meint „Vorrang der Gesellschaft vor dem Staat“. „Deutschland“ bezeichnet einen Staat, und zu diesem als solchem gehört weder der Islam noch das Christentum. Ein „Populist“ ist nicht der, der auf die fragliche Frage diese oder jene bestimmte Antwort gibt, sondern jeder, der es nicht klar zurückweist, sie in dieser falschen Form überhaupt zu stellen.

GroKo-Bischof

Der evangelisch-lutherische bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm schreibt auf Facebook: „Ich begrüße es ausdrücklich, dass die Koalitionsverhandlungen zu einem Ergebnis geführt haben, auf das sich alle beteiligten Parteien einigen konnten. Alle, die nun über Annahme oder Ablehnung dieses Ergebnisses zu entscheiden haben, müssen gründlich abwägen, wie sie ihrer Verantwortung am besten gerecht werden können. Denn Verantwortung ist jetzt gefragt. Es geht nicht darum, wie man sich persönlich besser fühlt, sondern es geht darum, wie den Menschen, um die es geht, insbesondere den Schwächsten und Verletzlichsten, am besten geholfen ist. Es kann jetzt auch nicht zuerst um Parteiinteressen gehen sondern es geht um Verantwortung für das ganze Land, für Europa und, gerade im Hinblick auf die uns so wichtigen globalen Gerechtigkeitsfragen, auch für die Welt. Wer jetzt eine verantwortliche Entscheidung zu treffen hat, muss sich genau Rechenschaft darüber ablegen, was die realistischen Alternativen zur Bildung dieser Koalition sind und bei welcher der Alternativen die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass Schritte in die richtige Richtung getan werden. Jetzt wünsche ich denen, die die Nacht durchverhandelt haben, aber vor allem eine dicke Portion Schlaf!“ Ich selber bin nicht bei Facebook, aber mir wird gesagt, Bedford-Strohm nutze seinen betreffenden Account ganz offiziell in seiner Rolle als Bischof.

„Alle, die nun über Annahme oder Ablehnung dieses Ergebnisses zu entscheiden haben“: Gemeint sein können damit nur die SPD-Mitglieder, die in Kürze über den Koalitionsvertrag abstimmen werden. Im allgemeinverbindlichen pastoralen Tonfall des Bischofs unternimmt Bedford-Strohm damit einen sehr spezifischen parteipolitischen Beeinflussungsversuch, bei dem er die Große Koalition als alternativlos erscheinen lässt.

Ich schließe mich der theologischen Position an, dass es unmöglich ist, als echter und glaubwürdiger Christ unpolitisch zu sein, dass Christsein bis in die „Niederungen“ des äußerst Konkreten hinein notwendig politisch ist, und dass es daher völlig unsinnig wäre, von Christen parteipolitische Neutralität zu fordern.

Trotzdem stellt sich mir in diesem Fall eine mehrfache bedenkliche Schieflage dar:

1.) in den politischen Äußerungen von Christen sind etwaige kirchliche Hierarchiebezüge ungültig bzw. inexistent. Auch ein Bischof kann grundsätzlich in eigenem besonnenem Ermessen konkret parteilich Stellung beziehen. Aber er kann es nicht als Bischof tun; dies kann er nur aus derselben gesellschaftlichen Position heraus tun wie jeder andere Christ als solcher auch. Diese Bedingung wird hier gefährlich verunklart, sowohl durch die grundlegende Widmung des Accounts als auch durch den amtsgeistlichen Äußerungsstil. Dadurch wird suggeriert, die Kirche und ihre Theologie wären legitimiert, das politische Gewissen ihrer einzelnen Gläubigen vom Amts wegen zu beeinflussen. Das jedoch ist völlig inakzeptabel und unzulässig. Keine politische Partei kann als solche beanspruchen, den Willen von Christen als solchen besser zu repräsentieren als eine andere.

2.) Die tatsächliche Unmittelbarkeit der parteipolitischen Zielrichtung und Bezüge der Äußerung wird tendenziell verschleiert, sie will sich bedeckt halten, will sich nicht als das bekennen, was sie ist: eine Wahlkampftrommel. Das ist sehr ungut. Wenn Bedford-Strohm geschrieben hätte: „Hey, ihr SPD-ler, ich will, dass ihr für die GroKo stimmt“, wäre das weitaus besser, weil offener und ehrlicher gewesen. Darüber hätten die Meisten wohl nur geschmunzelt. Aber so hat es leider das Zeug zu einem kleinen Skandal.

3.) Christen, egal ob sie kirchliche Amtsträger sind oder nicht, sollten ihre politische Meinung grundsätzlich mit einer gewissen Behutsamkeit und Zurückhaltung in die öffentlichen Debatten einbringen, damit ihre Stimme und das Gehör, das diese erhält, sich nicht abnützt, sich nicht unnötig verbraucht. Das halte ich für eines des Grundgesetze des christlichen Politischseins. Es ist in dem Sinne auszulegen, dass beispielsweise ein echter christlicher Politiker nicht dauernd betont als Christ auftreten sollte, sondern durchaus weit überwiegend „einfach“ als Politiker, und speziell als Christ nur dann, wenn dies zur Begründung seines Handelns wirklich erforderlich und entscheidend ist. Gerade für einen amtierenden Bischof sollte umgekehrt gelten, dass die Auswahl der Themen, für die er sich parteipolitisch einsetzt, einer wirklich sehr anspruchsvollen Auslese folgen sollte. Vor diesem Maßstab ist die Frage „GroKo ja oder nein“ für meinen Geschmack ganz klar nicht bedeutsam genug. Ein Christ hat sich als solcher für oder gegen bestimmte politische Effekte einzusetzen. Eine Große Koalition ist aber selbst kein politischer Effekt, sondern bestenfalls ein halbwegs kausales Mittel zu einem solchen politischen Effekt – ein Mittel, dessen Effektivität aber wahrlich nicht völlig zweifelsfrei zu erscheinen vermag. Wenn ein Bischof sich medienöffentlich in das Schmieden politischer Allianzen einmischt, verpulvert er damit das geistliche Arsenal seiner politischen Munition. Ein solcher Zug hat sich kein Kompliment verdient. Er wird gerade nicht jener großen Verantwortung gerecht, die Bedford-Strohm in seinem Facebook-Post so gravitätisch beschwört.

Brexit

Vorweg eine harte, nüchterne Feststellung: Die Briten haben nie „wirklich“ zum geeinten Europa gehört, sie haben sich nie entsprechend verhalten und auch nie entsprechend gefühlt. Es ist gut, dass mit dem bisherigen grenzenlosen Feilschen um britische Sonderrechte in der EU jetzt konsequent Schluss sein wird, weil das wünschenswerte Klarheit schafft.

Abgesehen davon: Der „Brexit“ ist ein typisches Beispiel für eine Situation, in der Ideen über Realitäten gestellt werden. Als religiöser Mensch habe ich das nicht grundsätzlich zu beanstanden. Aber welche Ideen? „Europa“ war und ist eine Idee, die zwar schön und gut ist, mit dem entsprechenden Pathos der 1970er- bis 1990er-Jahre allerdings deutlich überbewertet war. Der „Brexit“ hinwiederum nimmt in Großbritannien offensichtlich eine aufgeblasene politische, nationale und kulturelle Identifikationsfunktion von in Wahrheit noch einmal erheblich geringerem echtem substantiellem, geschweige denn existenziellem Wert ein. Gewinnen wird Großbritannien mit der Verwirklichung dieser Idee in der konkret-praktischen Realität überhaupt nichts, verlieren einiges. Jeder, dessen Denken nicht von Ideologen geblendet ist, kann diese Tatsache nicht verkennen.

Aber das Denken sehr vieler ist eben von Ideologien geblendet – nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Europa. Ihre Zahl nimmt überall wieder zu, und ihre Ideologien sind zweifellos durchweg das, was man in plumper Lagerisierung „rechts“ zu nennen pflegt. Dieser „rechte“ Partikularismus muss aber nicht nur apotropäisch, sondern auch diskursiv ernst genommen werden, insofern hinter ihm Ängste drängen. Zu den Ursachen dieser Ängste gehören unter anderem ganz wesentlich ein Verfall der öffentlichen Anwaltschaft für echte, persönlichkeitsformende Bildung entgegen bloßer – immer spezialistischerer und „fachidiotischerer“ – Berufsausbildung, eine teilweise rätselhafte, sicherlich komplexe, sicherlich multikausale Epidemie orthopsychischer Schwäche in den durchschnittlichen Charakteren unserer mittleren Generationen, und ein dramatischer Verlust an spiritueller Lebenshaltungsfähigkeit. Die „Eliten“ in Großbritannien waren mit überwältigender Mehrheit gegen den „Brexit“. Es sind im wesentlichen die „dumpfen“ und vielfach irrationalen Motivationen der „kleinen Leute“, die Großbritannien aus der EU katapultiert haben – weil das, wovon die Geschichte der letzten Jahrzehnte diese „kleinen Leute“ wirklich „abgehängt“ hat, zu einem ganz wesentlichen Teil nicht materieller Wohlstand ist, sondern Lebensorientierung. Der „Brexit“ ist vor allem Orientierungssuche – verzweifelte.

Weitaus schuldiger noch als die britischen Wähler sind am „Brexit“ allerdings die Funktionäre der zentralen EU-Verwaltung.  Diese pseudodemokratischen Totalversager haben das vermeintlich geeinte Europa zu einem politischen After-System degenerieren lassen, das so kaum jemand will – auch ich nicht. Dieser Augiasstall muss jetzt endlich ausgemistet werden. Ein Misstrauensvotum gegen die EU-Komission und eine sofortige Auflösung des Europäischen Parlaments wären vielleicht ein guter Neuanfang.

TTIP-Leaks

TTIP muss jetzt um jeden Preis verhindert werden – denn selbst wenn die Inhalte dieses geplanten Abkommens sachlich akzeptabel wären (was sie nicht sind): Die Vorgehensweise der Initiatoren, die in ihrer fundamental antidemokratischen Gesinnung eine unerhörte Beleidigung jedes Bürgers irgendeiner ernsthaft als solche zu bezeichnenden Republik darstellt, verbietet kategorisch jegliche Zustimmungsfähigkeit dieses Machwerks.

Ramelow-Video

Inoffizielle Aufnahme von Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen („Die Linke“ / praktizierender Christ), wie er zu „Antifa“-Aktivisten sagt: „Es kotzt mich an, wie arrogant ihr seid, wie überheblich ihr gegenüber Menschen seid, die mit Flüchtenden exzellent umgehen.“ Offenbar zitiert er zuvor deren situativen Slogan, der die Wendung „…überall wo die Nazis sind…“ enthält. Offenbar fühlt Ramelow sich in diesem Moment, am Rande einer wohl nicht allzu bedeutenden lokalen Veranstaltung, ungefilmt. Es ist zwar schwer, die Situation ganz genau zu rekonstruieren, jedenfalls mit dem minimalen Recherche-Budget, das ich dafür übrig habe; folgendes aber lässt sich dazu gewiss sagen:

Dass der Filmende, wie seine Aufnahme dokumentiert, kontert mit: „Warum duzen Sie uns? Wir duzen Sie doch auch nicht“, bringt Ramelow aus dem Konzept. Rein rhetorisch mag das ein geschickter Konter gewesen sein; gleichzeitig aber gibt im Gesamteindruck der Szene genau diese Replik dem Vorwurf recht: Sie klingt nicht echt empört, sondern widerlich herablassend. Ramelow kennt seine „Genossen“ gründlich. Tatsächlich ist ein gewisser unsäglicher selbstgerechter „Weltretter“-Hochmut eines der am unangenehmsten hervorstechenden Charaktermerkmale vieler „typischer Linker“. Das kann ich aus eigener Erfahrung leider nur bestätigen – und zwar als jemand, der sich mit den Linken „am liebsten solidarisieren würde, wenn es ihm denn möglich wäre“; aber es ist mir nicht möglich, und ich frage mich seit langem, wie Ramelow das schafft.

Ob der von beiden Seiten der Meinungsfront gleichermaßen genüsslich geyoutubete Vorfall von Seiten Ramelows eine Meisterleistung an diplomatischer Geschicklichkeit war, sei einmal dahingestellt. Persönlich kann ich nicht umhin, ihn tendenziell sympathisch zu finden. Und glaube zudem ganz und gar nicht, dass er Ramelow künftige Wiederwahlstimmen kosten wird.

Böhmermann vs. Erdogan

Böhmermann sagt mit Absicht, was man nicht sagen darf, als Beispiel dafür, was man nicht sagen darf: Provokation von ganz durchschnittlicher Machart jeder Pubertät. Noch erschütternder als die Frage, wer im Fernsehen sehen will, was er sich in jedem Hinterhof reinziehen kann, ist die Frage, weshalb unser gegenwärtiger Gesellschaftszustand grundsätzlich so seltsam beeinträchtigt ist in seiner Fähigkeit, auf Pubertät pädagogisch angemessen zu reagieren. Vor allem aber: Wie kann so etwas in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ungehindert über die Welle gehen? Bevor Böhmermann bestraft wird, sollte der betreffende Sender bestraft werden, weil er einen geistig Minderjährigen nicht angemessen beaufsichtigt hat. Alle anderen Aspekte der Frage sind nebensächlich. Die persönliche Psychologie von Herrn Erdogan geht uns nichts an und kann uns gleichgültig sein. Wenn er strafrechtliche Ansprüche hat, werden unsere Juristen das schon feststellen.

Spendenaufrufe

Jetzt hat wieder die Zeit der vorweihnachtlichen Spendenaufrufe begonnen, die mich jedesmal in ein schwieriges Dilemma bringen: Einerseits bewegt mich die Vorstellung, „mit fünf Euro“, wie es immer heißt, eine Krankheit zu heilen, einen Schulbesuch zu ermöglichen oder gar buchstäblich ein Leben zu retten. Andererseits ist die kritische Frage, die sich heute dabei stellt, dank vergangener Skandale mit der Folge entsprechender Transparenz-Initiativen gar nicht mehr so sehr die, ob mein Geld dabei sein Ziel auch wirklich sinnvoll erreicht; sondern die viel grundsätzlichere des bleibenden und immer größer werdenden Skandals, dass all die Jahrzehnte, die wir unser gängiges Modell von „Entwicklungshilfe“ nun schon praktizieren, zu keinen hinreichend effektiven strukturellen Verbesserungen in den betreffenden Ländern geführt haben, und überdies, dass wir mit unseren kleinen Privatspenden „bezahlen“ sollen für das, was die Hauptakteure und Hauptverantwortlichen des gegenwärtig herrschenden gnadenlosen globalen Kapitalismus nicht nur in der Vergangenheit verschuldet haben, sondern munter immer noch weiter verschulden. „Kein Mensch muss heute hungern“, belegt Jean Ziegler glaubhaft. So gesehen trägt der gutherzige deutsche Privatspender mit seinem finanziellen Engagement perverser Weise noch dazu bei, das globale System der Ungerechtigkeit und Ausbeutung aufrecht zu erhalten und zu zementieren. Eine wahrhaft tragische Situation. Denn als Christ muss einem gewiss zunächst und vor allem bewusst sein, dass die heute Hungernden nichts von irgendwelcher „Politisiererei mit Blick auf morgen“ haben. Aber es ist ein reeller und daher schwer bedrückender Gedanke, dass jede Hilfe, die ich mit meiner vorweihnachtlichen Spende an humanitäre „NGO’s“ einem Hungernden bringe, strukturell zwei oder drei neue Fälle von Hunger erzeugt – eben wegen des „N“ in „NGO“. Als Denkschritt einer provisorischen Moral kann in diesem Dilemma wohl nur helfen, die Realität der genauen Zuordnung „meiner fünf Euro“ zu einem einzelnen, bestimmten, konkreten Fall von Hunger zu hinterfragen. Die Antwort fällt relativ leicht: Diese „Propaganda“-Realität ist schlichtweg nicht gegeben, in keiner Weise; sie kann gar nicht sein. Daraus ergibt sich als wichtigste Reaktion auf die Spendenaufrufsflut der Vorweihnachtszeit, das vielfache materielle Elend auf der Welt nie zu vergessen, und in allem, was wir tun, die globale Not zu bedenken, und nicht nur in den paar Minuten, die es dauert, eine gewissensberuhigende Spendenüberweisung auszufüllen.

Paris, 13.11.2015

Was mir sehr zu schaffen macht, ist die selbstverständliche Ignoranz, mit der fast gleichzeitige und genauso schlimme Terroranschläge, die weltweit geschehen, in den europäischen Medien derzeit so gut wie überhaupt keine Erwähnung finden, so als wäre derartiger Terror dort nicht so schlimm, wo man doch ohnehin schon daran gewöhnt sein muss, dass ein Bombe oder ein Massaker mit automatischen Waffen mal eben hundert Kinder in den Tod reißt. Ansonsten gibt es zu diesem Thema für mich nichts zu sagen, das besser wäre als die nutzlose und ermüdende „Bewegung heißer Luft“, von der unsere Medien jetzt voll sind.

Zum Tod von Helmut Schmidt

Helmut Schmidt war mir, wie so vielen, immer „irgendwie“ sympathisch. Ich kann diese Sympathie nicht genau erklären. Er war gerade Kanzler geworden, als ich geboren wurde. Mit meinem erwachenden gesellschaftlichen Bewusstsein rückte er in den Rang des Ex-Kanzlers auf und begleitete mich von dort aus mehr als drei Jahrzehnte lang. Mir gefielen sein nüchterner Humanismus, der zu einer kühl, aber verlässlich wirkenden hanseatischen Menschenliebe keinerlei Idealismus zu benötigen schien, die Klarheit und Präzision seiner Rede und seine eigensinnige, charakterköpfige Bildungsaura, und mir imponierte sein offiziersaristokratischer Habitus der Pflichterfüllung („er sei nicht sonderlich gern Kanzler gewesen und außerdem während seiner Amtszeit ungefähr hundert Mal bei offiziellen Anlässen wie beispielsweise Bundestagsdebatten infolge seines Herzrhythmusleidens kurzzeitig bewusstlos geworden“) einschließlich souveränem völligem Ignorieren der Tatsache, dass ihn in seinen politischen Aktivitäten kaum jemand in Deutschland so wenig mochte wie seine eigene Partei, deren Vorsitzender er nie wurde. Bereits 2011 führte die FAZ ein Interview mit Helmut Schmidt über „die letzten Dinge“, das sie sich zum Anlass seines Todes vier Jahre lang aufgehoben hat (weit vorausblickender Journalismus!). Darin sagt der Altkanzler:

„Die Vorstellung, dass es Dinge gibt, die wir nicht begreifen, und dass sie möglicherweise zusammenhängen, wird es immer geben, und bei primitiveren Geistern besteht nun einmal das Bedürfnis, diese Vorstellung eines Zusammenhangs zu personifizieren. (…) Im Christentum steckt eine Reihe von seltsamen Phänomenen. Das Christentum bildet sich ein, eine monotheistische Religion zu sein, ist es aber gar nicht. Jesus Christus ist viel wichtiger als der liebe Gott. Und außerdem gibt es noch einen Heiligen Geist – den hat Jesus Christus nicht erfunden, den hat ein Konzil erfunden. Und neben dieser heiligen Dreieinigkeit gibt es noch die Gottesmutter Maria, die in Polen viel wichtiger ist als Jesus und als der liebe Gott. Der Monotheismus ist eine Selbsttäuschung. Das glaubt der Ratzinger, aber der auch nicht ganz. Es ist auch eine Selbsttäuschung der Protestanten. Die alten Griechen waren da viel ehrlicher, die haben gleich viele Götter erfunden. Und nicht bloß vier. Wie die Jungfrau zum Kind gekommen ist, kann kein Christ wirklich glauben. Aber es wird gelehrt. Und keiner glaubt es. Das sind sehr seltsame Dinge. Es wird gelehrt kraft Autorität, kraft institutionalisierter Autorität. Und natürlich muss auch ein Theologiestudent, der die Hoffnung hat, Gemeindepfarrer und später Propst und noch später Bischof zu werden, so tun, als ob er es glaubt.“

Das Schmidt-Typische dieser Äußerungen scheint mir in der korrekten Faktizität reproduzierten Wissens bei völlig fehlender Kapazität zu einer „trans-materialistischen“ Wertung der betreffenden Wissensinhalte zu liegen. Der lateinische Ursprung des Wortes „Person“ bezeichnet die Maske des antiken Schauspielers, durch die dessen Stimme hindurch klingt (per-sonare). Die theologische Aussage über die „Personalität Gottes“ von dieser Erkenntnis her gründlicher und existenzieller zu reflektieren, wäre Helmut Schmidt nie in den Sinn gekommen – ebenso wenig wie die Möglichkeit, dass der Sinn von Religion sich womöglich doch nicht ganz in der bloßen sozio-kulturellen Dynamik von klerikalen Karrieren erschöpfen könnte.

„Die Aufgabenteilung zwischen Politik und Religion ist so alt wie die christliche Kirche. Der Papst auf der einen, der Kaiser auf der anderen Seite. Es war immer ein Kampf zwischen beiden Autoritäten. Ganz anders im Islam. Da hat es den Kampf zwischen diesen beiden Autoritäten nicht gegeben. Der Kalif verkörperte beide Autoritäten, ob es der Kalif in Bagdad war oder der andere in Córdoba. Im Konfuzianismus, den ich mehr für eine Weltideologie halte als für eine Weltreligion, hat es diese Dichotomie auch nicht gegeben. Sie ist ein Spezifikum der Europäer und Nordamerikaner. Eine der großen Schwächen des Christentums. (…) Ich wäre glücklich, wir hätten eine Staatsphilosophie wie die Chinesen, wo es diesen Zwiespalt nicht gibt, wo aber auch der Kaiser, der oben darüber schwebt, ob es ein Mandschu ist oder ein Han-Chinese oder ein mongolischer Kaiser, der die Chinesen beherrscht, Pflichten hat und vom Himmel abgerufen werden kann. Aber wer der Himmel eigentlich ist, das bleibt ganz unklar, ganz nebulös. Es gibt keine Riten, und für den Himmel werden auch keine Tempel gebaut. Er wird auch nicht verehrt. Der Kaiser wird verehrt, aber der Kaiser ist dem Himmel unterworfen. So eine Staatsphilosophie ist in meinen Augen dem ewigen Krieg der Europäer gegeneinander durchaus vorzuziehen.“

Dieser Standpunkt verkennt völlig, dass die Wiedervereinigung von Religion und Politik nach antikem Muster notwendig ein herrscherliches „Gottesgnadentum“ bedingt, dessen trostlose bis fürchterliche gesellschaftliche Konsequenzen die von Schmidt so gelobte Aufklärung erfreulicherweise beseitigt hat. (Ganz abgesehen davon, dass die Trennung von Religion und Politik tatsächlich bei weitem nicht so alt ist wie der antike Ursprung der Kirche; hier sind leider auch die „Fakten“ falsch.)

Fazit: Helmut Schmidt war als gebildeter sozialistischer Humanist vollkommen „unmystisch“ oder, wie man auch sagen könnte, total „mystisch unmusikalisch“.

Das mindert nicht die Feststellung: Er war ein großer Geist und ein noch größerer Charakter, der seinen Frieden finden möge.

Gedanken zur Familiensynode

Es gibt nichts zu spekulieren. Man muss jetzt ruhig halten und still abwarten. Aber unser Medienbetrieb, der ständig Formate und Programme zu füllen hat, kann das gar nicht.

Hat der Papst gut daran getan, die eigentlichen Verhandlungen der Synode entgegen dem früheren Usus nichtöffentlich zu halten? Der Vorteil ist die Freiheit der Rede, der Nachteil das Misstrauen, die Berichterstatter könnten die Debatten nachträglich in ihrem Sinne schönen. Ich denke, er hat das kleinere Übel gewählt. Damit kämpft er ganz stimmig an der Medienfront gegen den Ungeist des Konsumismus, wie er es auch sonst überall und jederzeit tut. Er zwingt die Interessierten, die sonst nichts tun können, zum Beten. Das hat sehr viel Sinn.

Man könnte sagen, wir müssen nicht auf das Ende der Synode warten, sondern auf das spätere Dokument des Papstes. Aber da der Papst ganz gewiss auf die Realität der Weltkirche eingehen wird, so wie sie sich während der Synode darstellt, ist der augenblickliche Prozess doch von sehr großer Bedeutung.

Mögen die theologischen Konfliktparteien, so wie sie derzeit auf der Synode repräsentiert sind, auch brüderliche Konkordanz anstreben – daheim zelebrieren ihre Gefolgschaften in den unermüdlichen Medien doch kaum bemäntelte Unversöhnlichkeit.

Das Schicksal der katholischen Kirche wird nicht in Rom entschieden. Der gegenwärtige Papst weiß das, er macht nur das Beste aus der Situation. Was Besseres als die Streithähne zum Miteinander-Reden zu zwingen, kann er nicht tun. Ob das die Einheit der Kirche retten wird, liegt nicht beim Papst, es liegt bei Gott allein.

Von der Gefahr eines neuen Schismas zu sprechen ist kein Unkenruf, es ist heilsamer Realismus. Einerseits kann man sich sagen: Wenn auf der Synode alle Beteiligten hochnervöse Angst vor einer Spaltung haben, werden sie eine solche auch zu verhindern wissen. Das mag sein. Aber wie weit reicht das? Das unterstellt, dass die Spaltung sich durch einen Willensakt vermeiden lässt. Für die aktuelle Synode selbst könnte diese Annahme vielleicht gelten. Aber für die Weltkirche in zwanzig oder auch schon in zehn Jahren?

Große konservative Teile der weltweiten katholischen Kirche sind eisern entschlossen, in der Debatte um deren förmlich-faktisch geltende rigide Doktrin über die christlichen sozialen Lebensformen keine Handbreit nachzugeben und dementsprechend nicht einmal ein bloßes versöhnliches Zeichen in dieser Richtung zu senden. Andere Teile der Kirche werden diesen Weg unter keinen Umständen mitgehen, ohne deswegen ihr profundes und glühendes katholisches Selbstverständnis aufzugeben. Es ist zu erwarten, dass die letztere Gruppe sich auf Dauer als etwas kleiner erweist als die erstere, aus dem einfachen Grund, weil die sogenannten „Progressiven“ auch die mit einer Lossagung von der Kirche innerlich Ringenden mit einschließen, von denen einige diesen Schritt unvermeidlich vollziehen werden, wenn sie sehen, dass ihre Position sich in der Weltkirche nicht eindeutig durchsetzen kann. Aber das bedeutet nicht, dass die Ultrakonservativen deswegen irgendetwas zu „gewinnen“ hätten. Sie treiben die Kirche mit ihrem harten Kurs ins weltgesellschaftliche Abseits.

Sie bedienen sich des bewährten „Ockhamschen Restarguments“. Ihre theologischen Begründungen sind plausibel, konsistent und kohärent. Doch das gilt für diejenigen genauso, die die Ansicht vertreten, die Stärke des Christentums und des Katholizismus liege gerade darin, auf die besonderen gesellschaftlichen Umstände einer bestimmten Zeit präzis eingehen zu können. Das hat den Missionserfolg des Christentums begründet, und es wurde unterm Strich immer als richtig angesehen. Sogar vom heiligen Wüsten- und Mönchsvater Antonius, der gewiss nicht als „Liberaler“ gilt, ist die Metapher vom „überspannten Bogen“ überliefert (Verba Seniorum X,2, Migne PL 73, S. 912). Wenige Seiten zuvor im selben Vätertext findet sich übrigens ein Wort von Papst Franziskus, das dieser spektakulär auf Homosexuelle in der Kirche münzte, von dem aber nur allzu wenige erkannt haben, dass es ein ehrwürdiges Zitat des Abbas Poimen ist: „Wenn du Ruhe finden willst in dieser und in der kommenden Welt, sag in jeder Angelegenheit: Wer bin ich? und urteile über niemanden.“ (IX,5, Migne PL S. 910)

Jene Katholiken, denen ich mich anschließe, werden ihr Christsein weiterhin in einer weit offenen und gleichzeitig ihrer eigenen Überzeugung zufolge ungebrochen katholischen Art und Weise leben. Dabei erkennen sie, dass die Positionen der kirchlichen Ultrakonservativen von Bedürfnissen und Ängsten bestimmt sind, und versuchen diese zu stillen und zu lindern; allerdings nicht auf Kosten derer, die sich nicht nur schmerzhaft, sondern auch gegen den Willen Christi ausgeschlossen fühlen müssen, wo ultrakonservative Vorstellungen die Kirche unwidersprochen gestalten dürfen.

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